Kritik: Es (USA 2017)

© Warner

We all float down here.

Zahlen lügen nicht. Mit einem weltweiten Einspielergebnis von über 550 Millionen US-Dollar, ist Es drauf und dran, nicht nur zum kommerziell erfolgreichsten Horror-Film des Jahres 2017 emporzusteigen, sondern gleich zum einträglichsten R-Rated-Horror aller Zeiten. Die Spurensuche dahingehend, worauf dieses sensationelle Ergebnis basiert, wird seit Tagen in diversen Gazetten zum Thema gemacht. Dabei liegt die Antwort doch auf der Hand: Genaugenommen nämlich hat die 2017er Version von Es den Vorteil, sich genüsslich ins gemachte Nest zu setzen. Stephen Kings Mammutwerk zählte in den 1980er Jahre zu den meist gelesenen Büchern, der Fernsehfilm von 1990 verängstigte, dank einer phänomenalen Performance von Tim Curry (The Rocky Horror Picture Show), eine ganze Generation und dass man die Geschichte um den sogenannten Club der Verlierer nun auch in die 1980er Jahre verlegt hat, fängt die unzähligen Verfechter des Netflix-Formats Stranger Things passgenau ab.

Der Hype um den Film, den erst True Detective-Regisseur Cary Fukunaga in Szene gießen sollte, dessen Posten nach künstlerischen Differenzen mit dem Studio aber von Andrés Muschietti (Mama) eingenommen wurde, war also ein regelrechter Selbstläufer – genug die Massen abgreifende Vorarbeit wurde bereits erledigt. Natürlich muss man der Marketingstrategie des aktuellen Werkes auch einige Cleverness zusprechen; und an dem Punkt, an dem die Welt dann auch die ersten Eindrücke des neuen Horrorclowns zu Gesicht bekommen hat, gab es ohnehin kein Halten mehr: Es, Es, Es, überall Es. Problematisch im Zuge der Rezeption eines Filmes, der beinahe unmöglich für sich allein stehen kann, scheint selbsterklärend. Ständig bemüht man sich um Ver- und Abgleiche und sucht, wie so häufig, die Übereinstimmung, anstatt das Medium Film in seiner Vielfältigkeit als Raum der Paraphrase zu definieren. Hauptsache mehr vom immer Gleichen.

Aber Es scheitert nicht an der vorgeprägte Perzeption des Zuschauers, die Erwartungen an die Produktion stellt, die Andrés Muschiettis zweiter Langfilm nicht erfüllen kann respektive möchte. Es scheitert auf einer anderen Ebene, die noch schmerzhafter als das sklavische Abfilmen der literarischen Vorlage ausfällt: Der Film nämlich ist, so platt und verkürzt es sich nun auch anhören mag, vor allem faul. Und das in inszenatorischer, dramaturgischer und erzählerischer Hinsicht. Zweifelsohne scheint es ein Ding der Unmöglichkeit, einen Roman von über 1000 Seiten Umfang in einem gut 135-minütigen Spielfilm aufzubereiten. Ein nicht unkluger Schachzug war es deshalb, Es in zwei Kapitel zu splitten und sich in der ersten Episode voll und ganz auf die Kindheit beziehungsweise Jugend des durch die Bank gut bis sehr gut besetzten Club der Verlierer zu konzentrieren, bevor 2019 das Erwachsenendasein jener Gemeinschaft in das Zentrum rückt.

Zu Beginn noch vermag Es durchaus gekonnt, jene Nostalgie-Bedürfnisse seines Publikum angenehm zu stimulieren, wird durch die überraschend derbe Exposition doch ein Kontrast exemplifiziert, der auf das lange Sicht das irrationale Wesen der Angst treffend zum Ausdruck hätte bringen können. Es, dessen furchterregende Keimzelle in Wahrheit ja nicht nur Seelenfresser und Todbringer Pennywise ist, der hier von Bill Skarsgard mit exaltiertem Körpereinsatz verkörpert wird, sondern auch die brüchige Beschaffenheit der fiktiven Kleinstadt Derry, in der Erwachsene wie Zombies durch die Straßen schlurfen und der willkürliche Hass älteren Mitschüler jeden Schritt erschwert. Das geruhsame Idyll ist nur die Illusion eines provinziellen Amerikas, welches nach und nach von seinen schlimmsten Alpträumen heimgesucht wurde und wird. In seinen besten Momenten ist Muschietti deshalb ein Film gelungen, dem es nicht darum geht, Angst zu machen, sondern aufzuzeigen, wie es ist, der Angst ausgesetzt zu sein.

Nachdem Es sich also darum bemüht hat, die mehrfach codierte Drohkulisse zu etablieren und durch diese die jugendliche Verbundenheit zu porträtieren, in der nicht nur die innigen Freundschaftsbande tonangebend sind, sondern auch das Konkurrenzdenken gärt, offenbart Es zusehends seine erheblichen Mängel: Die inszenatorische Marschroute verkommt zum mechanischen Abarbeiten von Zugeständnissen. Der Retro-Chic wirkt alsbald nicht mehr charmant, sondern anbiedernd. Ja, Es stellt seine zeitgemäßen Insignien vielmehr aus, anstatt sie organisch in sein Narrativkonstrukt einzuweben, was sich im nächsten Schritt auch auf Pennywise beziehen lässt, der, in der Theorie, als Symbol unserer unterbewussten Ängste und Sorgen fungiert, in der hiesigen Umsetzung aber größtenteils zum unter lärmendem Gepolter aufschreckenden Ungetüm reduziert wird. Was eigentlich zur Meditation unserer Wahrnehmung im Zustand bedrückender Todesängste, in dem jedes Mentalisieren versagt, hätte werden sollen, reicht in diesem Fall nur zum repetitiven Jump Scare.

Dass Pennywise also auch physisch deutlich zu omnipräsent eingesetzt wurde, versperrt dem Film oftmals die Möglichkeit, den Horror im Kopf zur Entfaltung zu bringen. Dass die Jugendlichen als Individuen kaum grundiert worden sind, im Kollektiv dafür aber einige berückende Augenblicke zugesprochen bekommen, offenbart zwar weitere Drehbuch-Defizite, ein derart umfangreiches Buch jedoch akkurat zu adaptieren – gerade dann, wenn man sich auch noch als Horror-Film verdient machen möchte – scheint im Umkehrschluss nicht nur schwierig, sondern regelrecht unmachbar. Seine stärksten Eindrücke hinterlässt Es sicherlich im Coming-of-Age-Sektor, der das Gemeinschaftsgefühl im übertragenen Sinne auch als psychologischen Prozess der Trauma-Bewältigung anschneidet, wenn auch nur oberflächlich. Nichtsdestotrotz, abseits seiner gelungenen Momentaufnahmen, bleibt Es ein irgendwie schizophrener Film, der durchgehend auf Nummer sicher geht; der vorwiegend nach marktwirtschaftlichem Kalkül funktioniert und sich dem Anspruch hingibt, möglichst massenkompatibel auszufallen. Eben doch ein Film, der Angst machen will, anstatt das Wesen der Angst zu ergründen.

Es startet am 28. September 2017 deutschlandweit im Kino.