"Mama" (ES,CA 2013) Kritik – Grusel-Mutter im Kleiderschrank

Autor: Stefan Geisler

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„Don’t go in the closet…“

Der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro ist ein Vollzeit-Nerd. Wenn er nicht gerade selber fantastische Filme dreht oder Fantasy-Romane schreibt, dann gibt der ambitionierte Filmemacher jungen Nachwuchsregisseuren die Chance sich einmal auf der großen Leinwand zu probieren. Dass die Del-Toro-Produktionen dabei qualitativen Schwankungen unterliegen, ist dementsprechend kaum verwunderlich und doch sind die meisten Endprodukte immerhin ansehnliche Fingerübungen, die manchem Regisseur schon den Sprung nach Hollywood ermöglicht haben. Natürlich trägt auch „Mama“, die neuste Produktion des mexikanischen Fantasten, wieder dessen unverkennbare Handschrift und hat überdies sogar noch äußerst erfolgreich an den amerikanischen Kinokassen abgeschnitten. Und das aus gutem Grund: Andrés Muschiettis „Mama“ ist ein charmant-modernes Horror-Märchen, das mal schaurig, mal spaßig daherkommt und bis zum Schluss bestens unterhält.

Tief in den Wäldern der USA werden eines Tages zwei verwahrloste kleine Mädchen gefunden, die schon seit einiger Zeit komplett auf sich gestellt zu sein schienen. Nach einigen Untersuchungen stellt sich heraus, dass es sich bei den beiden Mädchen um die beiden Schwestern Victoria (Megan Charpentier) und Lilly (Isabelle Nélisse) handelt, die vor über fünf Jahren gemeinsam mit ihrem Vater aus ihrer Wohnung verschwanden und seitdem als vermisst galten. Was ist passiert? Wie konnten die beiden Kinder so lange alleine im Wald überleben? Die beiden Kinder finden erst einmal eine Bleibe im Haus ihres Onkels Lucas (Nikolaj Coster-Waldau) und dessen Freundin Annabel (Jessica Chastain), die nie die Hoffnung aufgegeben hatten, die beiden Kinder noch irgendwo zu finden. Doch irgendetwas scheint mit den Kindern in das neue, zivilisierte Leben gekommen zu sein…

Wovor fürchten wir uns in Horrorfilmen? Doch nicht vor den Kettensägen schwingenden Hinterwäldlern, die in der Glut des Südens Menschen über offener Flamme rösten, oder den unappetitlichen Torture-Porn-Magenverdrehern à la „Saw“. Es ist das Unbekannte, das unsichtbar in jedem Schatten zu sitzen scheint und jeden Moment über den Zuschauer hereinbrechen könnte, das uns Gänsehaut beschert. Die Angst vor dem Unbekannten, vielleicht sogar die Angst vor der eigenen Fantasie also, die uns dazu zwingt Fingernägel kauend vor dem Fernseher zu sitzen und schon bei einem kleinen Geräusch in Angstschweiß auszubrechen. Sofern aber die Macht des Unbekannten gebrochen, der „Schwarze Mann“ enthüllt und die Katze aus dem Sack gelassen wurde, endet jedoch bei vielen Horrorfilmen der Grusel schlagartig, da sich der vorher nur schemenhafte Schrecken letztendlich doch nur als billige Lachnummer herausstellt. Auch „Mama“ hätte ein ähnliches Schicksal widerfahren können, doch statt nach dem Moment der Enttarnung so weiterhin auf schlichte Schockeffekte zu setzen, hat sich Regisseur Andrés Muschietti dazu entschlossen, dem Horror Persönlichkeit zu verleihen. Eine mutige, aber äußerst clevere Entscheidung, denn gruselig ist das Schreckgespenst Mama nach ihrer Enttarnung sicher nicht mehr. So regen sogar einige der Horror-Szenen eher zum Schmunzeln an, zum Beispiel dann, wenn sich die unheimliche Schutzpatronin der Wolfskinder vor der Adoptivmutter im Schrank versteckt.

Leider besitzt auch Andrés Muschiettis Horror-Spielfilmdebüt einige unübersehbare Schwachpunkte. Wie so oft im Horror-Genre sind diese auch im Fall von „Mama“ einem unschlüssigen Drehbuch geschuldet. Das Dilemma beginnt schon mit der Eröffnungssequenz, wenn die aktuell grassierende Bankenkrise als halbherziger Ausgangspunkt für die nun folgenden Ereignisse herhalten muss, ohne dass diese Thematik später im Film jemals wieder aufgegriffen werden würde. Auch die Verbindung zwischen dem Schreckgespenst Mama und den beiden Wolfskindern wirkt arg konstruiert und lässt einen im Endeffekt mit mehr Fragen als Antworten zurück. An solchen Stellen merkt man dem Film dann doch an, dass das Drehbuch lediglich um einen 3-minütigen Kurzfilm herumgebastelt wurde.

Fazit: „Mama“ hat eine der interessantesten Horrorfiguren der letzten Jahre zu bieten, bei der man sich bis zum Schluss nicht ganz sicher ist, ob sie denn nun ein sympathischer Schutzpatron oder doch lediglich eine egomanische, geisteskranke Seele auf der Suche nach dem eigenen Frieden ist. Egal wie man sich entscheidet, Spaß wird man dennoch an der gruselig-unbeholfenen Figur der Mama haben. Da müssen sich die fleischlichen Protagonisten wohl noch ein wenig ins Zeug legen, um im nächsten Teil der Grusel-Mutter das Wasser zu reichen.

Und hier noch einmal der Kurzfilm „Mama“ aus dem Jahr 2008: