Kritik von Hendrik Warnke

Unmögliche Aufarbeitung: Alpha von Julia Ducournau
Alpha ist ein Flop, so weit kann man wohl schon gehen. Einerseits finanziell: Mit rund 820.000 Euro Einspielererlös an den französischen Kinokassen hinkt er nicht nur Julia Ducournaus hervorragendem Debüt Raw hinterher, er schafft es auch gerade einmal auf rund ein Drittel des Einspielergebnisses von Ducournaus letztem Film, dem Palme d’Or-Gewinner Titane. Und andererseits auch in der öffentlichen Meinung: Eine 5,9 auf IMDb, 6,4 auf Letterboxd, 56 % auf Rotten Tomatoes und unter den größten Enttäuschungen des Jahres vieler Kritiker*innen. „Mit Abstand ihr schlechtester Film. […] Ständig dreht sie sich im Kreis, bis das letzte bisschen Publikumsinteresse aus dem Kino gedrängt ist.“, meckert Brian Tellerico für RogerEbert.com. Dem Film fehle die unvorhersehbare Energie und die gefährlichen gezackten Kanten von Ducournaus vorheriger Arbeit, schreibt Wendy Ide für den Observer. Und Peter Bradshaw nennt Alpha im Guardian sogar: „Schrill, erdrückend, zusammenhanglos und auf merkwürdige Weise von Anfang bis Ende sinnlos“. Woher kommt diese harsche Kritik? Und ist es wirklich so schwer, einen Zugang zum Film zu finden?
Um sich an einen Versuch des Verstehens zu wagen, hilft es, den Film zunächst mal auf sein Allersimpelstes herunterzubrechen: Es sind die 1980er in der Normandie. Im Mittelpunkt steht die 13-jährige Alpha, die eines Tages mit einem heimlich gestochenen Tattoo nach Hause kommt. Für Alphas Mutter, eine Ärztin, der Supergau. Ist doch momentan eine gefährliche Infektionskrankheit im Umlauf, die Menschen nach und nach in Marmor verwandelt. Alpha selbst kann die Aufregung ihrer Mutter nicht nachvollziehen. Dennoch bedeutet das für sie fortan regelmäßige ärztliche Untersuchungen, Konflikte mit und ein zunehmender Kontrollzwang ihrer verängstigten Mutter und Diskriminierungserfahrungen in der Schule, weil sie ja infiziert sein könnte. Als dann auch noch ihr suchtkranker Onkel wieder auftaucht, gerät Alphas Leben endgültig ins Wanken.
Wer eins und eins zusammenzählen kann, wird Alpha schnell als AIDS-Allegorie lesen können, und als solche ist der Film tatsächlich etwas irritierend. Alpha wirkt kalt, unpersönlich, etwas chaotisch erzählt. Es ist, als sei er immer einen Hauch zu weit weg von seiner Allegorie. Wieso werden die Kranken zu Marmor, anstatt die tatsächlichen Auswirkungen der Krankheit zu zeigen? Wieso fühlt sich alles so unvollständig an? Als hätten sich die Figuren noch so viel zu sagen und als wären ihre Geschichten noch nicht auserzählt. Wieso sehen wir die Welt aus so einem eingeschränkten Blick und nur schemenhaft die größeren Implikationen? Dazu ist der Film, was den Body-Horror angeht, sehr zahm für Ducournau-Verhältnisse. All das fühlt sich beim Schauen wahnsinnig unbefriedigend an, das stimmt. Aber genau das ist der Punkt.
AIDS ist keine Katharsis-Maschine. Es geht nicht darum, einen richtig gefühligen Tearjerker zu machen, der uns zeigt, wie schlimm das doch alles war, dabei dramaturgisch aber richtig schön rund und auserzählt ist. Alpha will kein Philadelphia sein. Alpha will anecken, will uns stören, uns zu wenig Aufklärung oder Genugtuung bieten. Die Figuren fühlen sich genauso wenig auserzählt an, wie die Millionen von Toten es waren, die die Krankheit gefordert hat und immer noch fordert. Wir kennen die Implikationen der Krankheit. Wir wissen, warum das Tattoo und der suchtkranke Onkel so markant sind. Wir können das Geschehen kausal einordnen. Eine Dreizehnjährige in den Achtzigern kann das aber nicht. Und deshalb will der Film das auch nicht. Wir sehen die Perspektive einer völlig orientierungslosen Jugendlichen, deren Gehirn zwangsläufig abstrahiert. Und wie könnte es anders? Unsere Gesellschaft hat das in all ihrer Lähmung und vor lauter homophobem Desinteresse unmöglich gemacht. Alpha zeigt uns die AIDS-Pandemie nicht als dramaturgisch abgeschlossene Tragödie, sondern als das, was sie war. Ein, primär für ohnehin schon marginalisierte Menschen, wie Homosexuelle, Suchtkranke oder Sexarbeiter*innen, unvergleichliches gesellschaftliches Trauma, das nie aufgearbeitet wurde und wahrscheinlich auch nie aufgearbeitet werden kann.

