Kritik: Zero Dark Thirty (USA 2012)

Autor: Conrad Mildner

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„I’m the motherfucker that found him.“

Wo waren sie am Tag als Osama Bin Laden starb? Eine Frage die ähnlich bedeutend erscheint, wie das oftmalige Rekapitulieren des 11. Septembers 2001. Eine Katastrophe, die buchstäblich die Welt erschütterte und fast jeder kann sich daran erinnern, wo er an diesem Tag die ersten Bilder gesehen hat. Danach war vieles anders. Das globale Feindbild des islamistischen Terrors war geboren und zwei Angriffskriege folgten. Der Islam rückte urplötzlich in ein unrühmliches Licht. Islamophobie und Sarrazin waren die schreckliche Folge. All diesen komplexen, politischen und gesellschaftlichen Ereignissen zollt Kathryn Bigelows neuer Film „Zero Dark Thirty“ zu keiner Sekunde Tribut. Es interessiert ihn nicht. Der Film erzählt stringent und äußerst subjektiv die Geschichte der CIA-Agentin Maya (Jessica Chastain), die sich mit der Besessenheit eines Captain Ahab auf die Jagd nach Osama Bin Laden begibt und ihn letztendlich auch ausfindig macht. Der Ausgang dieser Geschichte ist allseits bekannt.

Es heißt ja bekanntlich, dass Drehbuchautor_Innen zuerst wissen sollten wie der Film endet. Das Ende ist das wichtigste. Danach kommt der Anfang. Nun, Drehbuchautor Mark Boal hatte mit der „Operation Geronimo“ ein großartiges Ende und mit 9/11 einen ebenso fesselnden Anfang. Dazwischen liegen zehn Jahre, die Boals und Bigelows Film auf dramaturgisch und detektivisch entscheidende Momente zusammenkürzt.

Es ist verständlich, dass „Zero Dark Thirty“ bisher einen solchen Zuspruch erfahren konnte, denn als Ganzes betrachtet, ist Bigelows und Boals Film eine handwerklich exquisite, fiktionale Aufbereitung jüngster Geschichte und es wird besonders gut demonstriert wie entscheidend Auslassungen sein können. Jede Lücke in der Geschichte oder den Charakterisierungen ist vollkommen beabsichtigt. Das Publikum sieht den Film als wäre er ein dokumentarisches Artefakt, als wären die Ellipsen schlicht Ausgrenzungen der Wirklichkeit, die schier zu umfassend ist um sie ungeschnitten in den Film zu übernehmen.

Man muss sich aber klar machen, dass Bigelows Film immer noch ein fiktionales Werk ist und niemand sieht in diesem Film die tatsächliche Tötung Osama Bin Ladens. Alles ist logischerweise ein wenig sinnstiftender, runder und kausaler als es in Wirklichkeit wohl war. Die erzählerischen Leerstellen sind somit auch Hinweise auf die Unvollkommenheit einer solchen filmischen Aufbereitung. Diese Diskrepanz trägt „Zero Dark Thirty“ wie einen Orden vor sich her. Diese Uneindeutigkeit wird ihm aber auch zum Verhängnis, denn weder wird Bigelows Film den Ansprüchen einer stimmigen Erzählung gerecht, noch kann der Film von sich behaupten eine journalistisch ausführliche Schilderung der Ereignisse zu sein. Das körper- und sinnlichkeitsbetonte Kino Bigelows eignet sich ohnehin nicht für solche dokumentarischen Ansätze. So ist es nicht verwunderlich, dass gerade die Suspense- und Actionszenen im Gedächtnis bleiben. Die letzte halbe Stunde ist eine Meisterleistung filmischen Handwerks. Doch diese grandiosen Szenen fügen sich nie in ein sinnvolles Erzählkonzept ein.

Ihr großer Vorgängerfilm „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ vermochte es grandios reale Gegebenheiten in einen fiktionalen Stoff einzuweben. Der Irakkrieg an sich ist zwar Wirklichkeit, aber die Geschichte über einen Bombenentschärfer hätte auch genauso gut woanders spielen können. Letztendlich ging es Boal und Bigelow in diesem Film um die Schilderung subjektiver Erlebnisse ohne das schwere Gewicht historischer Akkuratesse auf den Schultern zu tragen.

Die aktuelle Debatte um den Stellenwert der Folter bei der Suche nach Bin Laden, zeigt wiederum auch, wie willkürlich dieser Film gelesen werden kann, da er auf eine eigene Meinung verzichtet. Bigelow reagiert dennoch klug darauf. So ist jede Folterszene ein Moment der Grenzüberschreitung, auch im Bezug auf die Sehgewohnheiten des Publikums. Jessica Chastain zeigt ihre Abscheu gegenüber dieser Mittel und auch die Opfer der Folter werden nicht als Knallchargen dargestellt, die diese Prozedur verdient hätten. Folter bleibt dennoch im historischen und realen Kontext ein genutztes Mittel, leider.

Es gibt allerdings einen Moment in „Zero Dark Thirty“ wo ihm die eigene Uneindeutigkeit zugute kommt. Als die „Operation Geronimo“ vorbei ist, weiß keiner wirklich genau, ob nun der wirkliche Osama Bin Laden erschossen wurde und auch die Kamera zeigt nie das Gesicht der Leiche. Maya schaut in den Leichensack und bestätigt die Identität Bin Ladens durch ein Nicken. Es ist genau dieser Augenblick in dem Bigelows Film auf einmal ganz intim wird. Der Ausgang der größten, globalen Menschenjagd verdichtet sich auf die einzige Geste einer Figur. Wir müssen ihr trauen, oder nicht? Wenn Maya in den Jet nach Hause steigt, weint sie, worüber kann nur spekuliert werden. Eine seltsame, letzte Einstellung, die nochmal auf alle Lücken aufmerksam macht, die sich Boal und Bigelow im Laufe des Films geleistet haben, „Zero Dark Thirty“ bleibt ein eigenartig zerrissener und leerer Film, der nie wirklich klar macht, was er überhaupt erzählen will, der allerdings auch stets daran erinnert, dass jeder Film im Kopf des Publikums erst entstehen muss, ob historisch akkurat oder nicht.