"The Counselor" (GB/US 2013) Kritik – Michael Fassbender möchte mit den großen Jungs spielen

Autor: Pascal Reis

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„I’m pretty skeptical about the goodness of the good. I think that if you ransacked the archives of the redeemed you would uncover tales of moral squalor quite beyond the merely appalling.“

Erwähnt man Cormac McCarthy in literarischen Fachkreisen, so zucken die Anwesenden, vornehmlich amerikanischer Natur, bereits vor der Aussprache der letzte Silbe seines Namens ehrfürchtig zusammen und verfallen in nachfolgenden Diskussionen in tranceartige Heiligsprechungen des Mannes. McCarthy, seines Zeichens Gewinner des renommierten Pulitzer-Preises und adaptierter Vorlagengeber für „The Road“ mit Viggo Mortensen und das Meisterwerk der Coen-Brüder „No Country for Old Men“, ist ohne Zweifel echtes Kulturgut der Stars and Stripes-Nation, sein Können hingegen steht auch auf dem globalen Markt vollkommen außer Frage. Wenn sich also eine Größe seines Kalibers dazu entscheidet, einem Film auf direktem Wege ein Drehbuch zu spendieren, dann schreit das förmlich nach einem exquisiten Jahrhundertwerk. Bei solch astronomischen Vorablorbeeren konnte das befindende Resümee von „The Counselor“ natürlich nur entgleisen.

Der angesehene, aber namenlos bleibende Südstaatenanwalt (Michael Fassbender), nur bekannt als ‚Der Berater‘, genießt inmitten von edler Arroganz und gelecktem Luxus das Leben mit seiner Freundin Laura (Penelope Cruz). Aber der Berater ist noch nicht auf dem elitären Standard angekommen, auf dem er sich gerne sehen möchte, vor allem deshalb, um seiner Freundin ein Dasein zur vollsten Zufriedenheit zu ermöglichen – Verführerisch funkelnde Diamanten zur Verlobung inklusive. Als ihm der extrovertierte Reiner (Javier Bardem) und seine zwielichtige Freundin Malkina (Cameron Diaz) einen exorbitanten Drogendeal vorschlagen, der den Berater schlagartig um ganze 20 Millionen Dollar reicher machen könnte, willigt der junge Anwalt ein und arrangiert ein Treffen mit Westray (Brad Pitt), um die letzten Formalitäten zu klären. Doch der angezielte Transport geht schief und schon bald sieht sich der der Berater in einer Falle sitzend, die nur darauf wartet, sadistisch zuzuklappen.

Was neben der illuminierenden Mitwirkung McCarthys etwas unter den Tisch gefallen ist, scheint, gerade für der Filmwelt, nicht minder bedeutend. Auf dem Regiestuhl nämlich hat niemand geringeres Platz genommen, als Ridley Scott. Gut, mit Verlaub, heutzutage wird der Name nicht mehr so hoch gehandelt, wie er es noch vor 20 bis 30 Jahren wurde, doch seinen Status als guter Filmemacher hat Scott keinesfalls verloren, es krankte seinen Outputs vielmehr an der inhaltlichen Ebene, die zuletzt entweder in seichten Gewässern fischte oder schlichtweg mit platten Versatzstücken jonglierte. Dieses Manko auszuradieren wäre McCarthy natürlich problemlos in der Lage, nur fällt auch das Endergebnis seiner Arbeit zuweilen erschreckend nichtssagend und unnötig narzisstisch respektive aufgeblasen aus: „The Counselor“ ist tatsächlich ein Film geworden, der sich blasiert in der überqualifizierten Rhetorik seines Autors wälzt und alles um sich herum am liebsten vergessen möchte.

Während Ridley Scott seinen Job also wie gewohnt mit handwerklicher Akkuratesse erfüllt, den stilistisch makellosen Fotografien aber dummerweise den allegorischen Mehrwert entzieht, in dem „The Counselor“ in eine aalglatte Hochglanzoptik gewickelt wird, anstatt sich dem dreckigen Tonus der Geschichte anzupassen und so das konterkariertes Profil zu vermeiden, hat sich das Drehbuch von McCarthy ganz dem individuellen Riesenego verschrieben. Den Plot um den geplatzten Drogendeal kurbelt das Skript dementsprechend desinteressiert herunter, dass sich die Narration aus diesem Blickwinkel schon als eine echte Anti-Klimax erweist und von einer handfesten Dramaturgie oder einem gekonnten Spannungsaufbau rein gar nichts hält. Dinge passieren eben; und wie sie passieren, ist kaum der Rede wert. Interessant ist, wenn „The Counselor“ denn mal funktioniert, wie die fatalen Zwischenfälle und deren analoge Konsequenz durch Dialoge eingeleitet und wie eine Drehspule aufgezogen werden.

McCarthy kann die Leinwände brodeln lassen und verdrängt damit genau die Askese, die sich gerne an der Oberfläche und auch in der informalen Thematik des Films breitmachen möchte. Ridley Scott hat ohnehin zu großen Respekt vor dem anerkannten Schreiberling, als dass er sich es hier wirklich erlauben würde, seine Dia- wie Monologe nicht in grenzenloser Zelebration in Szene zu setzen. Nur hat „The Counselor“ die meiste Zeit nichts Relevantes zu verkünden und suhlt sich in Banalitäten, die, anders als beispielsweise in Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“, den Zuschauer nicht an den Lippen der namhaften Darsteller kleben lässt, sondern sie immer weiter und weiter vom Geschehen distanziert. Wie schwer es für die Schauspieler gewesen sein muss, den Wortgefechten eine adäquate Performance zuzuweisen, ist mühelos vorstellbar. Selbst wenn man es mit Michael Fassbender, Javier Bardem und Brad Pitt zu tun bekommt, die alle gute Vorstellungen abliefern, sich aber nie wirklich entfalten, weil das Skript die entsprechende Tiefenauslotung ihrer Figuren – gelinde gesagt – negiert.

Also passt die Floskel „Außen (relativ) hui, innen pfui“ auch auf „The Counselor“? Nein, nicht ganz. Wenn man etwas aus der doch unzufrieden stellenden Kollaboration von McCarthy und Scott ziehen möchte, dann sind es Aussagen (Keine Hypothesen!), die sich zwar schon in vielen weiteren Genre-Streifen wie Milieu-Studien entdecken ließen, ihre Signifikanz aber dennoch nicht verlieren: Wer mit dem Feuer spielt, der verbrennt sich zwangsläufig. Und der Berater hat einen Tanz mit einem Flammensturm gewagt, dessen stürmische Gewalt er nicht im Ansatz erahnen konnte, einzig und allein der Raffgier wegen. Die Sucht nach obsessiver Dekadenz verschlingt die Individuen häppchenweise, Sex und Gewalt müssen in ihrer Fertilität natürlich nicht weiter signiert werden, die sind in dieser egozentrisch wie verruchten Welt genauso Gang und Gäbe wie in unserer kleinbürgerlichen Existenz. Eines aber ist gewiss: Der Berater würde sich im Nachhinein nichts sehnlicher wünschen, als eine solche Existenz, doch die Falle hat noch nicht zugeschnappt…