4. Berlinale-Recap: "Side Effects", "Das merkwürdige Kätzchen", "Don Jon’s Addiction", "Gold", "Interior. Leather Bar.", "Closed Curtain" & "Upstream Color"

Autoren: Conrad Mildner, Philippe Paturel

Seit gestern ist die 63. Berlinale vorüber. Es gab viele gute und wenig schlechte Filme zu sehen. Nun folgt unser letzter Berlinale-Recap. Viel Spaß!

„Side Effects“
von Steven Soderbergh

Angstzustände, Schweißausbrüche, Herzklopfen machen Emily Taylor das Leben zur Hölle. Dabei sollte sich die junge Frau eigentlich freuen, wird doch ihr geliebter Mann bald aus dem Gefängnis entlassen. Nach seiner Rückkehr verschlimmert sich ihr Gemütszustand jedoch zusehends. Die verschriebenen Psychopharmaka stabilisieren sie, führen aber zu geistigen Abszenzen.

Zu sehr sollte man sich nicht über „Side Effects“ informieren. Soderberghs allerletzter(?) Film ist ein waschechter Thriller mit zahlreichen Wendungen dessen stilistisches Vorbild ganz deutlich Alfred Hitchcocks Meisterwerk „Psycho“ ist. Zwar erreicht „Side Effects“ nie die Brillianz und Originalität des Überklassikers, aber ein kluger und spannender Mainstreamfilm ist allemal dabei herausgekommen. Soderberghs Digitalfetisch, die glatt geleckten und vor Unschärfen triefenden Bilder, sorgen für die nötige Kälte, ebenso die Figuren, von denen keine wirklich vertrauenswürdig erscheint. Besonders Jude Law ist ein Gewinn, vereint er doch, allein durch sein Image, mühelos Sympathie und Antipathie in einer Person, was ihn schon in „Contagion“ so gut zu Gesicht stand. Rooney Mara und Zeta-Jones haben auch sichtlich Spaß an ihren Rollen. Anders als überall behauptet, ist „Side Effects“ keine Abrechnung mit der Pharmaindustrie, eher mit dem Kapitalismus. In erster Linie ist das ein gelungener Thriller und ein wohlverdienter letzter(?) Film des kontroversen aber immer großen Steven Soderbergh.

„Das merkwürdige Kätzchen“
von Ramon Zürcher

Die Geschwister Karin und Simon sind bei ihren Eltern und der kleinen Schwester Clara zu Besuch. Am Abend findet ein Essen mit Verwandten statt. Zuvor wird im Laufe des Tages die Waschmaschine repariert, am Küchentisch gesessen, ein Experiment mit Orangenschalen durchgeführt, von Lungenflügeln erzählt und ein mutwillig abgerissener Knopf wieder angenäht.

Im Langfilmdebüt des dffb-Studenten Ramon Zürcher hat der Alltag eine ungewöhnliche Qualität. Jedes Detail, jede Nebensächlichkeit scheint wichtig. Die Kamera sondiert radikal, gibt sich damit zufrieden nur einen Teil zu zeigen und den Rest der Geschehnisse ins Off zu verlegen. Wenn die Kamera etwas zeigt, erhält es eine noch viel stärkere Bedeutung. „Das merkwürdige Kätzchen“ erzählt nichts außergewöhnliches. Er fühlt sich dafür ganz anders an. Die alltäglichen Familienszenen erreichen eine schwerelose Aura. Die konnotative Aufladung der Requisiten und Haustiere erzeugt gar einen surrealen Sog. Auch wenn die Schauspieler und Schauspielerinnen größtenteils hölzern ihre geschriebenen Zeilen aufsagen und wie unter Tranquillanzien in die Leere starren, funktionieren die oftmals komischen Dialoge äußerst gut. Am Ende, so scheint es, ist das rothaarige Kätzchen der Familie gar nicht so merkwürdig wie die Menschen um es herum.

