Kritik: The Master (USA 2012)

Autor: Conrad Mildner

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„What a horrible young man you are. This is acting like an animal. A dirty animal that eats its own feces when hungry.“

Die Leinwand ist schwarz und in schmucklosen, weißen Lettern erscheint der Titel „The Master“ auf der Leinwand. Beinahe wähnt man sich in einem Woody-Allen-Film bei solch einem reduktionistischen Vorspann. Erinnern sie sich noch daran als die Filme von Paul Thomas Anderson wie große Spektakel anfingen? Da gab es berauschende Scorsese-eske Kamerafahrten in „Boogie Nights“ oder einen Schneller-als-du-denken-kannst-Prolog inklusive einer bunten Vorspann-Collage in „Magnolia“. Doch irgendwann zwischen 2002 und 2007, zwischen „Punch-Drunk Love“ und „There Will Be Blood“ fand eine radikale Wandlung statt. Der zügellose Sturm-und-Drang hoffnungslos verliebter Kleinunternehmer in blauen Anzügen wich der formalen Ernsthaftigkeit gieriger Ölbarone und ihrer verhassten Söhne. Aus einem leidenschaftlichen, sogar romantischen Geschichtenerzähler wurde ein fast pessimistischer Analytiker. „There Will Be Blood“ war nicht nur ein Film, der es wert war wegen seiner Geschichte gesehen zu werden. Viel eher schienen die Figuren Stellvertreter für allgemein gültige Prinzipien und Institutionen zu sein, an denen Anderson seine eigene Sicht auf die amerikanische Geschichte demonstriert. Zwar erinnert man sich gerne an die herausragenden schauspielerischen Leistungen von Daniel Day-Lewis und Paul Dano, aber ihre Figuren könnten nicht weiter von der Gunst des Publikums entfernt sein. Auch die Musik von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood brach mit Andersons vorherigen Arbeiten. Aus der Tonebene wurde eine Kommentarebene, die mit dissonanten Klängen die Aufmerksamkeit der Zuschauer_Innen direkt auf sich lenkte und die Bildebene kontrastiv begleitete. Andersons Kino löste sich innerhalb von nur zwei Filmen von seinen Ziehvätern Scorsese und Altman und näherte sich der abstrakten Dimension eines Stanley Kubrick.

Wieder sind fünf Jahre vergangen und Paul Thomas Anderson geht den Weg, den er mit „There Will Be Blood“ einschlug, konsequent weiter. Wieder nutzt er den Konflikt zweier Charaktere als Ausgang einer weitreichenden Analyse über die menschliche Natur, gebunden an eine Periode der amerikanischen Geschichte, wobei er, ähnlich wie Kubrick, seine Geschichte ebenso historisch fotografiert. Anstatt wie in „Barry Lyndon“ mit Kerzenlicht zu arbeiten, entschieden sich Anderson und sein Kameramann Mihai Malaimare Jr. für ein bestimmtes Filmformat. Seit Kenneth Branaghs „Hamlet“ aus dem Jahr 1996 hat es keinen Spielfilm mehr gegeben, der auf 65mm-Film gedreht wurde. Das überaus teure Material ist mehr als dreimal so groß als der übliche 35mm-Film und ist daher im Detailreichtum nicht zu übertreffen. 2015 werden fast alle Kinos weltweit digitalisiert sein. Die meisten Filme werden schon digital gedreht. Nur wenige Filmemacher_Innen haben noch die Chance auf 35mm-Film zu drehen. Die Produktion eines 65mm-Films erscheint dagegen schon wie ein kleines Wunder.

