Kritik: Maps to the Stars (CA, US 2014)

Autor: Conrad Mildner

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„Niemand tritt zufällig in unser Leben. Wir rufen ihn vielmehr.“

Scheinbar minütlich werden neue Sterne geboren. Klatschmagazine, Promizeitschriften und Boulevardsendungen sind bevölkert von allerhand „Stars“. Sie laufen förmlich über. Deswegen ist es auch wichtig stetig zu erneuern. Newcomer kommen, andere stürzen ab, werden ausgesiebt, für tot erklärt, nur um dann an bei ihrem wirklichen Tod eine frenetische Überhöhung zu erfahren. Dabei gibt es gar keine Stars mehr. Aus den Halbgöttern sind Avatare, Marken und Images geworden. Wer himmelt denn noch Menschen auf der Leinwand an? Wer himmelt überhaupt noch die Leinwand an? Digitale Bilder auf weißen Laken kann man doch auch zuhause haben.

Der Trailer zur Adaption des Buchbestsellers „Fifty Shades of Grey“ erlangt wahrscheinlich höhere Klick- als Besucherzahlen. Die Hauptrollen spielen sogenannte No-Names, leere Gefäße zum Füllen freigegeben. Und wenn die Marke tot ist, werden sie ausgespuckt und müssen sich wieder selbst erneuern, um nicht auf der Strecke zu bleiben. Früher waren die Stars die Publikumsmagneten, jetzt sind es Franchises. Robert Pattinson, einst Gallionsfigur der Twilightsaga, durchläuft aktuell diesen Prozess. Seine Rollenwahl ist bemerkenswert. Dennoch, je weiter „Twilight“ zurückliegt, desto schwächer wird auch seine Star-Persona. Im letzten David-Cronenberg-Film „Cosmopolis“ spielte er die Hauptrolle des blutjungen Milliardärs Eric Packer, der in seiner Limousine durch New York streift. In „Maps to the Stars, dem neuen Film des kanadischen Auteurs, spielt Pattinson nur noch eine Nebenrolle und bei aller Ironie sogar einen karrierefixierten Jungschauspieler, namens Jerome, der als Limousinenfahrer jobbt.

Die durch ein Brandmal gezeichnete Agatha Weiss (Mia Wasikowska) begegnet Jerome bei ihrer Ankunft in L.A.. Sie birgt ein dunkles Geheimnis: Ihre Familie. Der Vater (John Cusack) ist ein bekannter Life Coach. Die Mutter (Olivia Williams) managt die Karriere des Sohnes und ekelhaft arroganten Kinderstars Benjie Weiss (Grandios: Evan Bird). Agatha ist das schwarze Schaf der Familie Weiss, das eigentlich vor langer Zeit verstoßen wurde. Über ihre Twitter-Bekanntschaft zu Carrie Fisher bekommt Agatha eine Anstellung als persönliche Assistentin der berühmten Schauspielerin Havana Segrand (Julianne Moore), die für die Hauptrolle in einem Remake kämpft, durch dessen Originalfilm ihre Mutter, die Hollywoodlegende Clarice Taggart (Sarah Gadon), schon zum Star wurde. Eine willkommene Besetzung, die nicht nur Havanas altersbedingte, berufliche Flaute beenden, sondern sie auch vom Schatten ihrer gewalttätigen Mutter befreien könnte.

Das Skript von Hollywood-Satiriker Bruce Wagner geizt nicht mit Namedropping und schmutzigen Details. Die spritzigen Dialoge haben sichtlich Spaß am inzestuösen Sündenpfuhl Hollywoods. Die Familie Weiss dient dabei als Parabelkörper des größten Kinoorgans der Welt, das vor gut hundert Jahren im Zuge großer Emigrationswellen seine Geburt erfuhr. Hollywoods frühe Heterogenität war sein künstlerisches Geheimnis. In „Maps to the Stars“ stellt Clarice Taggart das Goldene Hollywood als Wahnvorstellung ihrer Tochter Havana dar. Cronenberg entkörpert ihre Figur allerdings, lässt sie nur in alten, schwarz-weißen Filmbildern oder in den (Tag-)Traumwelten Havanas auftreten. In der Kollision dieser Bilder wird das Star-Trauma deutlich. Auf der Leinwand wurde Clarice als heitere, junge Frau konserviert. Havanna wird ebenso von diesem Kinobild heimgesucht; jung, schön und unschuldig in weiß gekleidet. Doch aus dem Mund der Geistererscheinung kommen nur brutale Anklagen und Erniedrigungen. Havana wurde als Kind von ihrer Mutter missbraucht und dennoch erscheint ihr Clarice nur in der Form wie sie das Kino gespeichert hat.