„Don Jon’s Addiction“
von Joseph Gordon-Levitt

Jon Martello ist der beste Aufreißer in der Disco und nimmt am Ende eines jeden Abends genau die Frau mit nach Hause, der seine Freunde auf einer Scala von eins bis zehn die Höchstnote verpasst haben. Doch seiner wahren Leidenschaft geht Jon erst nach, wenn seine Wochenendbekanntschaften wieder verschwunden sind. Er klappt seinen Laptop auf und gönnt sich einen Wank nach dem anderen.

Nachdem Michael Fassbender im extrem depressiven, aber nicht minder grandiosen Sexdrama „Shame“ den unter Hypersexualität leidenden Bürohocker geben durfte, schlägt Joseph Gordon-Levitt mit seinem ersten abendfüllenden Spielfilm in die komplette entgegengesetzte Kerbe. Als zuweilen zum totlachen erzählte Tragikomödie geht es darin um den Pornographiesüchtigen Jon, der zwar ohne große Probleme jede Frau ins Bett kriegt, dennoch der Pornographie mehr als dem richtigen Geschlechtsverkehr abgewinnen kann. In Sachen Inszenierung wird Gordon-Levitt dabei sicher keinen Oscar gewinnen, denn „Don Jon’s Addiction“ überzeugt in einem ganz anderen Bereich. Die feine Charakterzeichnung – durch Scarlett Johansson, Julianne Moore und Joseph Gordon-Levitt selbst bis ins kleinste Detail wunderbar vor der Kamera umgesetzt – und die spritzigen Dialoge sorgen für kurzweilige Unterhaltung auf höchstem Niveau. Wie hier die wöchentliche Routine des Don Jon – Arbeiten, Fitness, Party, Sex, Porno, Kirche, Beichte und sonntagliches Familienessen – geschildert werden, ist fantastisch. Und auch wenn der spätere Übergang ins Ernstere nicht gänzlich überzeugt, so ist „Don Jon’s Addiction“ dennoch eine positive Überraschung, die sich in Zeiten, in denen nur noch selten etwas komplett andersartiges den Weg in die Kinos findet, äußerst angenehm von der Masse an Romantikkomödien abhebt.

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„Gold“
von Thomas Arslan

Kanada im Sommer 1898. Eine Gruppe deutscher Einwanderer macht sich mit Planwagen, Packpferden und wenigen Habseligkeiten auf den Weg in den hohen Norden. In Ashcroft, der letzten Bahnstation, brechen die sieben Teilnehmer auf. Sie wollen ihr Glück auf den neu entdeckten Goldfeldern in Dawson suchen. Sie haben keine Vorstellung davon, welche Strapazen und Gefahren sie auf der 2500 Kilometer langen Reise erwarten.

„Gold“ war eine der Kontroversen dieser Berlinale, von Kritikern wie anderen Filmschaffenden gleichermaßen verrissen wie bejubelt. Die „Neue Berliner Schule“ war mal wieder in aller Munde und man kann nicht abstreiten, dass Arslans neuer Film in seiner gezwungenen Form und Leere zurecht Benzin ins Feuer gegossen hat. Sein letzter Film „Im Schatten“ verstand es seine Reduktion als Tugend auszuspielen, zum einen als Würdigung Jean-Pierre Melvilles, zum anderen ließen die absichtlichen Lücken immer Raum für eigene Interpretationen. „Gold“ fehlt das fast gänzlich. Zwar ist diese deutsche Migrationsgeschichte mit Western-Elementen im Kontext unserer aktuellen Migrations-und Integrationspolitik interessant, aber diese Gedanken verschwinden spätestens in der zweiten Hälfte, wo Arslan sich mehr für den Thrill seines Survivaldramas interessiert. Nur leider fehlt diesem Rhytmusbefreiten und zähflüssigen Film jegliches Gefühl für Spannung. Die Charaktere bleiben nur bloße Skizzen und die Liebesgeschichte ist wieder einmal so kalt wie ein Swimmingpool im Januar, schade für den deutschen Western, schade für Uwe Bohm, Nina Hoss und Lars Rudolph, schade für den Berlinale-Wettbewerb.

