"Suspiria" (IT 1977) Kritik – Ein Märchen für Erwachsene

Autor: Philippe Paturel

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„Bad luck isn’t brought by broken mirrors, but by broken minds.“

Da stehe ich nun, verwirrt und allein gelassen – gleichsam der Protagonistin – und ich frage mich, wo der Sinn hinter all dem Schabernack steckt. Noch immer läuft der Abspann und schnell wird mir klar: Wer hier nach dem Sinn sucht, ist an der falschen Adresse, denn Dario Argento ging es die ganze Zeit nur um das Erleben, das Fühlen der ästhetischen Darstellung von Morden mitten in einem experimentellen Okkultstreifen. Dabei ist ihm eine der nachhaltigsten Arbeiten der Kunstgeschichte gelungen, die sich weniger durch ihre Morde auszeichnet, als durch ihre beängstigende Atmosphäre.

Suzy möchte eine professionelle Balletttänzerin werden und so macht sie sich auf den Weg nach Freiburg, um dort an einer der renommiertesten Ballettschulen der Welt zu studieren. Mitten in der Nacht kommt sie im strömenden Regen in Freiburg an und macht sich mit dem Taxi auf den Weg zur Schule. Dort angelangt, trifft sie am Eingang auf eine verstörte, junge Frau. Als Suzy am nächsten Tag mit ihrem Unterricht beginnt, muss sie erfahren, dass die Frau Opfer eines Mordes geworden ist. Und auch in der Schule beginnen sich von nun an mysteriöse Ereignisse zu überschlagen.

Dargio Argento war, schaut man denn genauer hin, nie ein Regisseur, der seine Geschichten mit Hilfe von konventionellen Mitteln erzählte. Bei ihm steht in jedem Augenblick die inszenatorische Finesse im Vordergrund, die eine maximale Wirkung entfalten soll und so ist „Suspiria“ als Kunstwerk unter den Horrorfilmen zu verstehen. Schreckensmomente werden zu etwas Wunderschönem und traumhafte Szenen zu angsteinflößenden Lichtfluten. Kontraste wie diese ziehen sich durch den kompletten Film: Schwangere, die den Tod finden. Wendungen, die eigentlich keine sind. Ein blinder Pianist, der nach der Wahrheit sucht. In all diesen kontrastreichen Momenten verliert Argento allerdings nie den Überblick, und so kann er auch in vielen anderen Belangen ein effektvolles Märchen garantieren, das einen emotional sicherlich nicht unbeeindruckt zurücklässt.

Aufregend an Argentos Regie sind auch weniger die zahlreichen, sicherlich eindrucksvollen Wendungen, sondern vielmehr der Klangteppich, der einem dauerhaft ein Gefühl des Unwohlseins beschert. Man fühlt sich wie mit verbundenen Augen, wie Suzy, die zwar weiß, dass etwas Schreckliches in diesen Gemäuern vor sich geht, aber nie wirklich eine Lösung zu finden scheint. Und dann kommen diese Momente, gleichsam einer Ohrfeige. Oder war da vielleicht doch nichts. Träumt Suzy vielleicht alles nur, weil sie sich in ihrer neuen Umwelt nicht wohlfühlt oder Angst davor hat, welche Herausforderungen es in den kommenden Monaten zu bewältigen gilt. Das würde auch die labyrinthartige Szenerie erklären, welche durch das Lichtspiel, dominiert durch rote Farben – der Trauer, des Abschieds von der Heimat? – einer anderen Welt gleicht.

Der Film muss natürlich nicht als Albtraum gesehen werden. Dafür eröffnet Argento auch einen viel zu großen Interpretationsspielraum. Und so entsteigt dem eigentlich inhaltlosen Plot eine durch und durch persönliche Note, welche es nicht ohne die Liebe für das Detail geben würde. Das spiegelt sich beispielsweise im originalgetreuen Studionachbau des Freiburger „Haus zum Walfisch“ wieder. Oder eben auch in der musikalischen Begleitung der italienischen Band Goblin, dessen nuancierte Melodien die soghafte Erzählform optimal fördern. Spannungskino par excellence ist das, in dem aus gutem Grunde die Form über den Inhalt herrscht.

Das Resultat erklärt sich von selbst: „Suspiria“ ist einer der besten und einer der wegweisendsten Horrorfilme aller Zeiten. Dario Argento sind Genre-Konventionen egal. Zwar vermischt er verschiedenste Horrorstile, trotzdem fühlt er sich in seiner eigenen Welt wohler. So auch ich, denn nachdem ich „Suspiria“ erlebt hatte, glaubte ich aus einem sinnlosen Albtraum erwacht zu sein. Man kann sicherlich nach einem Sinn suchen, aber erinnern wird man sich primär an die surrealistischen Elemente, an die Unlogik und Fremdartigkeit dieser Welt, aus der man eben erwacht ist, und das damit einhergehende Gefühlschaos. Dass das alles formvollendet umgesetzt ist, braucht man eigentlich nicht mehr erwähnen, denn nur durch Perfektionismus mag man im Stande sein, mit dem Medium Film einen Traum nachzustellen. Wer war nochmal Christopher Nolan?

Hierzu gibt es ausnahmsweise keinen Trailer, da jedes Bild zu viel verrät. Lasst stattdessen schon mal einen der größten Soundtracks auf euch wirken.