"The Rover" (AU/USA 2013) Kritik – Robert Pattinson in einer Welt nach dem großen Kollaps

Autor: Felix Haenel

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„No one ever came after me. And that hurt me more than getting my heart broken.“

Als Fans des britischen Kubrick-Nachfolgers Jonathan Glazer („Sexy Beast“, „Birth“) Wind davon bekamen, dass „Under the Skin“ hierzulande keine angemessene Kinoauswertung erfahren werde, war die Empörung groß. Eine cinephile Rettungskampagne wurde gestartet, die den zuständigen Verleih mit Fragen bombardierte und eine Stellungnahme forderte, was für weitreichenden Medienrummel in renommierten Tageszeitungen sorgte. Wie könne es sein, dass ein mit Scarlett Johansson starbesetzter Science-Fiction-Film, der seit 10 Jahren in Arbeit war und auf Festivals gefeiert wurde, es nicht in die hiesigen Kinos schaffe? Wieso sichere man sich die Rechte an etwas, was man nicht zu unterstützen gewillt ist? Die Antwort fiel erwartungsgemäß enttäuschend aus: Zu teuer wäre eine Werbekampagne mit offiziellem Kinostart für ein vermeintliches Nischenprodukt, das zu anspruchsvoll und unkonventionell sei, als dass es ein breiteres Publikum interessieren würde.

Ähnlich ergeht es wenige Wochen später nun auch „The Rover“, den sogar der zugkräftige Teenie-Schwarm Robert Pattinson und ein vergleichbarer Festival-Hype nicht vor einer DVD-Verramschung bewahren können. Das ist nicht minder eine Schande, denn die vereinnahmende Qualität des Kinosaals wäre der perfekte Rahmen für David Michôds intensiv-bedrückende Outback-Tragödie gewesen.

Eine Einblendung lässt wissen, dass die Handlung zehn Jahre nach dem großen Zusammenbruch einsetzt. Ob global oder lokal, gesellschaftlichen oder ökonomischen Ursprungs, wird im Verlauf nur angedeutet. Der verwahrloste Eric (Guy Pearce) macht gerade Halt an einer Raststätte, als drei heranrasende Kriminelle im Streit einen Unfall bauen und die Gelegenheit ergreifen, das Fluchtfahrzeug zu wechseln. Erics Land Rover hätten sie jedoch besser stehen lassen sollen, denn der todestrotzende Einzelgänger ist selbst von einer Schrotflinte vorm Gesicht unbeeindruckt und fest entschlossen, sein Eigentum zurückzubekommen. Der Beklaute nimmt die Verfolgung quer durch das australische Outback auf und zögert auch nicht, den Minderbemittelten Rey (Robert Pattinson), der in Verbindung zum marodierenden Trio steht, als Geisel für seine Ziele auszunutzen.

Obwohl Michôds den Plot ohne Umschweife und immer nah an seinen Protagonisten präsentiert, nimmt „The Rover“ den Zuschauer nicht an die Hand. Wichtige Hintergründe werden übersprungen, Ursache und Wirkung sind teilweise nur zu erahnen und zweifelhafte Entscheidungen bleiben unergründet. Diese Erzählweise spannt den Gerechtigkeitstrip zwar auf konzentrierte 98 Minuten und lässt offene Fragen ein fesselndes Mysterium erzeugen, aber bietet im gleichen Zug auch Angriffsfläche für Zyniker, die Interpretationsfreiraum lieber als plot hole sehen. Wenn Erics erster Versuch, sein Auto zurückzugewinnen, mit einem Schlag auf den Hinterkopf quittiert wird, er aber wenig später in der Steppe neben einem funktionstüchtigen Ersatzvehikel aus der Bewusstlosigkeit erwacht, ist das allerdings nicht zwangsläufig nur ein fauler Trick zur Handlungsstraffung, sondern kann auch als flüchtiger Mitleidsschimmer der Diebe verstanden werden, was wiederum Figuren und Beweggründe näher charakterisiert.

Von Humanität ist in der wüsten Dystopie allerdings nicht mehr viel übrig. Beim Tankwart wird nur mit vorgehaltenem Gewehr bezahlt, eine Großmutter spielt Zuhälter für ihre Enkel und Ordnungshüter sind eher Aufräumkommando statt Helfer. Daneben dient die demütigende Weite der australischen Landschaft seinen Filmemachern nicht selten dazu, in Gegenüberstellung die menschliche Natur auf ihre instinktiven, grundsätzlichen Eigenschaften herunter zu brechen. „The Rover“, in dem ein minimalistisches Rechts- und Rachebewusstsein die Akteure motiviert und extreme Totalen die Geringfügigkeit ihres Handelns betonen, reiht sich somit nahtlos in die Tradition von Genre-Meilensteinen wie „Mad Max“ oder den kürzlich wiederentdeckten Klassiker „Wake in Fright“ ein, und bringt genauso fabelhaft den animalischen Wahnsinn seiner Gesellschaft zum Vorschein.

Der Film evoziert dabei nicht grundlos mehrfach den Vergleich zu Hunden. Eric wirkt wie ein zottiger Köter, der Rey wie ein misshandeltes Welpe mitschleift. Hunde, die bellen, beißen nicht – in „The Rover“ ist es umgekehrt. David Michôd inszeniert ruhig und beinahe meditativ, untermalt von einem verträumten Postrock-Score, der die akzentuierte Gewalt umso abschreckender abrupt und explosiv ausbrechen lässt. Schauspielerisch äußern sich Schlagabtäusche hingegen vielmehr durch anhaltende Blicke; kein Dialog könnte Guy Pearce‘ Intensität und Pattinsons Unsicherheit sonst so gut widerspiegeln wie ein durchdringendes Starren und nervöses Brauen-Zucken.

Was den Film ganz besonders von typischen Action-Thrillern abgrenzt, ist das Ausmaß, wie weit sich mit der dargestellten Gewalt auseinandergesetzt wird. In einem bezeichnenden Moment zweifelt Rey, wieso denn jede Handlung zwangsweise etwas bedeuten müsse. Als Eric einige Szenen später einen Teil seiner Vergangenheit preisgibt, wird klar, warum ebendieses Denken zum Verfall führen kann. Generell steht jeder spärlich eingestreute Dialog im Film für mehr als er auf textlicher Ebene aussagt. So entwickelt sich ein Streit über die Wegplanung („How you’re gonna get to where you’re going, if you don’t know where you are?“) schnell zum Lewis-Carroll-Zitat über Ziellosigkeit.

David Michôd arbeitet dabei oft mit abstrakter Darstellung und doppelsinniger Sprache und liefert eine interessante Diskussionsgrundlage – zu den Themen Humanität, Moral und Liebe in einer kaputten Welt; das alles vor der umwerfenden Kulisse Australiens, dessen Ödnis alles in eine nihilistische Relation setzt. Der Endzeit-Western mag dabei vielleicht keine Antworten oder eine greifbare Gesellschaftskritik bieten, beleuchtet stattdessen aber eindringlich die Gefahren und Konsequenzen des Bedeutungsverlusts. „The Rover“ ist somit in vielerlei Hinsicht nicht nur ein sehenswerter, sondern auch ein erregender Denkanstoß – aufgeladen mit ausdrucksstarken Bildern und eindringlichen Performances.