"100 Bloody Acres" (AU 2012) Kritik – Blut und Knochen für den heimischen Garten

Autor: Pascal Reis

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„He wants my potassium!“

2005 war es Greg McLean, der uns mit „Wolf Creek“ entlang der sonnigen Westküste hinein in die Abgründe des australischen Hinterlandes führte. „100 Bloody Acres“ von Cameron und Colin Cairnes, der erneut Down Under mit zwei eigenwilligen Ausgeburten des Hinterlandes auf einen Nenner bringt, sieht die Sache mit dem Grauen dieser Areale nicht ganz so eng wie Greg McLean und folgt einer von Grund auf makaberen Prämisse. Lustigerweise, und das hat gewiss seine Gründe, schenken die Regie-Brüder John Jarratt, dem diabolischen Redneck aus „Wolf Creek“, einen konträren Auftritt als Gesetzeshüter, bevor wir ihn Mitte Mai in der Fortsetzung zum erfolgreichen Survival-Terror wieder in seiner fiesen Paraderolle erleben dürfen. Ein wohl interessanterer Termin, als die DVD- und Blu-ray-Veröffentlichung von „100 Bloody Acres“ am 22. Mai, wenngleich ein kurzweiliges Amüsement in diesem Fall nicht gänzlich ausgeschlossen sein muss.

Die Brüder Reg und Lindsay Morgan haben eine Marktlücke im australischen Düngergeschäft gefunden: Organisch muss die Mischung sein und Kalium heißt das Zauberwort dabei. Dafür werden überfahrene Tiere von den Straßen aufgelesen und verarbeitet. Seitdem die Brüder sich aber auch dazu hinreißen lassen haben, menschliche Überreste zu verwenden, boomt ihr Kleinunternehmen erst so richtig. Als die Gebrüder mit Aufträgen überrollt werden und mit ihren Lieferungen nicht mehr hinterherkommen, liest Reg auf der Straße Sophie, James und Wesley auf, die auf dem Weg zu einem Festival sind, durch eine Autopanne ihre Reise aber unerwartet abbrechen mussten. Reg verspricht den drei Reisenden, sie bis zum Festival zu fahren, doch kurze Zeit später befinden sie sich schon geknebelt in der Düngerfabrik wieder. Reg sympathisiert allerdings mit der Studentin Sophie, was seinem Bruder Lindsay, um dessen Anerkennung Reg seit jeher buhlt, so gar nicht in den Kram passt…

In den Hauptrollen wissen Damon Herriman („Lone Ranger“) und Angus Sampson („Insidious“) als ungleiches Bruderpaar Reg und Lindsay mit ihrem Spiel durchaus zu gefallen. Während sich Herriman dabei durch eine schüchterne, introvertierte Disposition dem Zuschauer nähert und ihn auf seine Seite zu ziehen versucht, gibt der mit Vollbart, tiefer Stimmlage und groben Gesichtszügen dem Urbild eines Hillbillys entsprechende Sampson den schroffen Antagonisten der Geschichte. Den Studenten bleibt es vergönnt, einen einprägsamen Duftmarke mit ihren Darstellungen zu setzen, auch wenn Oliver Ackland auf ulkigem Drogentrip durch einen geschlossenen Märchenpark tänzeln darf, ist er, genau wie Jamie Kristian und Anna McGahan, letztlich nur schematischer Antrieb, um Herriman und Sampson die Bühne zu überlassen und die Handlung weiter in Gang zu bringen. Große Performancekunst darf man in „100 Bloody Acres“ ohnehin nicht erwarten, dafür sollte man ein anderes Format als Projektionsfläche des eigenen Können wählen.

Die letzte große Horror-Komödien-Volltreffer landete Eli Craig 2010 mit dem kanadischen Hit „Tucker & Dale vs. Evil“, in dem er sämtliche filmische Hinterwäldler-Klischee durch den Fleischwolf drehte und gekonnt persiflierte. Diesem Kult-Status, den „Tucker & Dale vs. Evil“ inzwischen inne trägt, hechelt „100 Bloody Acres“ zuweilen gar sklavisch hinterher. Problem ist, dass die Cairnes-Geschwister – anders als noch Craig – es zuweilen nicht wirklich verstehen, ihrem Fantasy-Filmfest-Beitrag eine nachvollziehbare, effektive Tonalität zu intendieren. Soll heißen: „100 Bloody Acres“ will eine Spaßgranate sein, versucht es auch in kurzen Abständen immer wieder, seinem Publikum einen Lacher abzuverlangen, verreckt aber bereits in den Ansätzen, weil sich ein Gros der Kalauer immer stur auf den Tonfall der vorherige Szene verlässt und den Fortgang so abermals irritierend verwässert. Es entsteht keine Kohärenz zwischen der Splatter-Härte und dem schwarzen Humor, weil es größtenteils keine symbiotische Beziehung zwischen beiden Segmenten gibt, sie stoßen sich vielmehr gegenseitig ab. Da kann das Szenario um „Morgan’s Organic Blood & Bone Fertilizer“ noch so ansprechend sein.

Fazit: „100 Bloody Acres“ besitzt mit dem organischen Düngergeschäft eine durchaus vielversprechende Grundlage für ein Werk dieser Fasson, Cameron und Colin Cairnes schaffen es aber nicht, die deftige Splatter-Härte mit dem anvisierten schwarzen Humor zu verbinden. Stattdessen stoßen sich die beiden Tonalitäten immer wieder ab, anstatt eine makaber-wirkungsvolle Symbiose einzugehen, was nicht nur zu schweigsamen, denn gut gelaunten Filmrunden führen wird, sondern auch zu groben Durchhängern. Uninteressant.

„100 Bloody Acres“ erscheint am 22. Mai 2014 auf DVD und Blu-ray.