Kritik: Wir sind die Millers (USA 2013)

Autor: Conrad Mildner

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„Me crossing the border alone, huge red flag, but families, they don’t get a second look.“

Die große Fernsehrevolution der letzten zehn Jahre hat sich nicht nur im Drama-Bereich vollzogen. Obwohl vornehmlich Serien wie „The Wire“, „Game of Thrones“ und „Mad Men“ das Bild des Quality-TVs prägen, hat sich auch im Comedy-Bereich vieles getan. Die klassische Sitcom im Multi-Camera-Stil mit Live-Publikum gibt es kaum noch und selbst Erfolgsserien wie „How I met your Mother“ zeichnen ihr lachendes Publikum bei einer Kinovorführung auf. Seit „Arrested Development“, also vor gut zehn Jahren, hat sich die komische Seite des Fernsehens schrittweise verändert und Comedy-Serien werden, trotz ihrer beschaulichen Episodenlänge von ca. 20 Minuten, gedreht wie ihre anspruchsvollen Drama-Kollegen mit mehreren Kameras, an echten Locations und nach originellen Drehbüchern. Serien wie „30 Rock“, „Community“, „Louie“ und „Portlandia“ werden zurecht von der Kritik hochgelobt und das obwohl die ganz große Zuschauergemeinde ausbleibt.

Das Fernsehen imitiert das Kino, denkt es neu, auf seine Weise. Beide Medien wachsen unweigerlich zusammen. Die Stars aus „Game of Thrones“ werden wohl bald bekannter sein als ihre Kino-Kolleg_innen und umgekehrt fangen Gesichter der großen Leinwand wie Kevin Spacey an sich für den kleinen LCD-Screen zu Hause zu begeistern. Auch im Comedy-Bereich strömen die Leute vom Fernsehen ins Kino. Kaum eine Komödie der letzten Jahre war nicht mit TV-Gesichtern besetzt und das ist bei „Wir sind die Millers“ nicht anders. Kathryn Hahn, Nick Offerman, Jason Sudeikis, Ed Helms und Urgestein Jennifer Aniston kommen alle vom Fernsehen und ihr dortiger Erfolg ist auch die Formel nach der Hollywood seine leider noch sehr eintönige Comedy-Suppe kocht.

„Wir sind die Millers“ erzählt die Geschichte von David Burke (Jason Sudeikis), einem kleinen Drogendealer, dessen Broterwerb gerade so ausreicht, um im absoluten Stillstand dahin zu vegetieren. Jedenfalls solange bis er eine große Menge Gras und Geld verliert und sein Boss (Ed Helms) ihm die Hölle heiß macht. Um seine Schulden zurückzuzahlen soll David eine Lieferung Marihuana von Mexiko in die USA schmuggeln. Damit der Coup möglichst unauffällig vonstatten gehen kann, gibt sich David zusammen mit der Stripperin Rose (Jennifer Aniston), der Ausreißerin Casey (Emma Roberts) und dem jungfräulichen Nachbarssohn Kenny (Will Poulter) als die amerikanische Durchschnittsfamilie schlechthin aus.

Regisseur Rawson Marshall Thurber hatte 2004 das derbe Vaughn-Stiller-Vehikel „Voll auf die Nüsse“ inszeniert und auch „Wir sind die Millers“ versteht sich nicht als Werk des subtilen Humors. Bereits in der Exposition werden dem Publikum die Klischees und Zoten nur so um die Ohren gehauen und es kommt der Gedanke auf, der Film wolle in erster Linie einen neuen Schimpfwörter-Rekord brechen. Doch sobald sich die Ersatzfamilie gefunden hat und nach Mexiko fliegt, beginnt das Drehbuch, aus der Feder von sechs (!) Autoren, langsam Form anzunehmen. Zwar bleiben die sexistischen Witzchen um Jennifer Anistons Figur – Sie ist die Stripperin, verstanden – uns den ganzen Film über erhalten, aber zumindest kann das ganze Ensemble beim Roadtrip zeigen, was in ihm steckt. Sudeikis, Roberts, Poulter und Aniston sind fantastisch, besonders als Gegensatz zur „wahren“ Durchschnittsfamilie, gespielt von Nick Offerman, Kathryn Hahn und Molly C. Quinn, denen die Millers auf ihrer Reise begegnen. Aus der recht einfachen Prämisse holt der Film innerhalb seiner konventionellen Grenzen das Maximum heraus, jedenfalls im zweiten Akt, der kein Auge trocken lassen dürfte.

Sobald die letzte halbe Stunde angebrochen ist, macht es sich umso ärgerlicher bemerkbar, dass man eben doch „nur“ im Kino und nicht vor dem Fernseher sitzt. Wo im TV Experimente möglich sind, sogar in der Mainstream-Comedy („30 Rock“), bleibt allgemein die Hollywood-Komödie und in diesem Fall „Wir sind die Millers“ bewegungsunfähig, angekettet am Stein des Großbudgets. Thurbers Film hätte, auch in Anbetracht aktueller Debatten, ein subversiver Film über moderne Familienmodelle werden können, aber inhaltlich wie formal vertraut „Wir sind die Millers“ all zu sehr dem zotigen Humor eines „Two and a Half Men“. Zumindest ist es ein Film geworden, der versucht normative Familienkonstrukte zu hinterfragen, aber letztendlich doch in der Suburbia-Hölle endet. Zwar ist die Ironie dahinter kaum zu übersehen, aber am Ende des Kinobesuchs steht trotzdem das Bild der intakten, weißen, vierköpfigen, heterosexuellen Familie, die den Nachbarn misstraut und höchstens nach Mexiko reist, um Urlaub zu machen. Schließlich regieren dort Gewalt, Drogen und schwule Cops.