Kritik: Upstream Color (USA 2013)

Autor: Conrad Mildner

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„I have to apologize. I was born with a disfigurement where my head is made of the same material as the sun.“

An diesem Wochenende war ich mit unserem Co-Autor Florian im Kino um mir den angeblich schlechtesten Film aller Zeiten anzusehen. „The Room“ von Tommy Wiseau aus dem Jahre 2003 genießt spätestens seit dem halbstündigen Video-Verriss des NostalgiaCritic Kultstatus, inklusive mitternächtlicher Screenings und Rituale wie bei „The Rocky Horror Picture Show“. Mit Fug und Recht kann ich mich nun „glücklich“ schätzen „The Room“ gesehen zu haben, der wahrlich so schlecht ist, wie alle sagen, aber dadurch auch besonders viel Spaß gemacht hat. Nur warum beginne ich meine Kritik zu „Upstream Color“ mit einem Absatz über Tommy Wiseaus Filmdebakel? Zwei Gründe: Erstens, muss ich diesen herrlichen Schund irgendwie schriftlich verarbeiten, wobei mir eine ganze Kritik dafür zu schade ist, und zweitens, gibt es äußerst starke produktionstechnische Parallelen zwischen „The Room“ und Shane Carruths neuem und erst zweitem Film sowie seinem brillanten Debüt „Primer“.

Als Carruth 2004 die Bildfläche des Weltkinos betrat, hatte freilich niemand mit ihm gerechnet. Der damals 32-Jährige hatte weder eine filmische Vorbildung, noch stand er in irgendeinem Zusammenhang zu anderen Produktionen. Carruth studierte vorher Mathematik und arbeitete darauf als Programmierer für Flugsimulationssoftware. Nicht das typische, kreative Umfeld für einen angehenden Filmemacher, doch irgendwann entschloss sich Carruth ein Drehbuch zu schreiben, 7.000 Dollar aufzutreiben und einfach loszulegen. Letztendlich führte er nicht nur Regie, sondern fotografierte den Film, schrieb die Musik und übernahm auch den Schnitt. Darüber hinaus spielte er sogar die Hauptrolle, weil der eigentliche Schauspieler zu aufgesetzt auf ihn wirkte. Nun kann man dieses Unterfangen als grenzenlosen Ego-Trip abtun. Im Falle von Tommy Wiseaus „The Room“ auf jeden Fall, da Wiseau ähnlich involviert war, aber anstatt 7.000 Dollar sogar 6 Millionen zur Verfügung hatte und diese in erster Linie dadurch ausgab alle Leute am Set zu ersetzen, die nicht seine „Vision“ teilten. „Primer“ und „The Room“ werden also von einer starken Autorenkraft getragen, wobei der eine das Niveau eines Orson Welles erreicht und der andere eher die Holz-Klasse von Trash-Filmer Ed Wood streift. Beide Filme sind zu einer ähnlichen Zeit entstanden und wurden zu Kult, obwohl sie auf der Qualitätsskala nicht weiter voneinander entfernt sein könnten.

Mit „Primer“ gelang Shane Carruth jedenfalls der Durchbruch auf dem Sundance-Festival 2004, wo er den Großen Preis der Jury gewann. Ein neuer Regiestern erschien am Firmament, wie einst Christopher Nolan, der unter ähnlichen Umständen sein Debüt „Following“ produzierte. Doch die steile Karriere eines Chris Nolan sollte sich für Shane Carruth nicht wiederholen. Viel eher verschwand das frisch erblühte Talent wieder in der Versenkung. Über drei Ecken hörte man nur, dass Carruth seinem Kollegen Rian Johnson beim Drehbuch für dessen Zeitreise-Thriller „Looper“ half, ansonsten blieb es still. Umso überraschender kam die Nachricht: Carruth hat einen neuen Film und er wird in Sundance Premiere feiern, neun Jahre nach „Primer“.