So deutlich wie hier hat David Cronenberg schon seit „Spider“ (2002) nicht mehr mit täuschenden Realitäten, Traumbildern und falschen Erinnerungen gearbeitet, obwohl dieses Motiv, neben der Philosophie des „New Flesh“, jahrzehntelang untrennbar mit seinem Werk vereint war. Wie Ralph Fiennes in „Spider“ sehen auch die Figuren in „Maps to the Stars“ Gespenster. Als Benjie Weiss aus bloßen PR-Gründen ein todkrankes Mädchen im Hospital besucht und sie kurz darauf stirbt, sucht auch ihr Geist ihn heim. Sowie bei Havana als auch bei Benjie sind diese Erscheinungen Schuldbilder. Sie wissen, dass die Geister nur Wahnvorstellungen sind. Es plagt sie dagegen die Last, die sie verkörpern.

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In „Maps to the Stars“ wuchert auch kein neues Fleisch mehr. Hollywoods Gewebe ist längst abgestorben. Die filmische Vielfalt ist der Ewigen Wiederkehr des Gleichen gewichen. Wagner und Cronenberg zeichnen eine Welt, die nur vom äußeren Bild, dem Image und der eigenen Marke abhängig ist. Der Kinderstar Benjie muss seinen Marktwert erhalten. Deswegen hält die Familie ihre Leichen im Keller gut versteckt. Havana geht dagegen mit den dunkelsten Wahrheiten über ihre Mutter an die Öffentlichkeit, doch deren Blick ist vom Kinobild der Filmlegende bereits verblendet. Hollywood reproduziert nur noch sich selbst. Das Erfolgssystem aus Franchises, Remakes und Reboots ist zur Wiederholung verbannt. Carrie Fisher, bekannt aus dem ersten und auch erfolgreichsten Franchise aller Zeiten, „Star Wars“, hat sogar einen Cameo-Auftritt im Film. Auch sie war nie ein wirklicher Star. Nach dem „Krieg der Sterne“, folgte erstmal der Krieg gegen den Alkohol.

Schien „Cosmopolis“ mit seinem Limousinen-Setting schon ungemein reduziert, gelingt es „Maps to the Stars“ noch weitaus trister auszusehen. Szenenbildnerin Carol Spier und Kameramann Peter Suschitzky gönnen dem Film nicht mal einen Funken Hollywoodglanz. Selbst die teuren Villen, Boutiquen, Clubs und Studios sehen leblos, kahl und unerträglich aus. Die Kamera rückt äußerst selten zwei Figuren ins Bild. Meistens sind alle für sich in ihren überwiegend halbnahen Kadragen, die sie zum einen großzügig isolieren und gleichzeitig emotional distanzieren. Selbst die Wahnvorstellungen Benjies und Havanas inszeniert Cronenberg mit einer seltenen Nüchternheit. Ja, gegen „Maps to the Stars“ wirkt „Cosmopolis“ geradezu üppig und ausladend. Die vielen Erzählstränge wurden dank des guten Drehbuchs und Cutter Ronald Sanders großzügig entschlackt und sinnvoll strukturiert; keine Zerstreuung, weit und breit.

Es weht ein kalter Wind über den Sunset Boulevard. Die früheren Filme des Kanadiers neigten zur poetischen Überhöhung. Es war progressives Kino voller Utopien. Hinter jedem Cronenberg-Film steckte eine Vision, ein Blick in die Zukunft, aufgeladen mit Ängsten und Hoffnungen. Er gab den oftmals brutalen und düsteren Filmen erst ihre Menschlichkeit. In „Maps to the Stars“ gibt es keine Utopien, kein „Neues Fleisch“ und keine Hoffnung. Vielleicht ist der Film deshalb so nackt, kühl und trostlos. Die Inszenierung ist weitaus schwarzer als das Drehbuch vermuten lässt. Die scharfen Dialoge hätten auch gut in eine konventionelle Hollywood-Satire gepasst. Doch zumindest Autor Bruce Wagner liefert den Funken Poesie, der „Maps to the Stars“ nicht zur Revue der Unmenschlichkeiten geraten lässt. Das im Film von Agatha oftmals zitierte Gedicht „Liberté“ von Paul Eluard wurde im Sommer 1942 auf Flyern von der britischen Luftwaffe über dem von Deutschland besetzten Frankreich abgeworfen.

Et par le pouvoir d’un mot
Je recommence ma vie
Je suis né pour te connaître
Pour te nommer
Liberté

Agatha, die vom Feuer gezeichnete, die Überlebende Hollywoods, kommt zurück nach L.A., um für die Freiheit zu kämpfen. Sie stand nie vor der Kamera, war nie in einem Franchise, wurde nie entdeckt, ausgespuckt und neugeboren. Lange bleibt man im unklaren wie der Film überhaupt enden könnte. Schließlich gibt es, anders als in vielen Hollywoodfilmen, keinen typischen Bösewicht mit dessen gewaltsamer Auslöschung das Happy End eintritt. Mit seiner blutigen Klimax bedient „Maps to the Stars“ zumindest eine weitere Konstante im Cronenberg-Kino und dennoch, trotz Wagners zitierter Lyrik, fehlt die Utopie. Hollywood wird ja nicht von Nazi-Deutschland besetzt. Es ist nicht „einfach“ mit Waffengewalt zu befreien. Den verfluchten Kindern des Valley, Havana, Benjie und Agatha, bleibt letztendlich nur die Flucht ins Geisterreich. Dort, wo keine Kamera mehr hinkommt.