„Interior. Leather Bar.“
Von James Franco & Travic Mathews

William Friedkins „Cruising“ ist bis heute noch einer der umstrittensten Filme der New-Hollywood-Legende. Bereits die Dreharbeiten wurden von Schwulenverbänden gestört und boykottiert. Der Film wurde als homophob gebrandmarkt, gewann die Goldene Himbeere und versagte an den Kassen. Heute ist die Perspektive eine andere, differenzierter und freier. Davon handelt u.a. „Interior. Leather Bar.“. Der Film ist eine Art Making-Of in dem die beiden Regisseure Mathews und Franco versuchen die geschnittenen Szenen aus „Cruising“ neu zudrehen. Dabei rücken vorallem die Akteure vor der Kamera in den Vordergrund. Ihre Ansichten zu „Cruising“ zu „Art-Porn“, der Lederszene und zur Gleichberechtigung gehören zu den Höhepunkten dieses leider sehr überraschungsfreien Films. James Francos Anteil ist jedenfalls sehr gering. Er führt die Kamera und gibt in ein paar Momenten seine lobenswerten Kommentare von sich. Leider erreicht „Interior. Leather Bar.“ seine selbst auferlegten Ziele nicht. Die schwule Lederszene aus „Cruising“ bedarf zum einen keiner genaueren Schilderung – trotz Schnitte schaffte es sogar eine Fisting-Szene in den Film – und zum anderen erfährt sie durch diesen Film keine neue Ausrichtung. Die Dunkelheit und die Gefahr, die in „Cruising“ von den Clubs ausgehen, bilden erst die Anziehungskraft für die zahlreichen Männer dort einzutauchen. Es ist ein Fetisch und Fetische zeichnen sich durch ihre Abkehr von der Norm aus. Sie zu normalisieren raubt ihnen nur die Schönheit.

„Closed Curtain“
von Jafar Panahi & Kambuzia Partovi

Sie werden gesucht: der Mann und sein Hund, den er eigentlich nicht besitzen darf, da das Tier nach islamischen Geboten als unrein gilt. Die junge Frau, die an einer verbotenen Party am Ufer des Kaspischen Meers teilgenommen hat. Sie verbarrikadieren sich in einer abgelegenen Villa mit verhängten Fenstern und beäugen einander misstrauisch. Warum hat er sich den Schädel kahl rasiert? Woher weiß sie, dass er von der Polizei verfolgt wird? Beide sind sie Gefangene eines Hauses ohne Aussicht inmitten einer bedrohlichen Umgebung.

Jafar Panahi, der Revolutionär unter den Filmemachern, meldet sich eindrucksvoll zurück. Auch ein 20-jähriges Berufsverbot kann den iranischen Regisseur nicht davon abhalten, seine Meinung in die Welt zu tragen und sein Berufsverbot zu ignorieren. Dabei ist Panahis neuer Film „Closed Curtain“ sein bisher persönlichstes Statement zur politischen Lage Irans geworden. Berufsverbot als Schaffenskrise, davon handelt Panahis halbdokumentarisches Drama. Es behandelt Ängste, Ungewissheiten und Hürden, die die Folge eines Filmverbots in einem Land wie dem Iran sind. Bis zu einem gewissen Punkt gelingt dies Panahi auch auf äußerst eindrucksvolle Weise. Fassungslos beobachtet man das eindringliche Kammerspiel, welches ausschließlich in eine Strandvilla verlegt wurde. Die Freiheit des uneingeschränkten künstlerischen Ausdrucks und damit verbunden ein anderes, vielleicht besseres Leben liegen mit dem Meer zum Greifen nah. Und doch scheint all das für Panahi unerreichbar. „Closed Curtain“ ist Kino, wie man es nicht alle Tage erlebt, für einen Film dieser Art geradezu überraschend intim. Spannend auch, dass die Limitation des filmischen Ausdrucks ganz neue erzählerische Möglichkeiten mit sich bringt. Und diese schöpft Panahi voll aus. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt, denn irgendwann scheint Panahi nicht mehr an die Intelligenz seines Publikums zu glauben. Er beginnt seinen selbst geschaffenen Mythos zu erklären. Das bis-zu-einem-gewissen-Grad-Meisterwerk wird dadurch im Endspurt zu einer spürbar zähen Angelegenheit. Bei der Courage, die Jafar Panahi mit dem Dreh von „Closed Curtain“ bewiesen hat, hinterlässt dieser eine Moment der Mutlosigkeit einen ziemlich faden Beigeschmack.

