"Mutants" (FR 2009) Kritik – Die Menschheit am Abgrund, doch die Liebe bleibt

Autor: Pascal Reis

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„Du musst verhindern, dass ich so werde wie sie.“

Selbstverständlich hat „Mutants“ das Zombie-(Sub-)Genre nicht neu erfinden können, der Franzose David Morley aber hat es immerhin zustande gebracht, der durch unzählige Ausformungen schon reichlich trivialisierten Thematik um carnivorische Wiedergänger und virulente Infektionskrankheiten Facetten abzuringen, die über den ‚Gefressen und gefressen werden‘-Topos hinausgehen. Dass sich das französische (Horror-)Kino im Jahre 2009 ohnehin in eine rein auf das Genre bezogene Vormachtstellung zurechtrückte und durch heftige Reißer wie „High Tension“, „Inside – Was sie will ist in dir“ und „Martyrs“ wiederholt in Sachen Schonungslosigkeit und inszenatorischer Stringenz aus dem Output des internationalen Marktes herausstach, lässt erahnen, dass „Mutants“ vielleicht nicht unbedingt zu den Zombie-Flics zählen wird, die sich sklavisch an das erschöpfende Aneinanderreihen von eskalativen Splatter-Effekten binden. Nein, „Mutants“ trägt mitunter den Mut in seiner Brust, über den Tellerrand hinauszublicken und sensible Akzente heraufzubeschwören, die in diesem monatlich aufs Neue ausgeschlachteten Gefilde dann doch nicht gerade zum Standard gehören.

Dass es „Mutants“ nicht darum geht, die Provenienz der Infektion zu beleuchten, wird durch ein reinrassiges Cold open veranschaulicht: Wir sind ohne sonderliche Umschweife direkt im (post-)apokalyptischen Korsett gefangen und folgen Sonia (Hélène de Fougerolles) und Marco (Francis Renaud) auf ihrem Weg zur Militärbasis Noah, wo sie einen Platz auf der Arche ergattern möchten. Irgendwo im französischen Bergland angesiedelt, prescht das Paar durch einen von Schneehauben bedeckten Wald, immerhin noch mit dem Glauben an eine Zukunft verbunden. „Mutants“ geht sodann auch äußerst geschickt vor, er lässt sie immer wieder kurz aufflammen, die Bedrohung durch die herumstreunenden Infizierten, um Sonia und Marco in einem verlassenen Gebäude dann ganz auf sich zu stellen. Die Situation wird dadurch emotional verschärft, dass Marco von einem der rasenden Ungeheuer in Menschengestalt angefallen und gebissen wurde – Die Uhr tickt also gnadenlos runter, bis auch Marco einer von ihnen wird. Famos ist dabei mitanzusehen, wie fachmännisch Morley mit dem Gefühl für Räumlichkeit umgeht.

Zuvor noch in den Wäldern verkehrend, der Blick fand immer eine neue Baumreihe am Horizont, zieht „Mutants“ das Szenario während des Aufenthalts in der Medizinanstalt bis auf den komprimierten Radius eines Kammerspiels zusammen. Dieser Eindruck, kein Entkommen mehr erfahren zu dürfen, bezieht sich dabei nicht nur auf das Gelände, den momentanen Spielraum, sondern basiert ebenso auf den Emotionen der Protagonisten. All die Hoffnungen, die sich noch mit Noah verknüpft sahen, zerfallen angesichts Marcos garstiger Transformation (hier wird auch in Sachen Make-Up durchaus gute Arbeit geleistet) zu Staub. Er speit Blutfontänen, Zähne und Fingernägel brechen ihm aus, doch Sonia gibt nicht auf, ein sanftes Wispern, „Ich liebe Dich“, bleibt bestehen, egal, wie extrem die äußeren Veränderungen ihren Liebsten auch zieren. Dass „Mutants“ es nicht wirklich überragend vollbringt, seinen Charakteren echte Tiefe einzuflößen, ist wohl dem auf knackiges Pacing bedachten Narrativ anzukreiden, welches sich eben immer noch mehr als Horror-Film, denn als Charakter-Drama verdinglichen möchte.

Es sind daher auch primär die Anlagen, die „Mutants“ über den Durchschnitt hieven, wohingegen seine (technisch ansprechende) Umsetzung gerne etwas zu ruckartig, zu schemenhaft verbleibt. Ist Marco erst einmal dem Biss vollkommen zum Opfer gefallen, darf sich „Mutants“ auch in Gore suhlen, wobei sich die Schmierereien weit weniger selbstzweckhaft präsentieren, als in vielen anderen Genre-Abkömmlingen. „Mutants“, im Übrigen ein gelungener „28 Days Later“-Epigone, versteht es hingegen, seine durch eine reduzierte Farbpalette ausgekleidete Kulissen auch an einem allegorischen Charakter weiden zu lassen und die Landschafts- wie Gebäudeimpressionen auf sein Figurenarsenal zu übertragen. Dass sich dabei auf die Stichworte um (emotionaler/sozialer) ‚Kälte‘ und ‚Isolation‘ bezogen wird, mag nicht sinnstiftend sein, ist aber immerhin insofern effektiv, als dass man nachvollziehen kann, wie es aussieht, wenn sich ein gesellschaftliches System am Abgrund zusehends selbst aus den Augen verliert.

„Mutants“ ist am 4. Juni in einer neu aufgelegten Premium Edition im Handel erschienen.