Kritik: X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (USA 2014)

Autor: Conrad Mildner

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„I don’t want your suffering! I don’t want your future!“

Eine dunkle Zukunft: Mächtige Tötungsmaschinen, Sentinels genannt, machen Jagd auf Mutanten. Den wenigen X-Men bleibt nur noch die Flucht. Auch die ehemaligen Rivalen Prof. X (Patrick Stewart) und Magneto (Ian McKellen) haben sich verbündet. Mithilfe von Kitty Pride (Ellen Page) schicken sie Wolverines Bewusstsein zurück in die Vergangenheit, um die Geburtsstunde des Sentinel-Programms zu verhindern, was in den 70ern vom Militärwissenschaftler Bolivar Trask (Peter Dinklage) entwickelt wurde. Doch in der Vergangenheit angekommen, muss Wolverine zuerst den quasi drogenabhängigen Prof. X (James McAvoy) aus seiner Lethargie befreien. Zusammen mit Magneto (Michael Fassbender) versuchen sie Mystique (Jennifer Lawrence) aufzuspüren, die durch ihr Attentat auf Task die dunkle Zukunft erst möglich macht.

Von der diktatorischen Konzeptstrenge des Marvel Cinematic Universe kann die „X-Men“-Reihe nur träumen. Dabei war es doch u.a. „X-Men“, der 2000 den nötigen Grundstein für das heutige Comic-Kinoimperium legte. Kurz darauf startete Sam Raimis „Spider-Man“, Fortsetzungen folgten und der Rubel kam ins Rollen. Auf eine narrative Logik sollte man diese stets weiter wuchernden Franchise-Systeme heute nur noch bedingt abklopfen. Die Logik des Marktes wird dagegen umso sichtbarer. Die Geschichte darf nämlich auf keinen Fall enden.

Es ist schon lange keine Besonderheit mehr, wenn nach dem Abspann noch eine weitere Szene kommt, die möglichst geheimnisvoll neue Figuren präsentiert und auf den nächsten Film verweist. Obwohl diese Andeutung von Serialität leicht an einen typischen Cliffhanger erinnert, hat es doch nur wenig damit zu tun. Erstens ist die Abspaltung der sogenannten Post-Credits-Szenen von der „eigentlichen“ Handlung schon formal durch den dazwischen liegenden Abspann gekennzeichnet und zweitens funktionieren sie inhaltlich fast ausschließlich als Teaser oder ironischer Schlussgag. Sie stellen das Ende des Films nie in Frage, sondern geben allenfalls Gewissheit, dass es weitergeht. Das Publikum und speziell die Fans wollen ja auch gar nicht, dass die Geschichte richtig endet. Die Handlung des eigentlichen Films, sprich das aktuelle Kapitel in der Franchise-Soap, sollte natürlich schon in sich geschlossen sein, aber ein kleiner Türspalt muss immer offen bleiben. Es ist scheinbar so gewünscht. Trotz der vielen Möglichkeiten Geschichten wieder neu zu booten oder auszukoppeln, stellen sie sich doch einfach mal vor, man könnte diese Filme wie andere auch zu ende erzählen! Bekommt ein Film durch einen lückenlosen Schluss nicht eine besondere Integrität? Wie hätte „Chinatown“ wohl gewirkt, wenn Jake in einer kurzen Szene nach dem Abspann Evelyn Cross mit einer Augenklappe am Krankenhausbett wiedergetroffen hätte?

Man kann es erahnen. Ich bin kein großer Verfechter der Superheld_innen-Serialität im aktuellen Blockbusterkrieg. Ganz besonders, wenn mit den meist sehr belanglosen Abspannszenen unnötig Aufmerksamkeit generiert wird, die ohnehin schon in den letzten Quartalsprognosen der Filmstudios einkalkuliert war. Ich selbst schaue mir zu neunzig Prozent den Abspann sowieso komplett an. Es sei denn ich muss dringend auf Toilette oder der Film war die absolute Obergrütze. Von einem schlechten Film ist „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ glücklicherweise weit entfernt und obwohl meine Blase zu platzen drohte, habe ich mir die Nachdemabspannszene(TM) angesehen, dessen Qualität natürlich in keinem Verhältnis zur parallel geleisteten Körperkontrolle stand.

