Kritik zu „Bewegliche Ziele“: Bogdanovichs Klassiker erstmals auf Blu-ray

Kritik von Marc Trappendreher

Die verlorene Unschuld des Horrorkinos: Bewegliche Ziele von Peter Bogdanovich

Peter Bogdanovichs Regiedebüt Bewegliche Ziele (OT: Targets) aus dem Jahr 1968 ist bei OFDb-Filmworks auf Blu-ray erschienen – ein Film, der auf faszinierende Weise das Ende des klassischen Horrorkinos mit der aufkommenden Realität sinnloser Gewalt in der modernen amerikanischen Gesellschaft verknüpft. Bewegliche Ziele situiert sich genau in der Phase, in der auch Bonnie und Clyde (1967), Die Reifeprüfung (1967) und Easy Rider (1969) in die Kinos kamen – Werke, die gemeinhin als der Auftakt des New Hollywood gelten. Der Film reiht sich damit unmittelbar in die gesellschaftlichen und künstlerischen Umbrüche der Zeit ein und spiegelt die neue Offenheit und Experimentierfreude wider, die das amerikanische Kino Ende der 1960er Jahre prägten.

Die Entstehungsgeschichte von Bewegliche Ziele ist dabei selbst Teil seiner Faszination. Produzent Roger Corman, berühmt für seine Low-Budget-Produktionen und dafür, jungen Regisseuren erste Chancen zu geben, bot Peter Bogdanovich die Gelegenheit, einen Film zu drehen – unter der Bedingung, dass dabei bereits vorhandenes Filmmaterial mit dem Horrorfilmstar Boris Karloff verwendet wird und Karloff selbst für lediglich zwei Drehtage in die Produktion eingebunden wird. Aus dieser Vorgabe entwickelte Bogdanovich gemeinsam mit seiner damaligen Frau und Produktionsdesignerin Polly Platt ein pragmatisches Drehbuch, das zwei scheinbar voneinander getrennte Geschichten parallel erzählt, sie aber am Ende auf erschütternde Weise miteinander verknüpft. Der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger, der die Neuerscheinung des Films unterstützt hat, erläutert: „Das ist im Grunde gar nicht unüblich, dass man in so einem improvisierten Kontext versucht hat, eigene Ideen unterzubringen. Und die glückliche Fügung in Bewegliche Ziele ist, dass dieser Film nicht nur Boris Karloff als Schauspieler nutzt, sondern auch durch die Begegnung der Themen des klassischen Horrors und des modernen Grauens ein Potenzial entwickelt, das damals hochaktuell war.“

Der Film folgt zwei Hauptfiguren: Die eine ist Byron Orlok, ein alternder Horrorfilmstar, der ganz offensichtlich von Boris Karloff selbst inspiriert ist und von diesem mit melancholischer Würde gespielt wird. Orlok steht vor dem Rückzug aus der Öffentlichkeit. Trotz der Bitten seines Regisseurs Sammy Michaels – einer von Bogdanovich selbst gespielten Figur – weigert sich Orlok, einen weiteren Film zu drehen oder überhaupt noch aufzutreten. Die zweite Figur ist Bobby Thompson, ein junger Mann aus einem wohlhabenden, weißen Mittelklasse-Haushalt. Zunächst scheint Bobby ein ganz gewöhnlicher Amerikaner zu sein – höflich, gepflegt, unauffällig. Doch bald zeigt sich seine tiefe innere Zerrüttung. Ohne ersichtlichen Grund beginnt er, seine Umgebung zu beobachten, Gewehre zu sammeln und einen kaltblütigen Mordplan auszuarbeiten.

Zuerst erschießt er seine Frau und Mutter. Danach versteckt er sich auf einem Wasserturm neben einer Autobahn und beginnt, wahllos auf Autofahrer zu schießen – ein Akt des Terrors, der keiner klaren Logik folgt, aber umso erschreckender wirkt, gerade weil er aus dem Alltäglichen kommt. Der Amokläufer Charles Whitman, der 1966 an der University of Texas in Austin von einem Turm aus mehrere Menschen erschoss, war Bogdanovich dabei eine wichtige Inspirationsquelle. In dieser Engführung aus filmischem Horror und realem Amoklauf sieht der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger einen stillen Wendepunkt: „Der Film beschreibt eine konkrete Angst. Und im Grunde kann man sagen, dass Bewegliche Ziele, obwohl es kein Horrorfilm im eigentlichen Sinne ist, damals eine Modernisierung des Horrorgenres mit vorangetrieben hat.“

„DAS war’s, wovor ich solche Angst hatte?”