Anderson und sein Team wollten dem Publikum die Schönheit des analogen Films demonstrieren, mit Erfolg. Malaimare fotografierte „The Master“ als wäre es ein Film aus den 50er Jahren und wenn man sich die Kommentare zu den diversen Trailern auf YouTube ansieht, liest man nicht selten, dass „The Master“ auch wie ein „alter“ Film aussieht. Doch anders als die damaligen 70mm-Filme (5mm für die Tonspuren) wie „Ben Hur“ oder „Lawrence von Arabien“, nutzte Malaimare das Format nicht nur wegen seines Detailreichtums, sondern auch wegen seiner offenkundigen Nachteile. In früheren 70mm-Filmen versuchte man die, aufgrund der Größe des Materials, naturbedingte, kleine Schärfentiefe möglichst zu vergrößern und auch die Größe der Kamera wurde durch viele bewegte und dynamische Einstellungen versucht zu verschleiern. Malaimare und Anderson dagegen werten diese angeblichen Schwächen als Tugenden. Die Bilder in „The Master“ haben schon fast eine spirituelle Schönheit, weil sie das meiste in die Unschärfe verlegen. Manchmal sind nur die Augen scharf gestellt oder ein paar Zentimeter auf der Haut. Die Übergänge sind weich und zart. Es gibt hier keine harten, digitalen Kanten, nur kleine und große Übergänge, optische Verzerrungen und hypnotische Lichter. Dabei bedienen die Kameraeinstellungen stets die Trägheit des sitzenden Publikums. Es gibt ganze Szenen, die nur durch das Schwenken der Kamera erzählt werden, ganz so als wäre auch sie nur ein Zuschauer im Kinosessel, der seinen Blick wandern lässt. Der Schnitt folgt daher ähnlichen Regeln. Er kommt nur zum Einsatz, wenn es absolut nötig ist. Meistens liegt das Interesse ohnehin auf der von Joaquin Phoenix gespielten Hauptfigur Freddie, dessen Geschichte „The Master“ erzählt.

Freddie ergeht sich, seit der Rückkehr aus dem zweiten Weltkrieg, in seiner Lust am Sex und Alkohol. Er hat sich schwer unter Kontrolle und verliert daher einen Job nach dem anderen. Doch dann trifft er auf Lancaster Dodd, den Begründer einer neuen spirituellen Bewegung namens „The Cause“. Der charismatische Master, wie er von seinen Anhängern nur genannt wird, nimmt Freddie unter seine Fittiche und will ihn anhand seiner Lehren zu einem besseren Menschen machen.

Eine Motivkonstante in Andersons filmischem Universum ist das Konstrukt der Ersatzfamilie. Seit seinem Regie-Debüt „Hard Eight“ verfolgen seine Filme stets die Geschichten menschlicher Allianzen. Ähnlich wie der Porno-Produzent in „Boogie Nights“, schert auch Philip Seymour Hoffman als Lancaster Dodd eine Familie um sich. Zum einen ist es seine eigene, mit Frau, den Kindern und dem Schwiegersohn, zum anderen sind es Jünger wie Freddie oder die vielen älteren, reichen Damen, die in „The Cause“ eine spirituelle Zuflucht suchen. Dabei geht es in „The Master“ in erster Linie um eine entscheidende Dreiecksbeziehung, nämlich um Freddie, Dodd und Dodds Frau Mary Sue, gespielt von Amy Adams. Die amerikanische Schauspielerin kann man hier in einer ganz ungewohnten Rolle erleben. Die gerne in komischen Filmen besetzte Darstellerin mit dem sympathischen Lächeln, lacht in diesem Film höchstens, wenn es angebracht ist. Sie ist die Lady MacBeth des Masters. Wo Hoffman in vielen Szenen den eigenen Unglauben Lancaster Dodds aufblitzen lässt, bleibt Adams Figur das fundamentalistische Rückgrat der Bewegung. Sie ist die kühle, distanzierte Ersatzmutter, die Matriarchin der Familie und Dodds Stimme im Ohr. Philip Seymour Hoffman, der mit Anderson schon bei zahlreichen Filmen zusammenarbeitete und auch erheblichen Einfluss auf das Drehbuch hatte, spielt dagegen eine reizend ambivalente Figur. Dodd ist nicht nur ungemein charismatisch und selbstbewusst, sondern auch ebenso innerlich zerrissen. Wie genau aus Dodd der Master wurde, lässt Anderson offen. Zwar befindet sich Hoffmans Figur aufrichtig auf der Suche nach der Vision eines besseren Menschen, doch zweifelt er selbst an seinen eigenen Worten. Er korrigiert sie, variiert seine Lehren sprunghaft und lässt seine Anhänger anfangen an ihnen zu zweifeln. Es gibt eine Szene in der Dodds schwierige Existenz auf den Punkt gebracht wird. Kurz bevor er eine Rede zum Erscheinen seines zweiten Buches halten soll, wartet er in einem kleinen Büro hinter der Bühne. Er ist allein. Es ist dunkel. Sein Gesicht wird nur zur Hälfte beleuchtet. Er grübelt, geht zum Fenster, schaut zur Bühne und stöhnt. Erst dann geht er los.

