"Der seltsame Fall des Benjamin Button" (USA 2008) Kritik – Man ist so alt, wie man sich fühlt

„Es ist uns bestimmt, dass wir Menschen verlieren, die wir lieben. Woher sollten wir sonst wissen, wie wichtig sie für uns sind.“

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David Fincher zählt ohne Wenn und Aber zu den talentiertesten und besten Regisseuren seiner Generation. Seine bisherige Karriere lässt sich dabei fast durchgehend überschwänglich loben. Man denke nur an seine drei großen Streiche: „Sieben“, „Fight Club“ und „Zodiac“, bei denen Fincher wirklich alles richtig gemacht hat und gleich drei Meisterwerke für die Ewigkeit geschaffen hat, wobei sich bei „Zodiac“ die Geister am meisten scheiden. Und auch darüber hinaus wusste Fincher richtig gute Filme abzuliefern. Da hätten wir das Facebook-Drama „The Social Network“, die Interpretation des Stieg Larsen-Romans „Verblendung“, welche das schwedische Original ohne Probleme aussticht, und auch „Alien³“, der zwar nicht mit den legendären ersten beiden Teilen mithalten kann, aber dennoch ein solider Film geworden ist. Eigentlich hat Fincher nur in zwei Fällen enttäuscht: „The Game“, bei dem er zwar wieder seine inszenatorische Brillanz aufblitzen lassen konnte, am Ende aber vollkommen versagte und „Panic Room“, der sich für einen Fincher-Film als mauer Standardthriller entpuppen musste. Im Jahre 2008 nahm sich Fincher dann einem Projekt an, welches in seinen düsteren Modus eigentlich gar nicht passte und brachte die unreale Biografie „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ in die Kinos.

Mit dem Film orientierte Fincher sich an der Kurzgeschichte vom großen F. Scott Fitzgerald, der im Jahre 1921 die seltsame Geschichte des Benjamin Button schon niederschrieb. Der Film selbst nimmt den Fall allerdings nur als Grundlage und spannt ein vollkommen neues Netz um ihn. Anfangen im Jahre 2005, wo die im Sterben liegende Daisy ihre Tochter noch einmal bittet, aus dem Tagebuch eines gewissen Benjamin Button vorzulesen. Und so tauchen wir ein in seine Geschichte und finden uns in seinem Geburtsjahr 1918 wieder, in dem Benjamins Vater ihn wegen seines Anblickes ausgesetzt hat und auf den Stufen eines Altenpflegeheimes zurückließ. Hier nimmt ihn die Leiterin Queenie auf und macht ihn zu seinem eigenen Sohn. In diesem Heim lernt Benjamin auch seine spätere Liebe Daisy kennen, die eine Enkelin von einer der Bewohnerinnen ist. Die Jahre vergehen, Benjamin altert rückwärts und im Alter von 17 Jahren, welches man ihm natürlich nicht ansieht, beschließt er zur See zu gehen und wird zum Teil des zweiten Weltkrieges, immer mit dem Liebeskummer aufgrund Daisy in seinem Herzen. Die Zeit vergeht weiter, Benjamins leiblicher Vater stirbt und vererbt ihm in seiner Reue seine Knopffabrik, die Benjamin nun unabhängig macht. Doch Benjamin hat nur seine Daisy im Kopf und versucht sie in New York zu besuchen, wo er vorerst sehen muss, das sie mit einem anderen Mann zusammen ist, doch Benjamin gibt nicht auf…

