Kritik zu „After the Hunt“: Julia Roberts zwischen zwei Fronten

Kritik von Michael Gasch, erstmals zu lesen am 29. August 2025 – gesehen im Rahmen der 82. Filmfestspiele von Venedig 2025.

Julia Roberts in Venedig: After the Hunt von Luca Guadagnino

Luca Guadagnino, Regisseur von Call Me by Your Name, Challengers – Rivalen und zuletzt Queer, ist zurück. Sein neuestes Werk After the Hunt, das auf den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig Premiere feierte, knüpft an sein programmatisches Schaffen an. Erneut geht es um die Guadagnino-schen Leitmotive der Anziehung und des Begehrens, jedoch aus einem ganz neuen Blickwinkel. Die malerische, sommerliche und in jedem Fall sinnliche Inszenierung legt er dabei größtenteils ab. Sperrige Bilder, dissonante Musik und eine eher kalte Ästhetik prägen sein Werk, in dem eine hochspannende und zeitgemäße Substanz schlummert. Auf den Punkt gebracht: Guadagnino erfindet sich ein Stück weit neu, denn dies ist kein Werk über das Körperliche, um das es ihm stets ging. Dies ist ein Film über die andere Seite der Medaille: den Intellekt und das Vorenthalten von bedürfnisbefriedigenden Objekten oder Reizen (auch Deprivation genannt).

Julia Roberts, Ayo Edebiri und Andrew Garfield treffen hierbei aufeinander – sie eint der gesellschaftliche Kontext. Sie sind hochgebildete Biozonöse, wohnhaft im Biotop der Universität. Diverse weitere Fachbegriffe aus den Naturwissenschaften bieten sich an, und auch der Titel verrät schon einiges. Die Universität – gezeichnet als umkämpfter Lebensraum – wird fortan unter die Lupe genommen, und das auf unterschiedlichen Ebenen. Dabei ist es keine gewöhnliche Akademie des Wissens, sondern nach Harvard die prestigeträchtigste weltweit: Yale – eine Akademie, aus der US-Präsidenten, Unternehmensführer und große Künstler hervorgingen – vereint Elitarismus, Kapitalismus (billig ist der Besuch freilich nicht) sowie einen Wertekatalog. „Character and Personal Qualities“ heißt es da ganz offiziell – die erste Ebene von dreien, die Guadagnino zu entschlüsseln versucht.

Ein unangenehmer Vorwurf – ein Professor (Andrew Garfield) soll sich übergriffig gegenüber einer Studentin (Ayo Edebiri) verhalten haben – steht dabei im Zentrum. Alma Olsson (Julia Roberts) gerät zwischen die Fronten. Einerseits pflegt sie eine langjährige Freundschaft (und vielleicht auch noch mehr) mit ihrem Professorkollegen, andererseits wird sie nun von der Studentin aufgefordert, weibliche Solidarität zu zeigen. Diese Ausgangslage bildet den Rahmen des Filmdramas, doch womöglich müsste für After the Hunt ein neuer Genrebegriff gefunden werden – ich appelliere für “Clash-Cinema”, da Mikro-, Meso- und Makroebene (dazu später mehr) gleichermaßen miteinander kollidieren.

„All your generation, you’re scared of saying the wrong thing.“

Denn hier geht es keineswegs darum, irgendeine willkürliche Geschichte aus dem akademischen Alltag zu erzählen. Vielmehr versteht sich After the Hunt als Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, die über filmische Grenzen hinauswächst. Beispielsweise dann, wenn gefragt wird, wie es um jene „Character and Personal Qualities“ innerhalb der Universität bestellt ist. Ebenfalls dann, wenn zwischenmenschliche Interaktionen sowie übergeordnete Themen wie Soziolinguistik und Hyperkorrektheit, die alles miteinander verschränken, elaboriert werden. Es sind keine Fragen, die im Schatten der Leinwand geboren werden, sondern jene, die mit der Weite der Globalisierung und des Zeitgeistes kreisen.

Mit eben jener Dreiteilung in Mikro-, Meso- und Makroebene erschafft Guadagnino ein ebenso hochkomplexes wie gelegentlich überladenes Geflecht, in dem Schwachstellen, Einbahnstraßen und ganze Abgründe schlummern. Ein Geflecht, das mit Diversitätsbestrebungen, neuen politischen Strömungen und der zunehmenden Kluft zwischen Arm und Reich in den letzten Jahren nur noch wackeliger geworden ist. Ein durch und durch wackeliges Kartenhaus. Die Cleverness besteht fortan darin, wie referentiell Guadagnino arbeitet. Er nimmt nicht die Position einer Moralinstanz ein, sondern filmt neutral, ausgewogen und nüchtern – wie ein Forscher, ganz im Sinne der Wissenschaft. Statt zu moralisieren, beobachtet er; statt plumper Dramatisierung durchdringt er die elitäre Sprache, um sie im Anschluss zynisch bloßzustellen, stellt sie immerhin eine effektive Waffe, wenn nicht sogar die effektivste Waffe dieser Tage dar.

Trotz stolpernder oder intellektuell verwirrender Dialoge sowie eines repetitiven Soundtracks überzeugt der Film in nahezu allen anderen Belangen. Mit After the Hunt legt Guadagnino präzise ein System sowie den Zeitgeist der letzten Jahre offen – denn der Fall, den er erzählt, ist keineswegs neu, wird doch die #MeToo-Bewegung im kommenden Jahr schon zehn Jahre alt. Dabei wird man das Gefühl nicht los, dass sein neues Werk in starker Beziehung zu seinen vorherigen körperbetonten Filmen steht. Potenzial für einen weiteren Text über das Verhältnis zwischen Begehren (beispielsweise in Queer) und Deprivation (wie es in After the Hunt wortwörtlich vorgeführt wird) gibt es vermutlich genug.

Kinostart: 16. Oktober 2025
Heimkino-Release: ab dem 20. November 2025 exklusiv bei Amazon Prime Video
Regie: Luca Guadagnino
Darsteller:
u.a. mit Julia Roberts und Andrew Garfield
FSK-Freigabe: ab 12
Dt. Verleih: Sony Pictures
Laufzeit: 2 St. 19 Min.

★★★★★★☆☆

 


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