Wie naiv ich doch war. Damals als „X-Men: Der letzte Widerstand“ in die Kinos kam, glaubte ich wirklich, dies sei der letzte Film der Reihe. Eben weil ich dachte eine Trilogie(!) wäre das beabsichtigte Ziel gewesen. Es folgten aber nicht nur zwei Wolverine-Spinoffs, sondern auch ein beachtliches Prequel, ohne das die Reihe wohl ins Reich der Unbedeutsamkeit abgerutscht wäre. Tausendsassa Matthew Vaughn („Kick-Ass“, „Der Sternenwanderer“) realisierte einen fehlerfreien X-Men-Film wie aus dem Lehrbuch, obwohl sein Period-Setting eher wie das sterile Reenactment des dazugehörigen Geschichtseintrag bei Wikipedia anmutete. Doch die Besetzung von Magneto und Prof. X durch die Newcomer Michael Fassbender und James McAvoy sowie die Abkapselung von der ewigen Hauptfigur Wolverine gaben der Saga die nötige Frischzellenkur.

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Mittlerweile hat es die Reihe auf stattliche sieben Filme gebracht, doch ein großer Plan hat da scheinbar nie hinter gesteckt. Die X-Men-Streifen bilden eher eine heterogene Masse aus lauter Regie- und Perspektivenwechseln. Ob nun die Original-Trilogie, die Spinoffs, das Prequel oder nun das quasi Crossover, keiner kann mir erzählen, dass dies alles von Anfang an so geplant war. Muss es ja auch gar nicht. Heterogenität erzeugt Risse und somit Einblicke, die Filme meistens nicht nur sympathischer, sondern auch transparenter machen. Die dadurch sichtbar werdende Produktionsagenda hinter den X-Men lautet wohl: Keine Ahnung wie, aber Hauptsache alle paar Jahre kommt ein neuer Film in die Kinos. Mehr wünscht sich das Studio wohl nicht. Mit der erzählerischen Planwirtschaft von Marvel hat das natürlich nichts zu tun. Die Nachdemabspannszenen(TM) existieren daher wirklich nur, um den Fans eine weitere Fortsetzung zu versprechen. Sinn machen sie ohnehin nicht mehr. Der neue Film versucht sogar „X-Men: Der Letzte Widerstand“ völlig aus dem Gedächtnis der Serie zu löschen. Die zwei Spinoffs hat Bryan Singer bestimmt noch nicht mal gesehen. Diese erzählerische, ich nenne es mal, Freiheit ist natürlich nicht uninteressant.

Dabei macht „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ auf den ersten Blick den Anschein eher in alte Muster zu verfallen als seine Freiheiten zu nutzen. Anstatt Ellen Pages Figur der Kitty Pryde in den Fokus zu rücken wie es die zugrunde liegende Comicvorlage „Days of Future Past“ macht, darf Hugh Jackman zum x-ten mal die Hauptrolle spielen, während Page den Film über buchstäblich sitzen bleiben muss, da sie mit ihren Kräften die Verbindung zur Vergangenheit aufrecht erhält. Warum Pride auf einmal diese neue Zeitreisekraft besitzt, wird nicht erklärt. Eigentlich konnte sie ja „nur“ durch Wände laufen, aber da macht sich wohl die bereits erwähnte erzählerische Freiheit breit.

Im Laufe der Jahre ist der X-Men-Cast rasant gewachsen und die größte Hürde für die Autoren war es wohl nicht nur die Besetzung der alten Filme, sondern auch der neuen unter einen Hut zu bekommen. Joss Whedons „Marvels The Avengers“ hatte vorgemacht wie ein gut ausbalancierter Ensemblefilm auszusehen hat. Umso erfreulicher, dass es den Autoren gelungen ist an diese Qualität anzuknüpfen. Natürlich gibt es zahlreiche Mutanten, die nur kurz am Rande auftauchen. Wirklich gewöhnungsbedürftig ist das aber nur bei ehemaligen Hauptfiguren wie Storm (Halle Berry) und Roque (Anna Paquin), die allenfalls Cameo-Auftritte haben. Dafür vertieft der Film, die im Prequel begonnenen Beziehungen zwischen Prof. X, Mystique und Magneto. Der anfangs als Held etablierte Wolverine wird dagegen erfreulicherweise immer mehr zum Zuschauer degradiert.

