Kritik: Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte (DE/AU 2009)

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Ich habe das Gefühl ihr verschweigt etwas.

Es ist nicht Michael Hanekes erster Ensemblefilm, Code:unbekannt sowie 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls waren schon Gesellschaftsporträts. Während 71 Fragmente… von Vereinsamung und emotionaler Kälte handelte, beleuchtete Code:unbekannt den Kommunikationsverlust und die zunehmende Anonymisierung der Gesellschaft. Dieser Film litt aber unter einer erkennbaren Strukturlosigkeit, das Ensemble sowie der ganze Film wollten sich nicht zu einem ganzen zusammen fügen. 71 Fragmente… dagegen hatte ein reales Ereignis als Ausschlag und als Endstation, ein umfassendes Ereignis, welches die Figuren näher zueinander rückte. Ähnlich verhält es sich bei Das weiße Band, wobei man sagen kann, der Film sei Haneke-typisch und untypisch zugleich. Es ist sein erster historischer Kinofilm, sein erster Film in schwarz-weiß und sein erster deutscher Film seit zwölf Jahren.

Eine Reihe von Unfällen – oder doch eher Anschlägen – bildet den roten Faden des Films. Über 140 Minuten wird man dieses Dorf kennenlernen, jenseits der Kriminalgeschichte, vermittelt der Film nicht nur eine ausführliche Beschreibung der damaligen Menschen, sondern liefert auch eine Parabel über die Entstehung des Faschismus im Besonderen und über die Ursachen von Terrorismus im Allgemeinen. Ein Spiegel der damaligen und heutigen Gesellschaft.

Der episodisch aufgebaute Film verweigert sich den üblichen dramaturgischen Dogmen. Da die Geschichte eine Nacherzählung ist, eine Rekapitulation alter Erinnerungen, ist das nur konsequent, so steckt der Film voller eigenständiger Szenen, Mini-Filmchen, die wie Anekdoten wirken und doch im Ganzen einer Erzählung dienen, beeindruckend. Michael Haneke hat viele Jahre an dem Drehbuch gearbeitet und man merkt auch wie sich die Ideen aneinandergereiht haben, wie immer wieder eine neue Szene dazugekommen ist.

Thematisch erinnert mich der Film an Gerhard Hauptmann* und den literarischen Naturalismus. Schon in Gerhard Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ versteckte sich der Faschismus in den Winkeln der Gesellschaft. Ein junger gebildeter Mann verliebt sich in die Tochter eines Alkoholikers, schafft es allerdings nicht bei ihr zu bleiben, da er glaubt, dass sie die Krankheit ihres Vaters geerbt hat. Er will keine Kinder mit einer Frau, die „unreine“ Gene hat. Sozialdarwinismus war bereits der Anfang vom Ende. Bei Michael Haneke liegen die Ursachen nicht in einem pervertierten Wissenschaftsglauben, sondern in der Familie, der Erziehung und autoritären Strukturen.

Obwohl die erwachsenen Figuren öfters auftreten, das Interesse liegt in Das weisse Band bei den Kindern. Sie sind die wahren Hauptdarsteller des Films. Was Michael Haneke aus den jungen Darstellern herausgeholt hat, macht einen sprachlos. So gut geführte Kinderdarsteller sind im Kino selten zu sehen. Die Erwachsenen brauchen sich dennoch nicht zu verstecken. Jeder im Ensemble leistet Außerordentliches. Von Stars bis hin zu komplett neuen Gesichtern, die Besetzung bietet alles.

Man kommt aus dem Schwärmen schwerlich raus. So einen konzentrierten Film, der manchmal vor Spannung zerbirst und auf der anderen Seite fast einfriert, habe ich selten gesehen. Falls jemand noch Jungfrau im Bezug auf Michael Hanekes Filme (ebenfalls zuletzt brillant: Liebe, 2012) ist, sollte er sich diesen Film ansehen und damit in das Schaffen des österreichischen Regiewunderkinds starten. Wer mit Michael Hanekes vorherigen Filmen nicht klar kommt, sollte es nochmal versuchen. Hier darf man einen wahren Künstler beobachten, der es schafft jenseits von Skandal und Gewalt eine drängende Geschichte ganz sensibel zu erzählen.

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