Kritik von Hendrik Warnke

Ein Film wie ein guter Freund: Sorry, Baby von Eva Victor
Es gibt diese Filme, da weiß man gar nicht so recht, wie man in einem Kritikformat wie diesem hier über sie sprechen soll. Nicht, weil man nichts mit ihnen anfangen könnte, sondern eher das Gegenteil. Weil sie wahnsinnig reichhaltig sind und man eigentlich viel detaillierter über einzelne Szenen und Momente sprechen müsste, um den Text nicht mit Plattitüden und leeren Adjektiven wie „bewegend“, „tragikomisch“ oder „empathisch“ zu füllen. All diese Adjektive treffen natürlich auf Sorry, Baby, das beim diesjährigen Sundance Film Festival mit dem Drehbuchpreis prämierte Debüt von Eva Victor, zu. Und trotzdem können sie kaum umfassen, was den Film ausmacht. Gleichzeitig sind ausführliche Szenenanalysen nicht nur des Umfangs wegen völlig fehl am Platz. Sorry, Baby profitiert eben auch davon, wenn man vor der Erstsichtung eher eine vage Idee von der Prämisse des Films hat.
Nicht, dass sie so wahnsinnig überraschend wäre, aber der Film rückt es selbst nur Stück für Stück heraus. Deshalb nur so viel: In Sorry, Baby geht es um Agnes, die als Dozentin der Literaturwissenschaften an ihrer ehemaligen Uni in Neuengland arbeitet. Ihre beste Freundin Lydie lebt inzwischen in New York und erwartet ein Baby, während Agnes weiterhin das Haus bewohnt, das sich die beiden zu Unizeiten teilten. Recht schnell wird klar, dass Agnes vor Jahren „etwas Schlimmes“ passiert ist und sie ihr Leben seitdem nicht so richtig in die Spur bekommt. Sie hat mit Depressionen zu kämpfen und das Gefühl, auf der Stelle zu treten, während alle anderen irgendwie an ihr vorbeiziehen.
Geschichten, die sich mit posttraumatischen Erfahrungen auseinandersetzen, gibt es viele. Was Sorry, Baby aber herausstechen lässt, ist die Wärme, die er ausstrahlt. Sorry, Baby ist kein Film, der die bürokratischen Hürden des Hilfesuchens in den Mittelpunkt stellt oder darüber debattiert, wie man das eigentliche traumatische Erlebnis hätte verhindern können und welche strukturellen Bedingungen dahinterstehen. Beides findet zu einem gewissen Grad statt, aber eher hintergründig, fast schon selbstverständlich. Sorry, Baby ist kein Film der Debatten. Er ist eher wie ein guter Freund, der sich hinsetzt, dir zuhört, dich in den Arm nimmt und sagt: „Ich weiß, wie scheiße das alles ist.“ Ein Freund, bei dem man sich wohlfühlt und in dessen Beisein für einen kurzen Moment alles in Ordnung ist, auch wenn man ganz genau weiß, dass dieser Moment vergänglich ist. Aber er ist auch wie ein Freund, bei dem man sich wie eine Belastung fühlt, dessen Leben zu funktionieren scheint und durch den man sich bei aller Liebe doch auch daran erinnert fühlt, wie kaputt man eigentlich ist.
Natürlich stammt dieses Gefühl maßgeblich von den Beziehungen zwischen Agnes und den anderen Figuren im Film. Im Mittelpunkt stehen zwar Agnes und Lydie, doch auch die kleineren Begegnungen wirken zu einem großen Teil wertvoll und auf eine gewisse Weise selbstverständlich. Es geht dabei nicht darum, im Detail auszuhandeln, wie moralisch richtig oder falsch die Figuren handeln, sondern vielmehr darum, welche Wirkung sie auf Agnes haben – oder, filmisch gesprochen, welche Funktion sie in ihrer Geschichte erfüllen.

„Something pretty bad happened to me. A little over three years ago.“
Das mag jetzt erstmal formelhaft, eindimensional und in seiner Selbstverständlichkeit langweilig klingen, genau darin liegt aber die große Stärke des Films. Denn indem er diese ganzen moralischen Grundsatzfragen ausspart, hebt er den Diskurs auf eine andere Ebene. Er setzt voraus, dass wir die Probleme kennen und nicht zum x-ten Mal durchdiskutieren müssen. Stattdessen richtet er den Blick darauf, was in Agnes eigentlich vorgeht. Darauf, wie man weitermacht, obwohl man eigentlich nicht kann, und darauf, wie ermüdend und überflüssig diese ständigen Debatten eben sind, wenn doch ohnehin schon alles belastend genug ist. Und darüber hinaus funktionieren die Figuren vielleicht schemenhaft, wie echte Menschen fühlen sie sich aber trotzdem an. Einzig die Figur der Natasha sticht da etwas unangenehm heraus. Zum einen kann man hier über misslungene Repräsentation neurodivergenter Menschen sprechen. Und zum anderen öffnet der Film bei ihr eben doch wieder diese moralische Diskursebene, indem er versucht, offensichtliche Überforderung in sozialen Situationen und ein fehlendes empathisches Gespür mit einem unsympathischen, fast schon aggressiven Verhalten zu balancieren.
Dabei ist Balance wahrscheinlich die zweite große Stärke von Sorry, Baby. Denn auch wenn der Grundstoff des Films wahnsinnig schwermütig ist, schafft er es, immer wieder lustige und auflockernde Momente einzustreuen. Dadurch entwickelt sich eine tolle Dynamik, die sich jederzeit den Umständen bewusst ist, aber trotzdem einen sehr konstruktiven „es muss ja irgendwie weitergehen“-Ansatz verfolgt. Wie auch in vielen anderen Kritiken und Besprechungen zu lesen, erinnert das oftmals an die großartige BBC-Serie Fleabag, nicht zuletzt, weil Sorry, Baby mit seiner kleinen Erzählwelt oft etwas Theaterstückhaftes hat. Darüber hinaus lassen sich – etwa aufgrund des Überwindens bereits auserzählter Diskurspunkte, des impliziten Erzählens von Trauma oder des Fokussierens von mentaler Gesundheit – auch Anklänge an andere britische Produktionen der letzten Jahre erkennen, wie Aftersun, How to Have Sex oder I May Destroy You.
Dennoch fühlt sich Sorry, Baby nicht durch und durch britisch an. Ebenso stark erinnert er an moderne US-Comedians und fügt sich sehr passend in die Reihe vieler A24-Produktionen der jüngeren Vergangenheit ein. Allgemein ist das vielleicht auch sein größter Kritikpunkt. Sorry, Baby fühlt sich ein bisschen nach einem Best of anderer Ideen an, die man irgendwo alle schonmal gesehen hat, nur vielleicht nicht in dieser exakten Zusammenstellung. Aber hey, auch das muss erstmal gelingen und Sorry, Baby macht das, was er machen will, schon wirklich gut.
Kinostart: 18. Dezember 2025
Regie: Eva Victor
Darsteller: u.a. mit Eva Victor, Naomi Ackie und Lucas Hedges
FSK-Freigabe: ab 12
Verleih: DCM Filmdistribution
Laufzeit: 1 St. 44 Min.
★★★★★★☆☆
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