Der narrative Clou des Films besteht darin, dass sich die beiden Erzählstränge am Ende kreuzen: Orlok lässt sich schließlich überreden, bei einer nächtlichen Vorführung eines seiner alten Horrorfilme in einem Drive-in-Kino aufzutreten. Genau dort erscheint auch Bobby, um erneut zu morden. Von einem versteckten Ort aus beginnt er, mit seinem Gewehr auf das Publikum zu schießen. Die Szene ist in ihrer Nüchternheit und Spannung beklemmend – das künstliche Grauen auf der Leinwand wird von realem Schrecken überlagert. Orlok erkennt, was geschieht, nähert sich dem Täter und überwältigt ihn.

Bewegliche Ziele reflektiert so nicht nur die gesellschaftlichen Ängste des ausgehenden Jahrzehnts, sondern auch das Ende einer bestimmten Art von Kino. Byron Orlok steht für das klassische Hollywood – für expressionistische Schatten, Monster in Burgen, den Schrecken der Fiktion. Bobby hingegen ist ein Produkt des 20. Jahrhunderts: ein gesichtsloser Mörder ohne Motivation, ein junger Mann, der ohne Pathos und ohne theatrale Inszenierung Gewalt ausübt. Diese Gegenüberstellung bringt eine erschütternde Lesart näher: Dass das Kino, wie es einst funktionierte, nicht imstande ist, die Realität zu fassen.

Peter Bogdanovichs lässt ferner seine ausgeprägte Cinephilie in Bewegliche Ziele deutlich einfließen, ähnlich wie es die junge Generation französischer Filmemacher zur Zeit der Nouvelle Vague tat. Wie diese setzten auch die Regisseure des New Hollywood ihr umfangreiches Filmwissen bewusst ein, um traditionelle Formen zu hinterfragen, mit Genres zu spielen und ihre Filme als reflexive Auseinandersetzung mit dem Medium selbst zu gestalten. In einer frühen Szene des Films sagt Sammy Michaels resignierend: „Alle guten Filme wurden bereits gedreht.“ – ein vielsagendes Zitat, wie Marcus Stiglegger meint: „Darin liegt Bogdanovichs Ehrfurcht vor seinen bewunderten Vorbildern und es ist eine Selbstherausforderung. Es ist die Notwendigkeit, sich selbst eine sehr hohe Messlatte zu geben und sich zu fragen, kann ich nicht vielleicht doch noch mal was Neues machen? Und man muss sagen, dafür, dass der Film unter so extremen Bedingungen entstanden ist, war er etwas Neues.“

Obwohl oftmals übersehen, nimmt Bewegliche Ziele im Kontext des New Hollywood eine Schlüsselrolle ein. Noch vor den großen Durchbrüchen von Francis Ford Coppola, Martin Scorsese oder Robert Altman setzt Bogdanovich mit seinem Debütfilm auf Themen, die sich deutlich vom klassischen Studiofilm absetzen: soziale Fragmentierung, individuelle Ohnmacht, die Krise von Männlichkeitsbildern. Anders als das bis dahin dominante Genre-Kino Hollywoods, das klare moralische Ordnungen und Heldengeschichten präsentierte, verweigert sich Bewegliche Ziele entsprechenden Mustern. Der Film ist zugleich Thriller, Drama und Meta-Kommentar über das Kino selbst. Die Tatsache, dass ein Horrorfilmstar nicht mehr das größte Monster ist, sondern ein junger Mann mit einem Gewehr, ist nicht nur eine bittere Ironie, sondern die Diagnose eines gesellschaftlichen Zustands, den Bogdanovich, einer Versuchsanordnung gleich, exemplifiziert, so Stiglegger: „Bewegliche Ziele platziert seine Figuren in einen bestimmten Versuchskontext. Und das Terrarium, in dem diese Figuren konfrontiert werden, ist dann ausgerechnet das Autokino.“