„Upstream Color“ heißt das neue Werk und wurde zum Glück auch auf der diesjährigen Berlinale gezeigt, auch wenn „nur“ in der Panorama-Sektion. Dabei hätte Carruths Film den eher durchwachsenen Wettbewerb deutlich aufgewertet. Dafür bekam der Film viele gut besuchte Vorstellungen serviert. Bereits die Inhaltsangabe sorgte für ein neugieriges Publikum.

„Upstream Color“ erzählt nämlich die Geschichte von Kris (Amy Seimetz), die in die Hände eines Mannes gerät, der Maden in Blumenerde züchtet und sie zwingt diese zu schlucken, worauf die junge Frau wie durch Drogen ihren freien Willen verliert. Darauf nimmt ein ominöser Schweinezüchter und gleichzeitig Sounddesigner einen bizarren operativen Transfer zwischen ihr und einem Schwein vor. Als Kris freigelassen wird, ist sie sich selbst fremd geworden und findet keinen Weg mehr zurück in ihr altes Leben. Dann begegnet sie Jeff (Shane Carruth). Beide fühlen sich zueinander hingezogen. Beide teilen ein ähnliches Schicksal.

Diese mächtige Synopsis bildet allenfalls den Anfang von Carruths faszinierendem Film. Ohnehin ist „Upstream Color“ unspoilbar, da er sich der üblichen Kausalität von Narration und Plot verwehrt, ähnlich wie die aktuellen Filme Terrence Malicks, und somit seine Kraft nicht gänzlich durch die Geschichte, sondern ebenso die rein filmische Anordnung von Bild und Ton entwickelt. Schon der Filmtitel impliziert den „stream of consciousness“ als Strukturvorgabe, die rein sinnliche Montage von Momenten, die losgelöst von Zeit und Raum erzählt, womit sich Carruths Film ungemein weit von seinem Debüt distanziert. „Primer“ war ein streng erzähltes Sci-Fi-Drama über zwei Ingenieure, die durch Zufall eine Zeitmaschine erfinden, den Carruth mit protokollarischer Ernsthaftigkeit inszenierte. Dagegen wirkt „Upstream Color“ wie der kleine abgedrehte Bruder, wild und ungezwungen. Der wissenschaftlichen Strenge wichen eindeutige Affekte. Der trägen 16mm-Kamera wich eine schwerelose Digital-Cam. Carruths Sci-Fi-Interesse rückt in den Hintergrund und dient nur noch als surrealistisches Setting der universellen Liebesgeschichte.

Beim diesjährigen Sundance-Festival wurde Carruths Film sehr ausführlich besprochen, wobei keine der Kritiken mit Regie-Vergleichen geizte. So wurde „Upstream Color“ nicht nur deutliche Nähe zu Malick, sondern ebenso zu Lynch, Cronenberg und sogar James Cameron attestiert. Die Mischung macht’s halt und dennoch ist der Film ein völlig eigenständiges Werk, das an keiner Stelle droht auseinander zu fallen. Zumal der Vorgänger „Primer“ in den Bildern schemenhaft widerhallt, besonders durch die ähnliche Farbdramaturgie.

Von den ganzen Verweisen ist ohnehin nur der Malick-Vergleich interessant, schon allein weil dessen neuer Film „To The Wonder“ bald in unseren Kinos startet und sich ebenso um die Liebe dreht wie „Upstream Color“. Die Unterschiede zwischen den beiden Filmen könnten dennoch nicht größer sein, trotz der strukturellen Ähnlichkeiten, denn wo Malicks Mystizismus sich letztendlich aus der ständigen Dualität von Mensch und Natur generiert, wobei der Mensch als „besonderes Wesen“ an der Spitze steht, fehlt Carruths Film diese anthropozentrische Sicht. In „Upstream Color“ ist alles miteinander verbunden. Jeder Organismus, jedes Lebewesen, ja sogar jegliche Materie, vom Gestein über die Maden bis zu den Menschen, ist gleichwertig. Alle sind Teil eines großen Kreislaufes, eines unendlichen, holistischen Organismus. Um das deutlich zu machen, konstruiert der Film einzig metaphorische Bezüge. Er zeigt nicht die Entstehung des Universums wie Malick in „The Tree of Life“ und verbindet Wissenschaft mit Kreationismus. In „Upstream Color“ gebären dagegen blaue Blumen Maden, die von Menschen geschluckt werden und daraufhin einen Transfer mit Schweinen eingehen. Sobald die Schweine sterben, landen ihre Kadaver im Fluss und der Strom trägt ihre verwesten Teilchen aufwärts, wo die blauen Blumen wachsen. Carruth verbindet also eher Wissenschaft mit Surrealismus, Natur-Doku meets Dalí sozusagen. Wir sind nur ein Teil eines Ganzen, nicht der alles erschütternde Mittelpunkt, und weder die Made, noch der Mensch können alles sehen. Ihre Wahrnehmung ist beschränkt. Ihre Erkenntnis ist limitiert. Die Natur/Gott ist ein unfassbares Ganzes.

