Kritik von Margarita Eliseeva – erstmals zu lesen am 4. Oktober 2025, gesehen beim Filmfest Hamburg 2025.

Brendan Fraser in Japan: Rental Family von Mitsuyo Miyazaki
Japan boomt. Als touristisches Ziel, als Ort zum Einwandern und natürlich als Filmkulisse für westliche Produktionen. Das wahrscheinlich bekannteste Beispiel einer solchen Filmproduktion ist Sofia Coppolas Lost in Translation (2003). Aber auch Wim Wenders Perfect Days (2023) oder David Leitchs Bullet Train mit Brad Pitt (2022) bekommen viel Aufmerksamkeit. Nun erscheint Rental Family, geschrieben von HIKARI aka Mitsuyo Miyazaki, deren bisher prominentestes Werk die Mitarbeit an der Serie BEEF (2023) sein dürfte. Die Regisseurin stammt aus Japan, hat aber in den USA studiert und arbeitet aktuell zum großen Teil auch dort. Rental Family ist dementsprechend eine US-japanische Produktion mit einem internationalen Cast, die ihre Weltpremiere noch vor einem Monat auf dem Filmfestival in Toronto (TIFF) gefeiert hat. Auf dem Filmfest Hamburg wurde Rental Family nun als Abschlussfilm gezeigt.
Philipp Vandarpleog (The Whale-Star Brendan Fraser) ist Schauspieler. Vor einigen Jahren ist er aus den USA nach Japan ausgewandert, um in skurrilen Werbespots zu erscheinen. Diese sind im ganzen Land bekannt und sogar Jahre später noch sehr beliebt. Doch die Arbeit läuft nicht gut, Aufträge gibt es kaum noch und Philipp fühlt sich stets einsam. Bis er eines Tages ein ungewöhnliches Angebot von einer Agentur erhält – als „Rental Family“ Menschen in verschiedenen Lebenssituationen zu begleiten. Zum Beispiel als trauriger Amerikaner auf einer Beerdigung, als Journalist, der einen vereinsamten alten japanischen Schauspieler interviewen möchte, und als entfremdeter Vater eines US-japanischen Mädchens, das einen wichtigen Aufnahmetest an einer Eliteschule mit beiden Eltern gemeinsam bestehen muss. Im Laufe dieser Begegnungen entstehen persönliche Verbindungen, die Philipps Einsamkeit zumindest teilweise vergehen lassen.
An sich ist es kein besonders ungewöhnliches Konzept: Ein Ausländer aus dem Westen, der in Japan lebt und nicht so ganz in die japanische Kultur reinpasst. Diese Art Figur kennt man vor allem aus dem oben genannten Lost in Translation – genauso vereinsamt, genauso fremd. Der einzige Unterschied bei Rental Family: die Hauptfigur ist doch etwas bemühter, sich mit Einheimischen anzufreunden. Doch wie wird Japan in solchen Filmen dargestellt? In den allermeisten Fällen wird das Land stark romantisiert und viele Probleme werden verschwiegen. Oft bleibt es bei einer „sie machen alles anders“ Rhetorik, die zur Belustigung eines westlichen Zielpublikums eingesetzt wird. Und Rental Family ist dabei leider keine Ausnahme, indem japanische Figuren manchmal komisch drauf sind oder eben „lustige“, für uns im Westen aber eher merkwürdige Werbespots drehen. Insgesamt bleiben die Figuren auch recht oberflächlich und weder ihre Hintergründe noch ihre Motivationen werden im Film gut aufgearbeitet.

„The market here isn’t the same anymore. It’s half the rate, twice the work.“
Und dann kommt noch der sprachliche Aspekt dazu. Japan und die japanische Gesellschaft sind nämlich nicht besonders bekannt dafür, exzellente Englischkenntnisse zu haben. Die Tatsache wird selbst in japanischen Produktionen oft zum Witz gemacht: In vielen Animes gehört die Englischprüfung fast zu den größten Ängsten jedes japanischen Schülers oder jeder Schülerin und diejenigen, die ein paar Sätze auf Englisch sagen können, werden fast wie Helden behandelt.
Doch in Rental Family scheint selbst ein 90-jähriger Schauspieler kein Problem damit zu haben, sich mit seinem amerikanischen Freund halb auf Englisch, halb auf Japanisch zu unterhalten. Und alle anderen Figuren tun es genauso. Es ist vielleicht nett, dass Brendan Fraser immer wieder den einen oder den anderen Satz auf Japanisch sagt, das hinterlässt aber nur Fragezeichen, denn aus linguistischer Sicht ist eine solche Kommunikation sehr ineffizient und es wird nie klar, wie viel die Hauptfigur wirklich versteht und ob diese Art Kommunikation lustig gemeint ist.
Ganz am Ende muss man sich auch mit dem moralisch-kritischen Aspekt der Geschichte auseinandersetzen. Die japanische Gesellschaft hat seit Jahrzehnten ein sehr akutes Problem, nämlich Einsamkeit. Die Suizidrate im Land bleibt nach wie vor hoch, alte Menschen vereinsamen ohne soziale Kontakte oder Unterstützung und der Druck auf junge Menschen, nach vorgeschriebenen Regeln und veralteten Mustern zu leben, ist immens. Genau aus diesen Gründen entstehen solche Agenturen, die aus dem Leid einer vereinsamten Gesellschaft Profit machen. Und zudem hat der Film nichts zu sagen, außer dass die bloße Existenz von solchen „Rental Family“-Agenturen vielleicht doch nicht so gut ist, aber im gewissen Rahmen doch moralisch vertretbar.
Und das ist weder süß, noch ist es legitim, sich über ein solches akutes gesellschaftliches Problem lustig zu machen. Mein eindeutiges Fazit also: Es ist zwar ein wahres Wohlfühlkino mit einem seit den ersten Minuten erwarteten Happy End nach altbekannten Formeln – so süß wie Zuckerwatte auf einem Jahrmarkt. Doch hinter der süßen Fassade steckt ein recht problematisches Konzept, das dem Zielpublikum nie ausreichend erklärt wird und nur simpelste Unterhaltung sowie Kapitalismuskritik anbietet. Daran kann auch Oscar-Gewinner Brendan Fraser nichts ändern.
Kinostart: 8. Januar 2026
Regie: Mitsuyo Miyazaki
Darsteller: u.a. mit Brendan Fraser und Mari Yamamoto
FSK-Freigabe: ab 0
Produktionsländer: USA, JP
Verleih: Walt Disney Germany / Searchlight Pictures
Laufzeit: 1 St. 43 Min.
★★★☆☆☆☆☆