"Charlies Welt – Wirklich nichts ist wirklich" (USA 2012) Kritik – Charlie Sheen und die Schmerzen einer verflossenen Liebe

Autor: Pascal Reis

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„I don’t need some guy in wingtips to tell me I’m suffering!“

Der Fall Charlie Sheen wird für die Filmwelt wohl nie ad acta gelegt, dafür ist er einfach zu herausfordernd und populär. Eigentlich hätte man damit rechnen müssen, dass Sheen nach seinem lauten Rauswurf aus der Hit-Sitcom „Two and a Half Men“ keine Angebote mehr an Land ziehen könnte, denn seine privaten Eskapaden konnten nun wirklich nie geheim gehalten werden und die exzessiven Partykatastrophen, angetrieben von Drogen, Alkohol und Prostituierten, die sich seit seinen legendären Ausflügen in die Playboy Villa zutragen, in der Sheen den Pool als leibeigene Spielwiese gebrauchte, wanderten seit jeher breitgrinsend und mit weit geöffneter Hose durch die Medien. Ja, Charlie Sheen ist ein Chaot, der viel zu gerne über die Stränge schlägt und seine eigenen Grenzen wohl nie akzeptiert, doch abgemeldet ist er nie. Sowohl im TV ist er mit seiner Serie „Anger Management“ wieder am Start, als auch in den Lichtspielhäusern versucht Sheen in Roman Coppolas „Charlies Welt – Wirklich nichts ist wirklich“ ein Comeback. Doch dieser Schuss ging konsequent nach hinten los.

Eigentlich hat Charles Swan III. keine Sorgen, denn er lebt genau den Traum, den andere Männer nur mit geschlossenen Augen verfolgen dürfen: Er hat Geld wie Heu, die Frauen fallen haufenweise vor ihm auf die Knie und sein Leben ist eine einzige große Party. Doch der Plattencoverdesigner soll schon bald auf den harten Boden der Realität zurückgeholt werden, denn seine Freundin Ivana entlüftet ein pikantes Geheimnis, welches sie dazu verleitet, den selbstverliebten Playboy wie eine heiße Kartoffel fallen zu lassen. Charlie ist nun alleine und sieht sich gezwungen, seine langjährige Liebe zu vergessen oder einen Versuch zu wagen, sie zurückzuerobern. Mit seinen Freunden Saul und Kirby driftet Charlie immer wieder ab in seine Traumwelt, wo er sich zum Beispiel auch mal gegen mit Pfeil und Bogen bewaffnete Frauen zur Wehr setzen muss. Doch wird Charlie seine Ex wieder zurück an seine Seite holen können oder sich vollkommen in seinen fantastischen Ausflüge verrennen?

Mit der beliebten Sitcom „Two and a Half Men“ hatte Charlie Sheen seinen persönlichen Millionencoup an Land gezogen und quasi einen anhaltenden Lottogewinn im Serienformat verbuchen können. Das Ende vom Lied ist bekannt, Sheens Natur hat sich wieder einmal durchgesetzt und daraufhin konnte er seine Sachen packen und wurde von dem unverbrauchten Teenieschwarm Ashton Kutcher ersetzt. Wer nun erwartet, dass Roman Coppola seinem zwiespältigen Star neue Charakterfacetten verleiht, der täuscht sich gewaltig. Charles Swan III. ist unverkennbar Sheens Rezitierung seiner Charlie Harper-Interpretation, die letzten Endes auch nur ein Duplikat vom echten Sheen war. Im Gegensatz zur erfolgreichen Sitcom, in der Sheen nun einmal das Salz in der Suppe war und durch seine Art einfach den Nagel auf den Kopf getroffen hat, wirkt er in „Charlies Welt“ einfach nur gelangweilt und ist für den Zuschauer einfach nur eine uninteressante Karikatur seiner selbst. Viel trauriger ist es jedoch, das wirklich gute Schauspieler wie Jason Schwartzman („Rushmore“) und Bill Murray („Lost in Translation“) ihren guten Willen für derartigen Schund verkaufen, Freundschaftsdienst hin oder her.

Roman Coppola ist, wie der Name es schon verlauten lässt, nicht nur Teil einer äußerst namhaften Künstlerfamilie, angeführt vom großen Francis Ford Coppola, der die 70er Jahre mit Meisterwerken wie „Der Pate“, „Der Dialog“ und „Apocalypse Now“ maßgeblich prägte, sondern auch ein wirklich talentierter Autor, der zum Beispiel verantwortlich war für die Drehbücher zu Wes Andersons „Darjeeling Limited“ und „Moonrise Kingdom“, für den Coppola sogar eine Nominierung für den Oscar verbuchen konnte. Man merkt der zweiten Regiearbeit des Coppola-Sprosses die Verbindungen zum Meister der Skurrilität schnell an, doch „Charlies Welt“ hat ein ganz entscheidendes Problem bei diesen offensichtlichen Anderson-Anleihen: Er erreicht in keiner Sekunde auch nur den Ansatz von Charme, den Anderson in seinen kunterbunten Ausflügen ohne Probleme versprühen kann. Dabei lässt sich die Drehbuchgrundlage – und genau da liegt nun mal auf die Stärke von Roman Coppola – als durchaus interessant titulieren, schließlich geht es um einen emotionalen Verarbeitungsprozess nach einer schweren Trennung, die unüberhörbar nach einer selbstreflexiven Bewältigung fleht.

„Charlies Welt“ bemüht sich aber nicht darum, seinem Charakter einen gewissen Tiefgang zu verleihen, um eine solche Katharsis anzustreben. Vielmehr geht es Coppola in seiner fragmentarischen Narration darum, möglichst viele schräge Ideen zu präsentieren, die aufzeigen sollen, wie kreativ hier doch gearbeitet wurde und zu welch irren Einfällen der Anderson-Schreiberling in der Lage sein kann. Nur wirkt hier alles beliebig und peinlich erzwungen. Charlie Sheen als Protagonist zwischen Flehen und Schmerzen schafft es zu keinem Zeitpunkt, seine Person für den Zuschauer irgendwie interessant zu machen und der Verlauf der Geschichte, der nun vollkommen überraschungsfrei und billig von Traum zu Traum springt, juckt aufgrund der fehlenden Empathie einfach nicht die Bohne. Da kann das auferlegte 70er Setting mit den wunderbaren Songs von Liam Hayes rein gar nichts bewirken, denn ein auf Zelluloid gebannter Haufen Langeweile, der an seinen eigenen Pseudo-Ambitionen scheitert, bleibt einfach gänzlich trivial. In diesem Sinne: Die Exhumation des Charlie Harper ist kläglich gescheitert.