Dieses naturphilosophische Dilemma überträgt Carruth auf die Liebesbeziehung von Kris und Jeff. Sie sind ebenso durch etwas verbunden, was sie nicht begreifen und nur gemeinsam können sie mehr erkennen als wenn sie auf sich allein gestellt wären. „Upstream Color“ erzählt auch wie die Beiden versuchen diesen ewigen nietzscheanischen Kreislauf zu durchbrechen bis zu dem Punkt, wo die Menschen einander erkennen lernen.

Surrealistische Filme funktionieren am besten auf einer emotionalen Ebene, sei es Unbehagen oder Wärme und Carruths absichtlich abstruse Geschichte ergibt nur Sinn, weil die außerordentlichen Bild-Ton-Montagen ein Gefühl nach dem anderen provozieren. Die Figur der Kris fungiert dabei als Medium. Indie-Star und Filmemacherin Amy Seimetz spielt Kris mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit. Auch wenn man den ganzen Film über nichts von dem versteht, was da auf der Leinwand vor sich geht, ein Blick in Seimetzs Gesicht reicht völlig aus. Dass „Upstream Color“ konzeptionell so gut aufgeht, ist zu einem großen Teil ihrer Arbeit zu verdanken. Shane Carruth, der wieder einmal die Hauptrolle spielt, hält sich dagegen eher zurück. Er fällt weder negativ noch positiv auf. Der Film wird gänzlich von seiner Hauptdarstellerin getragen. Das wusste zum Glück auch der Hauptdarsteller-Regisseur.

Im direkten Vergleich mit Malicks „To The Wonder“, schneidet „Upstream Color“ spürbar besser ab. Denn obwohl Malicks außerordentliche Gestaltung, auch dank Emmanuel Lubezki, Shane Carruths eigens fotografierte Bilder übertrumpft, so erzählt der Low-Budget-Film einfach die bessere Geschichte bzw. dessen was sich als Geschichte zwischen den Bildern versteckt hält. Malick begnügt sich allzu leicht mit Postkarten-Kitsch und religiös motivierter Romantik. Shane Carruth verkleidet seine Liebesgeschichte als urbane Natursage und surrealistischen Biologie-Exkurs; eine Komposition aus Licht und Klängen, zwischen Science Fiction und Spinoza.

Carruths nächster Film lässt zum Glück nicht neun Jahre auf sich warten. „The Modern Ocean“ soll noch dieses Jahr gedreht werden. Ob der Auteur auch wieder als Schauspieler, Cinematographer, Cutter und Komponist fungieren wird, ist noch unklar, aber wahrscheinlich. Solange dieser Ego-Trip so aussieht wie „Primer“ oder „Upstream Color“ und nicht wie Tommy Wiseaus „The Room“, bin ich mehr als glücklich.

Aktuell läuft „Upstream Color“ in den amerikanischen Kinos. Ein Release in Deutschland würde einem Wunder gleichen, da schon „Primer“ hier nicht zu sehen war. Dennoch ist klar, wer den Film sehen will, sollte dank Import und Co. keine Probleme haben. Im Internet ist schließlich alles möglich.