Für Peter Bogdanovich selbst war Bewegliche Ziele ein Beginn mit doppelter Bedeutung. Einerseits war es der Start seiner Regiekarriere, der ihm in der Branche sofort Aufmerksamkeit verschaffte. Andererseits offenbarte der Film bereits jene Reflexivität, cinephile Haltung und stilistische Kontrolle, die ihn später mit Filmen wie Die letzte Vorstellung (1971), Paper Moon (1973) oder Is’ was, Doc? (1972) zu einem der wichtigsten Vertreter des New Hollywood machen sollten. Obwohl Bewegliche Ziele nicht Bogdanovichs kommerziell erfolgreichster oder bekanntester Film wurde, bleibt er in seiner Filmografie ein einzigartiges Werk – radikal, mutig, persönlich und politisch zugleich. Die Frage, die Bogdanovich stellt – was das Kino noch leisten kann in einer Welt, in der das reale Grauen die Fiktion überholt hat – bleibt offen. Aber sie wurde selten eindrucksvoller formuliert als in diesem Film. Den Film heute wiederzuentdecken, meint auch, den Blick für die dunklen Tiefenschichten der US-amerikanischen Gesellschaft zu schärfen, so Stiglegger: „Ich glaube, dass der Film sehr viel über Amerika aussagt. Amerika, das lässt sich nicht bestreiten, hat ein Gewaltproblem. Der gewalttätige Subtext der amerikanischen Gesellschaft kann nicht genug thematisiert werden. Und insofern ist Bewegliche Ziele in dieser Hinsicht auf einer Stufe mit Filmen wie Taxi Driver zu sehen. Bewegliche Ziele zeigt das unberechenbare Gewaltpotenzial der Verlorenen und der Einzelgänger.“

 

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Nach Jahrzehnten der relativen Unzugänglichkeit erhält Bewegliche Ziele nun erstmals im deutschsprachigen Raum eine hochwertige physische Präsentation in High-Definition. Gerade bei einem so reflexiven, medienkritischen Werk ist es mehr als nur ein nostalgischer Luxus, den Film in einer sorgfältig kuratierten Edition physisch verfügbar zu machen – es ist eine Form der kulturellen Bewahrung. Die Mediabook-Edition durch OFDb Filmworks besticht nicht nur durch ihre liebevolle Gestaltung mit wattiertem Einband, sondern auch durch eine hochwertige technische Überarbeitung. Der Film liegt in restaurierter Fassung auf Blu-ray vor, basierend auf einem neuen 4K-Master, das die visuelle Klarheit und den mitunter dokumentarischen Stil des Films optimal zur Geltung bringt. Der Ton ist wahlweise in Deutsch und Englisch verfügbar, jeweils im DTS-HD Master Audio 2.0-Format. Hinzu kommen optionale deutsche Untertitel.

Darüber hinaus wartet die Veröffentlichung mit umfangreichem Bonusmaterial auf, das nicht nur Hintergründe zur Entstehung, sondern auch zur historischen Bedeutung des Films liefert. Das Booklet von Stefan Jung vertieft die Einordnung des Films im Kontext des New Hollywood und der Filmgeschichte. In einem Videoessay beschreibt Jung zudem ausführlich die kulturelle Bedeutung des Autokinos als ein hybrider Medienort, der, entstanden in den USA, vor allem in den 1950ern seine Blütezeit erlebte und später zum Symbol für Nostalgie, Jugend- und Subkultur wurde, ferner in diversen Werken nach Bewegliche Ziele immer wieder als filmsicher Schauplatz genutzt wurde. Der begleitende Audiokommentar zum Film von Marcus Stiglegger und Stefan Jung setzt sich ebenso textkritisch wie fundiert mit dem Film auseinander und zeigt beispielhaft, wie präzise kuratorische Begleitung die Relevanz von Filmklassikern herausarbeiten kann. In Zeiten zunehmender Digitalisierung und Plattform-Abhängigkeit ist eine physische, inhaltlich wie gestalterisch anspruchsvolle Mediabook-Edition wie die von OFDb Filmworks ein Statement: für die Wertschätzung des Mediums Film, für die Bedeutung filmhistorischer Kontexte – und für Targets als Werk, das bis heute erschreckend aktuell wirkt.

US-Kinostart: 15. August 1968
Dt. Kinostart:
28. März 1974
Release Blu-ray: 10. Juli 2025
Verleih Blu-ray: OFDb Filmworks
Herausgeber: Paramount Home Entertainment
Regie: Peter Bogdanovich
Darsteller: u.a. mit Tim O’Kelly und Boris Karloff
FSK-Freigabe: ab 16
Laufzeit: 1 St. 30 Min.


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