"The Way Back" (USA 2010) Kritik – Der Marsch in die Freiheit

„Wenn du abhauen willst, dann bin ich dabei.“

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Der australische Filmemacher Peter Weir ist nicht nur ein interessanter Regisseur, der in Hollywood seine Kreise zieht, sondern auch ein wahrer Könner, der in der Vergangenheit schon so manchen fantastischen Streich abgeliefert hat. Zu seinen großen Werken zählen Sachen wie „Der einzige Zeuge“ mit Harrison Ford, „Der Club der toten Dichter“ mit Robin Williams, „Die Truman Sho“w, in dem Weir Jim Carrey die Möglichkeit gab, sich endlich in einer ernsteren Rolle zu beweisen und das grandiose Seefahrer-Abenteuer „Master & Commander“ mit Russell Crowe in der Hauptrolle. Weirs inszenatorisches Verständnis kann sich in den verschiedensten Bereichen offenbaren, denn der Australier versteht es nicht nur, eine Atmosphäre entstehen zu lassen und diese mit den grandiosen Aufnahmen zu verknüpfen, sondern Weir kann auch erzählerisch glänzen und seine Filme interessant wie fesselnd verpacken. Nach 7 Jahre Stille meldete sich der sechsfach Oscar nominierte Regisseur mit einem neuen Abenteuer wieder. Als Grundlage für „The Way Back“ diente ihm die Romanvorlage „Der lange Weg: Meine Flucht aus dem Gulag“ von Slawomir Rawicz.

„The Way Back“ erzählt also die wahre Geschichte von Slawomir Rawicz, der 1940 aus einem sowjetischen Arbeitslage entfloh und sich mit 6 weiteren Gefangenen bis nach Indien durchschlagen musste. Aus Slawomir Rawicz wurde in diesem Fall Janusz Wieszczek, der sich zusammen mit Valka, Mr. Smith, Irena, Tomasz, Kazik und Zoran durch die verschiedensten Klimazonen schlagen musst und einen Weg von 6000 Kilometer überbrücken, den natürlich nicht jeder der Begleiter überleben wird, denn nicht nur die Natur wird zum Gegner, sondern auch der Hunger, der Durst und die schweren Ängste…

Optisch ist „The Way Back“ ein Hochgenuss und spielt sogar noch eine Liga über „Master & Commander“, der visuell ebenfalls ein Sahnestück in der Filmgeschichte war. Kameramann Russell Boyd liefert beeindruckende Aufnahmen der gnadenlosen Natur und kann mit seinen Fotografien wirklich den Bildschirm sprengen und den Atem rauben. Ob es die Bilder der Wüste Gobi, des Himalayas oder der sibirischen Tundra sind, hier wurde einfach alles hervorragend in Szene gesetzt und zu einem wahren Augenschmaus verarbeitet. Wenn zu diesen exzellenten Landschaftaufnahmen Burkhard von Dallwitz‘ emotionaler wie impulsiver Score ertönt und die 7 Freiheitskämpfer begleitet, dann ist die Atmosphäre an ihrem Höhepunkt angekommen und als Zuschauer kann man sich an der visuellen Brillanz nicht sattsehen. Das adaptierte Drehbuch, verfasst von Peter Weir und Keith R. Clarke, ist jedoch nicht auf der gleichen Ebene wie der Soundtrack und die Bilder, sondern verläuft sich zum einen in seiner oberflächlichen Charakterzeichnung und arbeitet gewisse Wegabschnitte etwas zu schnell ab.

Schauspielerisch wurden hier jedoch einige Kaliber aufgefahren. Als Janusz Wieszczek sehen wir Jim Sturgess, dessen polnischer Akzent zu Anfang vielleicht etwas befremdlich wirken mag, doch Sturgess gibt sein Bestes, um sich seiner Rolle bestmöglich anzupassen, denn sein Charakter ist auch gleichzeitig der Hauptakteur der Geschichte und Sturgess versteht es durchaus, diesen gut auszufüllen. Die weiteren Rollen sind ebenfalls hochkarätig und äußerst namenhaft besetzt. Als Valka sehen wir Colin Farrell, Mr. Smith wird von Ed Harris dargestellt, Saoirse Ronan gibt Irene und Mark Strong ist Khabarov. Man sollte keine Charakterdarstellungen erwarten, doch negativ fällt hier niemand auf. Weniger prominent sind Dragos Bucur als Zoran, Alexandru Protocean als Tomasz und Sebastian Urzendowsky als Kazik, die dennoch gute Vorstellungen leisten.

„The Way Back“ ist im besten Sinne ein altmodischer Abenteuerfilm, wie er im Buche steht. Wenn sich die sieben Gefährten durch die unmenschliche Natur kämpfen und bis an die Grenzen ihrer körperlichen Belastbarkeit geraten, dann versetzen wir uns als Zuschauer genauso in die kräftezehrende Lage, die jedem Beteiligten durch den Hunger und den Durst noch deutlich erschwert wird. „The Way Back“ ist ein überhörbarer Schrei nach der Freiheit, der die menschliche Sucht nach Grenzenlosigkeit in dynamischster Art und Weise offendeckt. Peter Weir inszeniert einen Film über humane Stärke, Mut, Ängste und dem psychischen Druck, der den Flüchtlingen die Endlosigkeit des Marsches immer wieder bitter vor Augen führt, doch nichts kann den Überlebenswillen des Menschen erschüttern. Zwischen dem Kampf durch die Todeszonen, ob dem Gulag, der Wüste, dem Himalaya oder der Tundra und dem freundschaftlichen Zusammenhalt, der den schwierigsten Situationen noch einen Funken von Hoffnung schenkt, hat „The Way Back“ jedoch das Problem, dass Weirs Inszenierung der wirkliche Tiefgang fehlt, denn viele interessante Aspekte werden nur angeschnitten und nicht ausgearbeitet. Ob es die Psyche aller Beteiligten, oder die volle Gnadenlosigkeit der Natur ist, ganz zu schweigen von der historischen Inkorrektheit, die hier jedoch noch der kleinste Kritikpunkt sind. Als Abenteuerfilm, der rein aus Unterhaltungszwecken gesehen wird, kann „The Way Back“ vollkommen überzeugen, mehr sollte man dann aber besser nicht erwarten

Fazit: „The Way Back“ verfügte über exzellente Bilder der endlosen Natur, einen wunderbaren Score und passenden Darstellern, die zwar keine Großleistungen bringen, aber ihre Rollen durchaus gekonnt ausfüllen. Das Drehbuch weist einige Durchhänger auf und nicht nur den Charakteren fehlt zuweilen die Tiefgründigkeit, sondern auch bestimmte Abschnitte der Reise werden viel zu schnell abarbeitet und dem Zuschauer nicht in der Ruhe vorgestellt, die Weir sich im sonstigen Verlauf nimmt. „The Way Back“ ist dennoch ein sehenswerter Abenteuerfilm, der mit seiner altmodischen Ader zu gefallen weiß und einen Schrei nach Freiheit ertönen lässt, dem man sich nicht erziehen kann.

Bewertung: 7/10 Sternen