„X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ markiert nicht nur das Wiedersehen mit den Figuren der ersten Trilogie, sondern auch die Rückkehr von Regisseur Bryan Singer, der die Reihe einst groß machte und sich nach „X-Men 2“ anderen nicht weniger interessanten Blockbustern wie „Superman Returns“ und „Operation Walküre“ widmete. Singer hat den X-Men wie kein anderer eine bewusst queere Perspektive gegeben bis hin zu einem beinah wortwörtlichen Coming-Out-Dialog in „X-Men 2“ („Hast du schon mal versucht kein Mutant zu sein?“). Auch dem neuen Film fehlt es nicht an queeren Spitzen. So steht weniger Mystique zwischen den ewigen Junggesellen Magneto und Prof. X wie es noch vom Drehbuch behauptet wird. Der Kamera entgeht eben nichts, die Singer ja bekanntlich sehr gut beherrscht. Das kommt natürlich auch den grandiosen Actionszenen zugute. Der extrem schnelle Quicksilver (Evan Peters) macht in einer wahnwitzigen Superzeitlupe eine Gruppe Sicherheitsleute kampfunfähig, während im Hintergrund „Time in a Bottle“ von Jim Croce gespielt wird. Auch das Opening, in dem die verbliebenen X-Men gegen die übermächtigen Sentinels kämpfen müssen, nutzt gezielt Zeitlupen. Im Gegensatz zu Zack Snyders Filmen sind sie aber nicht bloß ästhetisch, sondern dramaturgisch motiviert. Die 70er Jahre fängt die Kamera dagegen oft in wackligen Super-8-Bildern ein, die im Kontext der Geschichte nicht von ungefähr an das JFK-Attentat erinnern.

Im zentralen Spannungsfeld zwischen Mystique, Prof. X und Magneto wird das gesellschaftliche Dilemma der Saga noch einmal emotional vor Augen geführt. Die Gestaltwandlerin muss sich zwischen den Ideologien ihrer ehemaligen Mentoren, Koexistenz mit den Menschen oder Dominanz, entscheiden und Bryan Singer inszeniert diesen Kampf als quasi packenden Polit-Thriller, dessen Zeitkolorit viel organischer als noch in „X-Men: Erste Entscheidung“ gelungen ist. Dabei ist doch die Historizität des X-Men-Stoffes von vornherein prädestiniert für ein Period-Picture bzw. in diesem Fall einen Zeitreisefilm. Singer hat nicht nur als schwuler, sondern auch als jüdischer Filmemacher stets auf die geschichtliche und systematische Ausgrenzung von Menschen hingewiesen. „X-Men“ zeigte zu Beginn ein KZ in dem der junge Magneto gewaltsam von seiner Mutter getrennt wird. Zynischerweise wird er später zu einem ähnlich selbst erwählten „Führer“ wie Adolf Hitler und in der Zukunft hallen die Bilder der Vernichtungslager in der grausamen Regentschaft der Sentinels wider. Der Vietnam-Krieg der 70er zeigt dagegen wie es ausgehen kann, wenn der vermeintlich Stärkere seinen Gegner unterschätzt. Ebenso klug ist die Rolle von Bolivar Trask mit dem „Game of Thrones“-Star Peter Dinklage besetzt. Trasks Kleinwuchs lässt ihn in den Augen vieler schwächer erscheinen als er ist und auch seine Motivation für das Sentinel-Programm wird dadurch offensichtlich. In einer sozialdarwinistischen Mutantenwelt, wo das Gesetz der „besten“ DNA regiert, kann und will er nicht leben. Doch wer sind überhaupt die vermeintlich Schwachen und die vermeintlich Stärkeren? Diese Frage lässt der Film bewusst offen. In einer Szene humpelt die mit gottgleichen Kräften begabte Mystique angeschossen über einen offenen Platz, den starrenden Blicken der Menschen und Kameras schutzlos ausgeliefert und in einer anderen schlottert „Der mächtigste Mann der Welt“ im Angesicht von Magneto. „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ führt die konstruierten, gesellschaftlichen Grenzen gekonnt vor und der historische Hintergrund verleiht der Comic-Parabel eine besondere Dringlichkeit. Der Zeitreisethematik geschuldet, bleibt es am Ende unklar wie die Reise der X-Men weiter gehen wird, ob nun in der Vergangenheit oder der Zukunft. Die Nachdemabspannszene(TM) verrät nur: Es geht weiter, irgendwie, hoffentlich.