"Leben und Sterben in L.A." (USA 1985) Kritik – Im Sumpf von Los Angeles

„Ich kann ihn nicht verpfeifen, das kann ich echt nicht. Selbst wenn ich dafür in den Knast gehe…“

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William Friedkin ist nicht mehr der Regisseur, der er vor 30-40 Jahren war. Das lässt sich über viele Regisseure sagen, natürlich, doch wenn man Friedkins Karriere einmal unter die Lupe nimmt, ist der Fall doch ein ziemlich schwerer. Mit dem Cop-Thriller ‚French Connection‘ schlug Friedkin über Nacht in die Filmwelt ein, sahnte die wichtigen Oscars ab und war plötzlich in aller Munde. Zwei Jahre toppte er seine Leistung nochmal und war 1973 schon mit dem Horror-Meisterwerk ‚Der Exorzist‘ auf der Höhe seines Schaffens angekommen. Natürlich ist ein solcher Jahrhundertfilm nicht mehr zu toppen und Friedkin konnte danach eigentlich nur nachlassen. Und genau das passierte auch. Der einst als Ausnahmeregisseur gefeierte Filmemacher fand sich in den Schattenseiten wieder und dreht zwar immer weiter Film, kam aber nicht mehr beim Publikum an. Ein Stern, der langsam am Horizont erlischt. 1980 drehte er zusammen mit Al Pacino ‚Cruising‘, floppte erneut und auch das filmische Endprodukt wusste ebenfalls nicht zu überzeugen. Mit dem furchtbar lieblosen und zusammengeklauten ‚Die Stunde des Jägers‘ begrub sich der gescheiterte Friedkin dann selbst und die tollen Jahre waren nur noch ein stummer Teil der Erinnerungen. Doch es gab noch einmal ein Aufatmen, zwar nicht von kommerzieller Natur, aber qualitativer. Im Jahr 1985 inszenierte Friedkin den Cop-Thriller ‚Leben und Sterben in L.A‘. und bewies seinen Fans noch einmal, dass er es nicht verlernt hat, auch wenn er nicht an die glorreichen Tage anknüpfte.

Kurz bevor der FBI-Agent Hart in seine verdiente Pensionierung gehen wollte, wird er bei einem Auftrag im Dienst getötet. Der Drahtzieher hinter dem Mord ist ein Geldwäscher namens Eric Masters. Harts Partner Richard Chance sinnt auf Rache und versucht alles, um den Verbrecher aufzufinden und zu überführen. Zusammen mit seinem neuen Partner John Vukovich macht er sich auf die Suche und überschreitet dabei nicht selten die Grenzen zur anderen Welt, gegen die die Polizisten eigentlich ankämpfen wollen.

Wie immer war in einer Hinsicht auf Friedkin verlass: bei der Atmosphäre. Friedkin konnte ein Gefühl, ein Feeling, einfangen, verarbeiten und übertragen. Genau das machte er auch in ‚Leben und Sterben in L.A.‘ Die schwülen und staubigen Aufnahmen von Robby Muller zeichnen sich nicht nur durch den charmanten Retrostil aus, sondern auch durch ihre Dichte und Impulsivität, die die Bilder zum Beben bringen. Zusammen mit den Atemzügen der Stadt bewegt sich der Brustkorb der Fotografien und saugt uns als Zuschauer in das unglamouröse Los Angeles. Dazu auch typische 80s Soundtrack von der Band Wang Chung, die auf Synthies und tiefe Bässe setzen und die Atmosphäre stark abrundet.

In der Hauptrolle des Richard Chance sehen wir den unterschätzten William Petersen, der auch unter Michael Mann in ‚Manhunter‘ zu glänzen wusste. Als versessener Cop Chance zeigte Petersen auch hier wieder, was für ein Potenzial in ihm steckte und kann seinen Charakter mit viel Kraft und der nötigen zwischentönigen Emotionalität ausarbeiten. Also sein Partner ist John Pankow als John Vukovich zu sehen, der zwar nicht mit Petersen mithält, aber ebenfalls eine grundsolide Darstellung abliefert und gerade im Zusammenspiel mit Petersen überzeugt. Willem Dafoe als Bösewicht Eric Masters ist natürlich eine Idealbesetzung und allein sein durchtriebener und teuflischer Blick genügt, um einen Charakter genau in die richtige Richtung lenken zu lassen. Dafoe zeigt gewohnt eine gute Leistung und ist wohl für Antagonisten geboren worden. Auch John Turturro darf in einer Nebenrolle ordentlich vom Leder poltern.

