"Das wundersame Leben des Timothy Green" (USA 2012) Kritik – Wie man sich ein Kind pflanzt

Autor: Pascal Reis

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„There’s something you need to know about me. I came from the garden. Please don’t ask about my leaves.“

Wenn ein Film unter dem prägnanten Medienkonzern „The Walt Disney Company“ realisiert und veröffentlich wird, dann darf man ohne falsche Mutmaßungen davon ausgesehen, dass man es weniger mit tiefgehender Zwischenmenschlichkeit zu tun bekommt, als mit massenkompatibler Unterhaltungsware. Dagegen spricht per se rein gar nichts, schließlich muss man sich als Filmliebhaber nicht immer in den Abgründen der Arthouse-Fraktion bewegen, sondern darf sich durchaus auf locker-luftige Werke einlassen, die den Zuschauer nicht fordern wollen, sondern die Möglichkeiten des Kinos als abenteuerliches Vergnügen erfahren lassen. Das Problem dieser Filme sind die immer wieder auftretenden Sittlichkeitswerte, die vor einigen Dekaden vielleicht noch mit den Denkweisen des vergangenen Publikums konform gingen, aber heute nur noch beschämend und bieder wirken und maximal vom ganz kleinen Zuschauer problemlos konsumiert werden können. Peter Hedges‘ Familienfilm „Das wundersame Leben des Timothy Green“ ist ein eben solcher Ausfall.

Für das sich liebende Ehepaar Cindy und Jim läuft es gar nicht rund: Während Jim in seiner Bleistiftfabrik auf Umsatzschwierigkeiten stößt und sich zunehmend Sorgen um die finanzielle Lage machen muss, steht auch dem größten Wunsch des Paares, ein gemeinsames Kind, die Unfruchtbarkeit im Wege. Die Frustration über die Erkenntnis, dass sie nie ein gemeinsam gezeugtes Kind in den Armen halten können, nagt verständlicherweise an den Beiden. Als eines Abends der Alkohol jedoch die Oberhand gewinnt und Jim mit seiner Frau auf die Idee kommt, all die Eigenschaften des imaginären Wunschkindes aufzuschreiben, um diese daraufhin in einer Kiste im Garten zu vergraben, steht ihnen eine zur handfeste Überraschung bevor. Denn was eigentlich nur als bewältigender Ritus anstrebt wurde, wächst mit Blättern an den Fußgelenken aus der Gartenerde und verfügt genau über die Merkmale, die das Paar niedergeschrieben hat. Getauft auf den Namen Timothy sind Cindy und Jim nun endlich die Familie, die sie sich so ersehnt haben, doch kann das alles wirklich gut gehen?

Peter Hedges‘ Karriere liest sich nach wie vor durchschnittlich, obwohl der Startschuss mit der Romanvorlage zu „Gilbert Grape“ und der folgenden Drehbuchadaption noch mehr als wunderbar gelang, folgten mehr oder weniger angesehene Regiearbeiten zu „Pieces of April“ und „Dan – Mitten im Leben!“, um dazu noch die Drehbücher zu „Unschuldig verfolgt“, „About a Boy“ und den eigenen Filmen zu schreiben. Man darf wohl mit Fug und Recht behaupten, dass Hedges zwar mit Sicherheit kein unfähiger Künstler ist, doch im großen Rampenlicht hat er sich bis jetzt (zu Recht) noch nicht baden können. Obgleich seine Inszenierung von „Das wundersame Leben des Timothy Green“ ebenfalls keine besonderen Attribute für den Zuschauer bereithält, liegt der Ursprung allen Übels natürlich im Script von Ahmet Zappa begraben. Wo gute Filme dem Rezipienten die Möglichkeit überlassen, sich selbst auszusuchen wen man mag oder nicht mag, entreißt Zappa dem Zuschauer diese Wahl vollständig.

Niemand würde bei einem Thema wie es „Das wundersame Leben des Timothy Green“ fokussiert Anspruch auf Realitätsnähe legen. Wir haben es hier mit einer weithin modernen Märchenerzählung zu tun, die zwar die zerschmetternde Unfruchtbarkeit innerhalb einer Ehe als reelle Problematik darbietet, darüber hinaus aber nur in seinem eigenen Kosmos funktioniert und sich den realen Tatsachenbezügen natürlich widersetzt. Welche Erwartung stellt man also an eine solche Art von Film? Man hofft auf einen liebenswerten, magischen und spaßigen Ausflug für die ganze Familie. Es fängt aber schon bei den Charakteren an, die in ihrer offensichtlichen Zeichnung auf den ersten Blick jedes Geheimnis entlüften und ohne weiteres Interesse angenommen werden. Dazu kommt, dass die Chemie zwischen Joel Edgerton als „Vater“ Jim und Jennifer Garner als „Mami“ Cindy nie stimmt und vom überzogenen Schauspiel Garners vollkommen zerlegt wird. Genau wie der titelgebende Timothy Green von einem durchaus sympathisch auftretenden Cameron Adams verkörpert wird, aus diesen Sympathien aber keinen wirklichen Gewinn ziehen kann, dafür ist das Ganze viel zu kalkuliert und manipulativ.

„Das wundersame Leben des Timothy Green“ schießt sich im Verlauf der Geschichte selbst ins Aus, denn wo die altbekannten Wünsche nach der perfekten Familiengemeinschaft noch erträglich beginnen und daraufhin ein ehrenwerter Aufruf an die Toleranz evoziert wird, beginnt die verklemmte Note der biederen Moralvorstellungen des Drehbuches nach und nach den Film zu ersticken. Zu keiner Sekunde wird das Verhalten der „Eltern“ hier von irgendeiner Person hinterfragt und in diesen spießigen Sphären zählt einzig und allein der vollkommene familiäre Zusammenhalt. Ecken und Kanten würden bei einer derartig manipulativen Narration natürlich kontraproduktiv wirken, denn wer braucht schon tiefgängigen Mehrwert, wenn er in eine verstrahlte Welt eintauchen kann, die in ihrem konservativen Anstreben nach endloser Harmonie noch unglaubwürdiger erscheint als die Storybasis rundum das gepflanzte Kind. In „Das wundersame Leben des Timothy Green“ wirkt letztlich alles gekünstelt, überzogen und stereotypisch. Von wundersamer und origineller Kinomagie ist in dem vorhersehbaren Family-Allerlei aus der Mottenkiste nichts zu finden.

Fazit: Die Kameraaufnahmen der Indian Summer-Lage sind durchaus von einer gewissen Schönheit gezeichnet, genau wie die ersten Minuten des Filmes noch den Eindruck erwecken, hier lockeres Wohlfühlkino für die ganze Familie geboten zu bekommen. Pustekuchen. „Das wundersame Leben des Timothy Green“ wirkt in seinem märchenhaften Kosmos unglaubwürdig und ist so manipulativ auf ethische Grundwerte getrimmt, dass jeder Spaß an Peter Hedges‘ Familienfilm schnell vergeht. Keine Magie oder einfühlsamen Momente, nur altbekannte Konservativität ohne Mut und Spritzigkeit.