„Upstream Color“
von Shane Carruth

Ein Mann züchtet Maden in Blumenerde. Mit Gewalt zwingt er eine junge Frau, die Tiere zu schlucken. Die Frau, Kris, verfällt darauf in einen willenlosen, wie drogenbenebelten Zustand. Der Peiniger verschwindet, es tritt ein Schweinezüchter auf den Plan. Der Mann, der zugleich Komponist ist, nimmt einen bizarren operativen Transfer zwischen Kris und einem Schwein vor. Die sich selbst völlig fremd gewordene Kris gerät in eine Krise, die sich zuspitzt. Durch einen Zufall begegnet sie Jeff, der das Gleiche erlitten hat.

Wenn sie sich entschlossen haben nach dieser kurzen Synopsis weiter zu lesen, herzlich willkommen beim besten Film der diesjährigen Berlinale, entdeckt in der Panorama-Sektion. Neun Jahre sind seit Shane Carruths preisgekröntem Debüt „Primer“ vergangen. Der No-Budget-Kultfilm über zwei Ingenieure, die durch Zufall eine Zeitmaschine erfinden, ist immer noch einer der kompliziertesten Filme, die man sich anschauen kann und auch „Upstream Color“ steht dem in nichts nach, obwohl sich beide Filme sehr stark unterscheiden. Während „Primer“ äußerst streng und distanziert seine Geschichte erzählt, gleitet das Publikum durch den neuen Film des ehemaligen Programmierers, der wieder einmal nicht nur für Regie und Drehbuch verantwortlich war, sondern auch für die Produktion, den Schnitt, die Musik, die Kamera und die Hauptrolle. „Upstream Color“ erzählt seine Geschichte ausschließlich in schnell geschnittenen und elliptischen Sequenzen, denen die Einheit von Raum und Zeit schlicht fremd ist. Dabei erreicht Carruth im Gegensatz zu „Primer“ eine viel größere emotionale Sogkraft, was auch an der wunderbaren Amy Seimetz liegt. In vielen Reviews zum Film reichen die postmodernen Vergleiche von Terrence Malick über David Lynch bis hin zu Cronenberg. Wirklich zutreffend ist keiner der Vergleiche. „Upstream Color“ ist, wie schon „Primer“, ein Film, den man sich öfter anschauen sollte. Es gilt hierbei nicht darum etwas zu entschlüsseln. Die Eindrücke werden immer wieder etwas anders sein. Für mich hat Carruth einen Liebesfilm gedreht und einen sehr starken noch dazu, formal sowie inhaltlich wahrscheinlich zu radikal und besonders für den Wettbewerb der Berlinale, leider.

Alle vorherigen Recaps gibt es hier nochmal im Überblick:
1. „The Grandmaster“, „Maladies“, „Elelwani“ & „Baby Blues“
2. „Before Midnight“, „Endzeit“, „Rock The Casbah“ & „Computer Chess“
3. „Promised Land“, „Frances Ha“, „Dark Blood“ & „Habi, La Extranjera“