Berlinale 2018 – Tag 1: Hunde auf der Mülldeponie

Roter Teppich, Menschenmengen und überfüllte Kinos: Seit gestern ist die 68. Berlinale in vollem Gange und ich werde mich auch in diesem Jahr für unsere Seite wieder in das wilde Treiben stürzen. Da ich im letzten Jahr im Großen und Ganzen doch sehr enttäuscht war von den Wettbewerbsbeiträgen (ja, ich meine dich, Körper und Seele), möchte ich diesmal meinen Fokus verstärkt auf andere Sektionen ausweiten. Schließlich gab es im letzten Jahr insbesondere in der Panorama-Sektion einige Filmperlen, die größtenteils nie ihren Weg auf den deutschen Markt gefunden haben, geschweige denn eine Kinoauswertung erfahren hätten. Auf eine deutsche Veröffentlichung der kafkaesken Tragikomödie Requiem for Mrs. J. oder eine Auswertung des bildgewaltigen chinesischen Coming-of-Age-Dramas Ciao Ciao warte ich noch immer.

Gleich der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale ist auch mein Vorab-Highlight gewesen: Wes Anderson lässt in Isle of Dogs – Ataris Reise nach Der fantastische Mr. Fox (2009) wieder einmal die Puppen tanzen. Wie üblich hat Anderson auch in seinem neusten Projekt eine namhafte Star-Riege um sich gescharrt. Diesmal stehen Edward Norton, Tilda Swinton, Bob Balaban, Jeff Goldblum und Bill Murray jedoch nicht selbst vor der Kamera, sondern leihen ihre Stimmen lediglich den wunderbar detailverliebt animierten Stop-Motion-Hunden, die sich gemeinsam mit dem kleinen Japaner Atari auf den Weg machen, dessen Hund Spots zu retten. Isle of Dogs – Ataris Reise ist ein visuelles Feuerwerk, ein Rausch der Sinne, fast in jeder Szene gibt es liebevolle Kleinigkeiten zu bestaunen – also eigentlich ein typischer Anderson. Wenn dem Film etwas vorgeworfen werden kann, dann, dass die Abenteuergeschichte um den Jungen Atari inhaltlich etwas dünn daherkommt und die Bezüge zur aktuellen weltpolitischen Lage auch nicht immer ganz stimmig aufgehen. Wer die auf die Müllinsel verbannten Hunde als Allegorie auf die aktuelle Flüchtlingskrise lesen möchte, wird dafür ebenso Ansatzpunkte finden, wie diejenigen, die in dem hundehassenden, manipulativen Bürgermeister Kobayashi ein Zerrbild des aktuellen US-Präsidenten sehen möchten. Es lassen sich für jede dieser Auslegungen auch Stolpersteine finden, welche die Interpretationsansätze unstimmig wirken lassen. Ein Beispiel: Wie lässt sich das Kobayashi als Trump-Gleichnis lesen, wenn gleichzeitig ausgerechnet eine amerikanische Austauschschülerin den Japanern Demokratie beibringt, falsche Fakten richtig stellt und einen Wahlbetrug aufdeckt. Vielleicht muss ich das Ganze auch erst einmal sacken lassen und mich einfach der visuellen Pracht ergeben – Wes Anderson war auch noch nie ein guter politischer Filmemacher. Mit Isle of Dogs hat der verspielte Regisseur auf jeden Fall einen perfekten Anti-Disney-Film erschaffen und mir einen sehr gelungenen Einstieg in die Berlinale gewährt.

Trotz des gelungenen Auftakts, bin ich jedoch noch nicht so richtig angekommen auf der Berlinale. Nicht falsch verstehen, ich mag die Berlinale. Ich mag, was sie repräsentiert. Doch irgendwie fehlt auf der Berlinale immer ein wenig das Überhöhte, die Aura der Stars und Sternchen, die andere Festivals begleitetet. Selbst wenn Bill Murray und Konsorten zu einem Pressegespräch laden, geht es halbwegs gesittet zu. Vielleicht auch, weil dessen Fans (und dazu zähle ich mich auch) einfach zu alt und/oder zu müde sind, um sich bei Wind und Wetter an den roten Teppich zu stellen und lauthals kreischend auf ein Autogramm zu hoffen. Wenigstens ein Funken dieses Festival-Gefühls habe ich jedoch heute, mehr zufällig als geplant, bekommen, als ich an eben jenen Platz vorbeieilte, an dem die Stars ihren Vehikeln entsteigen. Während ich mich in Windeseile durch eine große Menschentraube kämpfte, hörte ich neben mir ein durch Mark und Bein dringendes Gebrüll: „ROOOOOOOOOOOOOOOBEEEEEEEEEERT!!!“. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatte eine junge Dame, Anfang Zwanzig, ihr Idol ausgemacht: Robert Geiss war seinem Wagen entstiegen. Spaß, natürlich hatte die Dame Robert Pattinson erblickt, der jedoch zielgerichtet in die ihr entgegengesetzte Richtung eilte und dort eine andere Fangruppe ansteuerte. Die junge Dame ging trotz (oder vielleicht auch auf Grund) ihres bemerkenswert energetischen Auftretens leer aus. Naja, ich werde mir auf jeden Fall morgen den neuen Pattinson-Film Damsel der Regie-Brüder David & Nathan Zellner (Kumiko, die Schatzjägerin) anschauen und euch in den nächsten Tagen einen etwas detaillierten Einblick in die Festival-Aktivitäten geben. Bis dahin wünsche ich euch ein paar angenehme Berlinale-Tage 2018.

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