William Friedkin zog uns 1971 in ‚French Connection‘ schon nach New York, genauer gesagt, in den Stadtteil Brooklyn und ließ keine Wärme oder Herzlichkeit entstehen. In ‚Leben und Sterben in L.A.‘ begeben wir uns, wie der Titel unschwer zu erkennen gibt, nach Los Angeles. Und auch hier zeigt Friedkin nicht die schönen Ecken, die prachtvollen Villen, die gemähten Rasen und geleckten Wohnhaussiedlungen. Wir gehen in die Verbrechenswelt, in das dreckige und schmutzige Nebenleben der gepflegten und heilen Welt. Drogen, Nutten, Abschaum und Verbrechen. Und doch, so brutal er Los Angeles‘ Schattenseiten auch darstellt, seine Liebe und Anerkennung ist immer zu spüren. Er will keine Eindrücke zerstören, keine Rechnungen mit der Stadt begleichen, die ihm auf irgendeine Weise mal einen Strich durch ein Vorhaben gemacht hat, ganz im Gegenteil. Respekt und Ehrlichkeit. Wir machen uns mit Chance und Vukovich auf den Rachefeldzug. Vergeltung für den getöteten Polzisten, der, und hier wurde das Klischee mal wieder perfekt ausgefüllt, kurz vor dem Ende seiner Dienstzeit stand. Immer tiefer fallen beide, besonders Chance, der mit ansehen musste, wie sein jahrelanger Partner umkam, in einen Rausch der Rache. Eine Sucht, unaufhaltsam und alles mit sich reißend, durchströmt die Polizisten. Eines wird dem Zuschauer dabei schnell klar: der Film begann mit dem Tod und er wird auch mit diesem Enden.

Die Story selbst vom sich rächenden Polizisten ist ein alter Hut, doch Friedkins Inszenierung ist routiniert und straff und sorgt dafür, dass sie ihre Reize nicht verliert. Wir tauchen ein in das schwüle Los Angeles, die Luft scheint zu stehen, der Herzschlag der Stadt ist hörbar und doch spürt man diese greifende Kälte. Die Kälte der Situation, der Charaktere und der Handlungen. Die beiden Polizisten stehen auf der Seite des Gesetzes, doch die Trennlinien zwischen Verbrechen und Ordnungshüter verblassen hier nicht nur für kurze Augenblicke, sie werden ganz verschoben und überschritten. Das sonnige Wetter um uns herum, die dunklen Herzen in uns, pochend, getrieben und nach Rache sehnend. Friedkin spann ein Netz aus Verrat und Verzweiflung. Das Feuer wird zur interessanten Symbolik in Verbindung mit dem ersten Auftreten von Masters und dem letzten Blick. Sicher kann man dem Film seine Längen und gelegentlichen Durchhänger nicht absprechen, doch Friedkin wusste wie er den Film richtig aufziehen muss und bereichert den harten und spannend Cop-Thriller immer wieder mit Action-Szenen, die es nie sinnlos krachen lassen sollen und finden ihren Höhepunkt in der Verfolgungsjagd im sechsspurigen Verkehr. Leben und sterben, lieben und hassen und dabei wird der letzte Rest Menschlichkeit Stück für Stück aus den Polizisten genommen, nur damit sie ihr Ziel endlich zu erreichen, egal was es kostet.

Fazit: ‚Leben und Sterben in L.A.‘ ist der bis dato letzte wirklich gute und eigenständige Film von William Friedkin und zeigte genau die Stärken, die ihn immer ausmachten. Die Atmosphäre ist dicht, die Schauspieler stark, die Kamera toll und der Score atmet die 80er Jahre perfekt ein und aus. Spannend und mit dramaturgischen Grundtönen verpackt wird Leben und Sterben in L.A. zu einem sehr sehenswerten Film, der zwar weit vom Meisterwerk entfernt ist, aber immer wieder gesehen werden kann und zu packen weiß.

Bewertung: 7/10 Sternen