„How can it feel this wrong?“
Das klingt vielleicht nach einer steilen These, doch bei genauerer Betrachtung kommt man kaum zu einem anderen Schluss. Vor einigen Wochen habe ich für einen anderen Beitrag mit dem Kulturwissenschaftler Daniel Maroun darüber gesprochen. Er forscht an der University of Illinois zu HIV und AIDS und vertritt genau diese These. Aber wieso? Es gibt doch zahlreiche andere Infektionskrankheiten, die mehr oder weniger gut aufgearbeitet sind bzw. denen zumindest kein großes Trauma mehr anhaftet. Nun, HIV und AIDS funktionieren als kulturelles Phänomen anders als andere Infektionskrankheiten. Denn ihnen haftet ein sozio-sexuelles Stigma an, das in der Form einzigartig ist. Eine zentrale Rolle spielt dabei die vor allem sexuelle Übertragbarkeit. Sex ist in unserer Gesellschaft tabuisiert, Homosexualität und Sexarbeit sowieso. Was passiert also, wenn die häufigste Infektionsquelle Sex außerhalb von monogamen heterosexuellen Langzeitbeziehungen ist? Klar, gesellschaftliche Ächtung und Schuldzuweisung à la: Das hast du jetzt davon. Dein Lebensstil ist ja sowieso verachtenswert und verantwortungslos, und du hättest das von Anfang an nicht machen dürfen. Bei wohl kaum einer anderen Krankheit in der jüngeren Vergangenheit wurde den Infizierten so wenig Empathie entgegengebracht wie bei HIV/AIDS. Die Erkrankten seien doch selbst schuld, man solle sie noch mehr meiden als sowieso. An Aufklärung oder Verständnis kein Interesse, zumindest bei einem Großteil der Gesellschaft und der politischen Elite. Bis es dann doch irgendwann Medikamente gab, die teilweise sogar so gut wirken, dass man den Ausbruch von AIDS komplett verhindern kann, mit einer HIV-Infektion quasi eine normale Lebenserwartung hat und nicht mal zwingend ansteckend ist.
Jahrzehntelanges Trauma, Communitys, die reihenweise dezimiert wurden, einfach so weg, als wäre nichts. Ein Sprung von einem sicheren Todesurteil mit beispiellosen sozialen Implikationen – an dieser Stelle der kurze Einschub, dass das an Orten, an denen kein Zugang zu Medikamenten besteht, auch heute noch gilt, vor allem in Subsahara-Afrika, wo jährlich Hunderttausende Menschen an AIDS sterben und sich neu mit dem HI-Virus infizieren – quasi egal. So, als hätte man sich alles nur eingebildet, als wäre alles egal gewesen, wie ein Phantom. Und genau das darzustellen gelingt Alpha hervorragend. Der Film schafft es, dieses Gefühl des unabgeschlossenen Traumas, das wir eigentlich überhaupt nicht an uns heranlassen und eher auszublenden versuchen, abzubilden. Die Perspektive ist ungerecht allen Beteiligten gegenüber. Aber so war bzw. ist diese Krankheit. Und ja, man kann darüber sprechen, wie konstruktiv dieser Ansatz ist, dem Versäumten nachzujagen. Natürlich fehlt es den Figuren in Alpha vor allem an Aufklärung. Das sieht man in jedem Moment, in dem die Protagonistin selbst dazulernt. Sei es durch empathisches Beobachten, durch ihre Mutter oder ihren Onkel. Doch was bringt uns diese Erkenntnis heute? Der heutigen Krankheitsrealität entspricht das nicht mehr, und die Lücken von damals lassen sich damit auch nicht stopfen. Es ist, wie Daniel Maroun sagt, der unmögliche Versuch der Aufarbeitung.
Deswegen bringt es auch nichts, Alpha als reinen Rückbezug auf Vergangenes zu lesen, sondern in ihm eher ein grundsätzlicheres Mahnen zur Aufklärung aller Art zu sehen. Ähnlich wie viele Leute in dem deutlich beliebteren Cannes-Gegenstück zu Alpha, Der geheimnisvolle Blick des Flamingos, auch vielmehr eine allgemeine Aufforderung, Hass mit Liebe zu begegnen, sehen, anstatt ihn nur auf seine AIDS-Thematik zu reduzieren, sollte man das bei Alpha genauso wenig tun. Es geht nicht darum, was Alpha wie allegorisch passend zeigt, sondern eben genau darum, was er nicht zeigt und was er abstrahiert. Trotzdem hat der Film seine Schwächen, ja. Er ist vermutlich etwas zu lang und macht auch einige Subplots auf, die ihm nicht wirklich guttun. Und ja, er ist definitiv nur schwer zugänglich. Er ist aber bei weitem nicht so gehalt- und zusammenhangslos, wie ihn viele machen. Alpha ist Ducournaus schwächster Film, aber immer noch besser als die meisten Filme, die das vergangene Kinojahr sonst zu bieten hatte.