Solch eine Szene wäre in einem L.-Ron-Hubbard-Film nicht möglich gewesen, schon allein weil sie den Heiland wie auch die Bestie Hubbard zu menschlich darstellt.„The Master“ ist sowieso alles andere als ein Scientology-Film geworden. Zwar orientieren sich manche Namen, Jahreszahlen und Techniken an der berühmten Sekte, aber weder erarbeitet Anderson mit diesem Film eine völlige Dekonstruktion, noch eine Analyse der „Church of Scientology“. Trotzdem geht er deren Ursprung genau auf den Grund. Freddie ist wie viele nach dem Krieg ein Treibender. Keine Zeit schien geeigneter für einen neuen Glauben wie Scientology oder „The Cause“. Dahinter verbirgt sich nichts verwerfliches. Erst die Instrumentalisierung dieses Glaubens gebiert Monster. Eigentlich geht Anderson der Triebfeder jedweder Religion auf den Grund, zumal er das Konstrukt des Propheten und dessen Jünger gleichzeitig als natürliche Symbiose menschlicher Schwächen und ihrer Widersprüche zerlegt. Es liegt in unserer dualistischen Natur Teil von etwas Großem zu sein und gleichzeitig an deren Spitze stehen zu wollen. Der einsame Freddie sehnt sich nach Zugehörigkeit, nach einer Herde, einer Familie. Er findet sie, doch gleichzeitig kann er es nicht ertragen einer Autorität zu unterliegen und sich Regeln unterzuordnen.

Dodds wie auch Scientologys Menschenbild ist eine Kreatur ohne Widersprüche, ohne Unvorhersehbarkeiten. Freddie, das trunk- und sexsüchtige Tier, muss gezähmt werden. Der Mensch soll über seine eigene Natur die Kontrolle bekommen. Dass sich dahinter ein autokratisches Motiv verbirgt, zeigt Anderson in seinem Film ebenso deutlich. So ist Freddies Domestizierung wie auch die der anderen „Cause“-Mitglieder eine Kalkulation der menschlichen Seele, ihrer Wünsche und wie sich damit Profit schlagen lässt. Viele „Cause“-Übungen sind wie ihre Scientology-Vorbilder eher auf die Abgabe von Kontrolle ausgelegt. In einer herausragenden Sequenz muss Freddie immer wieder von einem Fenster auf der einen zu einer Wand auf der anderen Seite des Raums laufen und beschreiben wie sich die Oberflächen anfühlen. Er muss ebenso seine Biografie und seine verborgenen Gefühle offenlegen. Dodds Frau versucht ihn derweil zu de-hypnotisieren, allerdings mit dem gegensätzlichen Ergebnis. All diese Szenen setzt Anderson in einer äußerst dynamischen Montage zusammen, die in ihrer Form fast aus dem Film herauszufallen droht, doch Jonny Greenwoods elegische Musik und die kraftvollen Bilder schaffen es nicht nur den unerbittlichen Sog solch einer Sekte begreifbar zu machen, sondern sie lassen uns auch hinter diese enigmatische Kraft blicken. Das Kino nutzt ja ähnliche Verführungsmechanismen, eine Mischung aus Wiederholungen und Brüchen, die uns genau dann weinen, lachen und aufschreien lassen, wenn es so sein soll.

Kino als Sekte? Damit hat Paul Thomas Anderson nichts am Hut. Zwar scheint es, dass „The Master“ spürbar unzugänglicher ist als seine anderen Filme, aber emotional funktioniert diese eigenartige Geschichte zweier Männer immer noch sehr gut. Es sind zwar keine leichten 138 Minuten, die uns der amerikanische Autorenfilmer schenkt, aber dafür belohnt er uns mit den eigenen Gedanken. Wir müssen nicht schlucken, was hier gesagt und gespielt wird. Anderson ist eben kein Hubbard und so wird auch das diffuse Ende für einige Fragezeichen sorgen. Doch diese spürbare Unvollkommenheit ist beabsichtigt. Niemand sollte uns sagen, wie wir sie zu füllen haben, keine Sekte wie „The Cause“, keine Ideologie und kein Facebook.