Kritik von Michael Gasch, erstmals zu lesen am 3. September 2025 – gesehen im Rahmen der 82. Filmfestspiele von Venedig 2025.

Ein rasanter Nuklear-Thriller: A House of Dynamite von Kathryn Bigelow
In Zeiten von Polykrisen – also weltumspannenden Herausforderungen wie Pandemien und dem Klimawandel – gesellt sich das nukleare Wettrüsten hinzu. Die Lage wird weltweit zunehmend kritisch, was auch am Kino und bei Streaming-Anbietern nicht vorbeigeht. Besonders Netflix erkennt dabei die Möglichkeit, Narrativen und Systemkritik zu vereinen. Nach Turning Point: The Bomb and the Cold War (Dokumentar-Miniserie) und Zero Day (Politthriller-Serie) ist der Blockbuster-Thriller A House of Dynamite das nächste Aushängeschild des Streaming-Giganten. Anknüpfend an ihre früheren Arbeiten Tödliches Kommando – The Hurt Locker und Zero Dark Thirty führt Regisseurin Kathryn Bigelow einmal mehr den US-militärischen Apparat vor. Im Unterschied zu Zero Dark Thirty wirkt das neue Werk jedoch zumindest ein Stück ambivalenter.
Irgendwo auf der Welt wird eine Nuklearrakete abgefeuert. Sekunden nach dem Start bekommt das Weiße Haus Wind davon. Noch ist das Ziel unbekannt. Alsbald jedoch klar wird, dass US-Gebiet betroffen sein wird, erfolgt die Mobilisierung. Eine Handvoll Mitglieder der politischen Elite (Rebecca Ferguson, Jared Harris, Jason Clarke), darunter auch der Präsident (Idris Elba), muss sich fortan nicht nur mit dem Abschuss, sondern auch mit der radikalen Option eines Gegenschlags auseinandersetzen.
Während The Hurt Locker (Irak) und Zero Dark Thirty (Afghanistan) noch konkrete, weltweite Räume zeichneten, widmet sich Bigelow nun dem Abstrakten. Als Logbuch ließe sich das Werk wie folgt darstellen:
Feind: unbekannt
Raketenabschussort: unbekannt
Einschlagsort: unbekannt – to be announced
Plan A: Raketenabwehr
Plan B: unbekannt
Dramatischer Spannungsaufbau und politische Prozessanalyse fließen auf den ersten Blick gelungen ineinander. Beispielsweise dann, wenn verschiedene US-Apparate wie der White House Situation Room oder das Oval Office vorgestellt werden. Jene Räume fungieren als Spannungsfelder, in denen Stille jederzeit in Bewegung umschlagen kann. Kathryn Bigelow beginnt jedoch mit einem ganz normalen Morgen: Die Angestellten kommen entspannt zur Arbeit, trinken gemütlich Kaffee; ein älterer weißer Herr gönnt sich sogar eine kleine Auszeit auf einem Golfplatz. Symbolisch gesprochen: Solange in der Welt – präziser gesagt auf US-Gebiet – Ruhe herrscht, ist auch in den Institutionen alles ruhig. Doch dann folgen ganz plötzlich Bewegung im Krisenapparat, schlagartige Risse im Machtgefüge, als die Gefahr ihre Abstraktheit verliert und ganz konkret wird.
Kathryn Bigelow hat seit ihren letzten beiden Kriegsfilmen dazugelernt. Noch cleverer inszeniert sie nun ihr Pro-USA-Weltbild – ein Punkt, der sie in der Vergangenheit besonders angreifbar machte. Zwar betont sie auf der Pressekonferenz, ein kritisches Bild der US-Politik zu zeichnen, doch greift sie immer wieder zu Mitteln, die die USA vorteilhafter erscheinen lassen, als es einer kritischen Analyse entspricht. Vermutlich sollte man ihr nicht vorwerfen, unterschwellig zu agieren, sondern dem System, das sie lediglich als kleines Rädchen im großen Getriebe betrachtet.

„Everyone you love, everyone you know, everyone you ever heard of lived out their lives on a mote of dust suspended in a sunbeam.“
Dennoch ist A House of Dynamite ein Werk mit einem doppelten Boden. Auf der einen Seite lässt es sich als Make America Great-Film lesen. Trump höchstpersönlich würde bei diversen Szenen fragen: Was macht der US-Präsident in einer Highschool? Warum ist jemand aus dem Krisenstab beim Golfen? Warum ist das Problem nicht schon längst beseitigt? Und warum sind hier eigentlich alle so unfähig? Jeder Involvierte wird ermahnt: Hätten alle ihren Job richtig gemacht, gäbe es zweifellos ein besseres, sichereres Land. Auf der anderen Seite konterkariert sich das Werk selbst: Gäbe es einen Trump in dieser Narrative, wäre es das Ende für alle. Durch die Blume vermittelt A House of Dynamite klar, was die Welt braucht – und was sie ganz sicher nicht braucht. Diese Ambivalenz macht den Film zumindest ansatzweise sehenswert.
Man könnte schon fast von einem sehr guten Werk reden, gäbe es nicht einen Ansatz aus der argumentativen Rhetorik, mit dem man dem Werk nahe kommen kann. Das so genannte Motte-and-Bailey-Argument lässt sich an den Film wie folgt anlegen: Unterschwellig wird suggeriert, dass jedes Land in einer vergleichbaren Situation genauso handeln würde wie die USA – das ist die „Motte“. Sie wirkt harmlos, fast selbstverständlich, und dient dazu, die Handlung moralisch abzusichern. Schließlich würde jeder Krisenstab so reagieren, also sei das Verhalten der USA neutral und nachvollziehbar.
Hinter dieser sicheren Aussage verbirgt sich jedoch der Bailey – die eigentliche, provokative Intention des Films, nämlich ein möglichst dramatisches, eindringliches Szenario zu inszenieren, das Spannung erzeugt und die Zuschauer emotional fesselt. Genau mit diesem Trick kann sich Bigelow immer wieder in die Motte zurückziehen: Ihr Film sei nicht Pro-USA, sondern weise schon fast einen universellen Charakter auf. Das kann man so sehen, muss man aber nicht.
Im Kern muss sich Bigelow also einer ähnlichen Kritik stellen wie zuvor: Trotz ihres Versuchs, kritische Filme zu machen, sind sie doch immer zu sehr Pro-USA ausgerichtet, was in der Gesamtheit nie ganz aufgeht – und nach der Logik auch nie aufgehen kann. Wenn ein Land von A House of Dynamite profitiert, dann definitiv die USA. Daher muss man auch dieses Mal einige Abstriche machen, wenn auch nicht ganz so viele wie bei Zero Dark Thirty.
Kinostart: 9. Oktober 2025
Netflix-Start: 24. Oktober 2025
Regie: Kathryn Bigelow
Darsteller: u.a. mit Rebecca Ferguson und Idris Elba
FSK-Freigabe: ab 12
Verleih: Netflix
Laufzeit: 1 St. 52 Min.
★★★★★☆☆☆