Das erste große Lob muss an die exzellente Maske und die brillanten visuellen Effekte gehen, die das Altern und das Verjüngen so grandios darstellen, dass es dem Zuschauer kaum noch auffällt, dass es sich hier wirklich nicht um einen alten Mann, oder eine alte Frau, handelt. Und genau das ist doch der Sinn und Zweck von den Effekten in diesem Fall, nämlich das der Zuschauer nicht erkennt, dass das was er sieht, nicht real ist, aber dementsprechend glaubwürdig aussieht. Dazu gibt es noch einen wunderbaren Score von Alexandre Desplat, der sich nicht nur den Epochen und Mentalitäten anpasst, sondern auch mit seiner sensiblen Ader vollkommen punkten kann und dabei immer diesen magischen Grundton in seine Komposition hineinfließen lässt. Natürlich darf auch Claudio Mirandas Kameraarbeit nicht unerwähnt bleiben, denn seine sorgfältigen Aufnahmen machen doch auch den Großteil der stimmigen Atmosphäre aus. Schauspielerisch hat „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ ebenfalls so einiges zu bieten. Das fängt mit Brad Pitt als Benjamin Button an, der zum dritten Mal mit David Fincher zusammenarbeitet, und eine facettenreiche Darstellung der ganz großen Klasse abliefert und gerade mit seiner hervorragenden Mimik durchgehend überzeugt. Auch Cate Blnachett als Liebe Daisy kann ihre tolle Ausstrahlung wieder vollkommen ausreizen und die zarte Weiblichkeit ihres Charakters zur Geltung bringen, dabei aber ebenfalls präsent und sensibel auftritt. Und auch die Nebenrollen sind mit Darstellern wie Tilda Swinton, Jason Flemyng und Taraji P. Henson stark besetzt.

Die Geschichte, das ein Baby als alter Greis auf die Welt kommt, und daraufhin zum Jüngling und schließlich zum Säugling wird, obwohl es doch eigentlich andersherum sein müsste, ist ebenso faszinierend wie tragisch. Benjamin kommt mit den gebrechlichen Leiden des Alters auf die Welt, besitzt dazu aber noch die kindliche Naivität und den Erkundungsdrang vom Unbekannten. Mit den rückwärtslaufenden Jahren entdeckt er die Reize der Frau, den Schmerz der Liebe, den Wert von zwischenmenschlichen Bindungen und die Vielfalt des Lebens, wie auch der verschiedenen Menschen. Das abnehmende Alter wird zum zunehmenden Dasein, die Reife kommt mit der Jugend und der Abschied erfolgt in Babyschuhen. David Fincher inszeniert mit „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ eine Biografie, natürlich vollkommen erfunden, über die wichtigen Dinge in einem ganz anderen Leben, die sich trotzdem nicht von unseren Bedürfnissen unterscheiden und lässt dabei ganze Jahrzehnte mit seiner detaillierten Führung aufleben. Verschieden Epochen und Generationen umklammern die Geschichte, Schicksale und Verluste bestimmten das Geschehen und die melancholische Tragik kreuzt sich immer mit der harmonischen Schönheit. Hätte Fincher sich nicht im Mittelteil, gerade wenn es um die Beziehung zwischen Daisy und Benjamin geht, an beiläufige Dinge geklammert und sich weiterhin auf die Tatsachen konzentriert, dann bräuchte man von erzählerischen Längen gar nicht sprechen, die „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ nun allerdings hat, eben weil Fincher in diesen Momenten zu ausschweifend und gleichzeitig auch nachlässig wird.

Fazit: „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ ist ein Film, der sich um die wichtigen Dinge im Leben eines Menschen dreht. Sei es die Liebe, der Tod oder auch die Freundschaft. David Fincher beweist sein erzählerisches Können, kann dabei auch genauso mit Dramatik und Humor umgehen und das Interesse des Zuschauers fast durchgängig halten. Wären nicht die Durchhänger, die sich gerade bei der Liebesgeschichte einschleichen, die dann den Eindruck entstehen lassen, dass der Film ruhig gute 20 Minuten kürzer hätte sein können. So bleibt eine fiktive Biografie, die in jedem Fall sehenswert ist, allein wegen der wunderbaren visuellen Klasse, den Masken, dem schönen Score und auch den hervorragenden Schauspielern.

Bewertung: 7/10 Sternen