"Perfect World" (USA 1993) Kritik – Freundschaft und Verbrechen

„Werden Sie mich erschießen?“

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Seit sieben Jahrzehnten ist Clint Eastwood schon in der Filmwelt vertreten und beglückt seine Fans mit einer tollen Leistung (vor und hinter der Kamera) nach der anderen. Eines seiner größten Jahre ist wohl 1993, in dem Eastwood nicht nur mit ‚Erbarmungslos‘ dem Western zum letzten Mal die Ehre erwies. Er inszenierte auch das einfühlsame Road-Movie ‚Perfect World‘, das leider viel zu oft schlecht wegkommt, obwohl es ohne weiteres zu Eastwoods besten Arbeiten gehört.

Schwerverbrecher Butch Haynes nimmt nach einem geglückten Gefängnisausbruch den achtjährigen Philip als Geisel. Auf der gemeinsamen Flucht wachsen die beiden immer mehr zusammen. Ein Riesenaufgebot von Gesetzeshütern klebt ihnen dabei allerdings schon längst an den Fersen.

Das Texas der 60er Jahre wurde von Kameramann Jack N. Green in wunderbar-nostalgischen und warmen Bildern eingefangen. Auch der melancholische und zarte Soundtrack von Lennie Niehaus passt sich den tollen Aufnahmen genau an und unterstreicht sie auf unaufdringliche Art und Weise. Das erzeugt eine Atmosphäre, mit dem typischen Eastwood-Touch, die umklammert und sich dem Zuschauer immer mehr nähert.

Mit Kevin Costner in der Hauptrolle hat ‚Perfect World‘ den perfekten Schauspieler für den durchaus gefährlichen, aber auch charismatischen Butch gefunden. Kostner bringt einer großartigen Leistung, mit Sicherheit eine seine besten und kann durch seine nuancierte und feinfühlige Darstellung sofort überzeugen und packen. Kinderdarsteller T. J. Lowther als Philip bringt für sein Alter ebenfalls eine äußerst authentische und starke Leistung. Clint Eastwood hält sich etwas zurück und übernimmt als Chief Red Garnett eine recht kleine Rolle, kann aber mit seiner typischen Coolness auffahren und hat gegen Ende noch eine ganz große Szene. Laura Dern bietet als Sally Gerber dem Männerhaufen auch nochmal so richtig die Stirn und hat sichtlich Freude an ihrer Rolle.

Clint Eastwood legt bei ‚Perfect Word‘ den großen Wert auf Charakterisierung und Entwicklung dieser Charaktere. Das fängt an bei Butch, der mit seinem verstörten Mithäftling aus dem Gefängnis flieht und nach dem Ausbruch bei einer Familie haltmacht. Die Familie vom kleinen Philip. Philip wird daraufhin als Geisel genommen und in eine völlig unvorhersehbare Situation gepresst. Eine Situation, die man mit 8 Jahren gar nicht realisieren und begreifen kann. Nachdem der Zellengenosse von Butch immer auffällige wurde, schafft Butch ihn aus und macht sich mit Philip allein auf den Weg. Endlose Straßen. Texas‘ Weiten. Doch Butch und Philip kommen sich immer näher. Beide hatten keinen Vater und mussten auf diese Stütze immer verzichten. Mit Butch bekommt Philip diese Art Vaterfigur, die er sich immer gewünscht hat. Butch erteilt ihm Weisheiten über das Leben, hilft ihm und erlaubt ihm verbotene Dinge. Dinge, die er als Zeuge Jehovas nie machen dürfte. Er lässt ihn Leben in Freiheit. Butch hingegen kann endlich Verantwortung übernehmen. Eine Verantwortung, die beide von ihren Vätern nie erfahren haben. Butch kann endlich der Mensch sein, der ihm immer gefehlt hat. Trotz seiner Vergangenheit ist Butch kein schlechter Mensch, doch manchmal überschreitet er klare Grenzen. Philips Mutter hat derweil längst Chief Garnett alarmiert und der haftet sich mit einem Team direkt an die Hacken von Butch. Doch das Schicksal schreibt seine eigenen Regeln und handelt nicht immer so, wie man es sich wünscht…

‚Perfect World‘ konzentriert sich ganz klar auf die Beziehung zwischen Butch und Philip. Die anfängliche Angst, die immer mehr in Vertrauen umschlägt und sogar zu einer Freundschaft heranwächst. Butch und Philip werden auf ihrer gemeinsamen Reise zu Komplizen. Philip wird eine Welt ohne Regeln eröffnet, er kann sogar seinen Namen ohne weiteres in Buzz ändern. Butch ist ein Verbrecher, ein Mörder, aber mit Sicherheit kein Ungeheuer. Beide leben sie in einer Welt voller versagender Väter. Beide sind sie Einzelgänger in dieser gescheiterten Welt. Der Vater-Sohn-Konflikt spielt hier durchgehend eine wichtige Rolle. Genau wie die Gewalt, die zwar nie ins Bild gerückt wird, aber immer präsent ist. Ganz besonders in der nervenaufreibenden Szene, in der Butch alle Sicherungen durchbrennen, als er sieht wie ein Vater mit seinem Kind umgeht. Und natürlich im dramatischen Finale, in der die ganze Sache völlig aus dem Ruder läuft und sich der leise Hoffnungsschimmer auf eine schöne Zukunft in blanker Verlorenheit verschwimmt.

Obwohl der Ernst der Lage die Geschichte immer wieder einholt, sind es doch ganz besonders die schönen, zärtlichen und sensiblen Momente, in denen ‚Perfect World‘ ganz groß auffahren kann. Das liegt vor allem an Philipps kindlicher Naivität, gepaart mit Butchs trockener Art. So ist ‚Perfect World‘ zwar in erster Linie ein stilles und ernstes Drama, wird aber auch durch seine gelegentliche Lockerheit einfach unheimlich liebevoll, herzlich und vor allem sympathisch. Man fiebert mit Butch und Philip und wünscht ihnen einfach nur ein gutes Ende. ‚Perfect World‘ füllt seine 130 Minuten blendend aus und wird zu einem der ganz besonderen Filmerlebnisse.

Fazit: Clint Eastwood hat längst bewiesen, dass er sowohl den rauen Film beherrscht, aber auch viel Herz zeigen kann. In ‚Perfect World‘ verknüpft er beide Aspekte wunderbar und inszeniert einen rührenden Film mit hervorragenden Darstellern, tollen Bildern, feinem Soundtrack und einer fesselnden Atmosphäre. ‚Perfect World‘ ist ein ruhiger, unaufgeregter Film, aber es ist vor allem ein Film mit viel Kraft, der den Zuschauer immer an den richtigen Stellen berührt und ihm zu keiner Zeit wehtut.

„Sie sind nicht böse, nicht wahr Butch?“

Bewertung: 9/10 Sternen