Kritik: Decision to Leave (KR 2022)

– gesehen im Rahmen des Wettbewerbs der 75. Internationalen Filmfestspiele von Cannes –

Decision-to-Leave-2022-Park-Chan-wook
© CJ Entertainment

The closer you look, the harder you fall.

Park Chan-wook und das Festival de Cannes haben mittlerweile eine fast 20 Jahre alte gemeinsame Erfolgsgeschichte vorzuweisen. Bereits 2004 feierte Oldboy im Wettbewerb von Cannes seine Weltpremiere, wurde mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet und Park Chan-wook etablierte sich mit dem meisterhaften Rachedrama endgültig als einer der begeisterungswürdigsten Stylisten des asiatischen Kinos. Nachdem er zuvor mit Joint Security Area (2000) sowie mit Sympathy for Mr. Vengeance (2002) auf sich aufmerksam machen konnte, gelang ihm mit Oldboy der endgültige internationale Durchbruch. Es folgten noch zwei weitere Cannes-Premieren von Park Chan-wooks Regiearbeiten, 2009 mit Durst (ebenfalls ausgezeichnet mit dem Jury Preis) und 2016 mit The Handmaiden (dieser erhielt den Sonderpreis Vulcain for the Technical Artist). Wiederum sechs Jahre später ist Park Chan-wook nun erneut in Cannes vorstellig und sein moderner Film noir Decision to Leave ist für mich nicht weniger als eines der Kinohighlights des Jahres.

Ein Bergsteiger wird am Fuß einer Klippe gefunden, Ameisen kriechen grotesk über seine offen gebliebenen Augäpfel. Ist er gestürzt oder wurde er hinuntergestoßen? Der in Busan ansässige Ermittler Hae-joon (Park Hae-il) ist sich nicht sicher, aber er erahnt letzteres, als er Seo-rae (Tang Wei), die Frau des Verstorbenen, befragt. Ihre Reaktion auf den Tod ihres Mannes ist kühl und undurchschaubar. Beim Verhör stellt sich heraus, dass sie eine chinesische Migrantin ist und dass sie regelmäßig von ihrem besitzergreifenden Ehemann misshandelt wurde. Doch ihr Alibi scheint wasserdicht. Obendrein entwickelt sich beim Verhör eine unerwartete Anziehungskraft zwischen den beiden.

Decision to Leave ist im besten Sinne der klassische Hollywoodkrimi von Otto Preminger (Laura) über Billy Wilder (Frau ohne Gewissen) bis Alfred Hitchcock (Vertigo) neu gedacht. Auch das legendäre Leinwandpaar Humphrey Bogart und Lauren Bacall (Tote schlafen fest, Haben und Nichthaben) kommt einem nicht nur einmal in den Sinn, inbesondere bei den humorvolleren Szenen (das Sushi-Essen während des Verhörs ist schon jetzt einer meine Lieblingsszenen des Jahres). Die Verehrung dieser alten, zeitlosen Hollywood-Kriminalgeschichten mit ihren Doppelbödigkeiten, ihren verführerischen Femmes fatales, verzweifelten Protagonisten und ihrer stark romantischen visuellen Form durchzieht Park Chan-wooks Detektivromanze von Anfang bis Ende. Trotzdem jedoch, und das rechne ich ihm sehr hoch an, denkt Park Chan-wook sämtliche Genrekonventionen- bzw. Vorbilder komplett neu und hat hiermit einen durchgehend in seinen undurchsichtigen Bann ziehenden, modernen Krimiklassiker gedreht, wie ich es, selbst vom koreanischen Regieas selbst, nicht erwartet hatte. Dies ist auch allen Beteiligten zu verdanken. Egal ob Bittersweet Life-DoP Kim Ji-yong oder die beiden Leading Actors, sie alle befinden sich auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Im Falle des Stammkomponisten Cho Young-Wuk lässt sich freilich nur schwer von einem Gipfel seines Schaffens sprechen, hat er doch sämtliche unvergessliche Melodien für fast alle bisherigen von Park Chan-wooks Filmen produziert. Sein Opus magnum bis heute: Der Titel „The Last Waltz“ aus Oldboy.

Auf dem Weg der sich entwickelnden Handlung verschont Park Chan-wook seinen Zuschauer zu keinem Zeitpunkt und hat sichtlich Spaß daran, die Folie Amoureuse schwindelreich mit zahlreichen Rückblenden und Flashforwards auszustatten. Die Erzählung springt hin und her – ein Moment der Unaufmerksamkeit kann einen komplett aus dem Film reißen. Wirklich selten habe ich im Kino der letzten Jahrzehnte einen dermaßen cleveren Thriller gesehen, welcher sein Publikum wirklich für voll nimmt. Die Komplexität des Drehbuchs hätte dabei nicht ohne das ebenso meisterhafte Editing derart gekonnt auf der filmischen Ebene umgesetzt werden können. Der an den Nerven zerrende Ermittleralltag Hae-jons und vielmehr noch das weitere Durcheinander, welches die mysteriöse Tang Wei mit ihrer unergründlichen Präsenz in das Leben des Antihelden bringt, werden durch das perfekte Zusammenspiel sämtlicher Künstler vor sowie hinter der Kamera glaubwürdig zum Ausdruck gebracht.

Und das, obwohl Park Chan-wook mit seiner rätselhaften, anfangs wirklich ungewohnten Erzählweise freilich das Risiko eingegangen ist, viele Zuschauer abzuhängen. Sämtliche Erwartungen des Publikums werden durchkreuzt, so wie es früher nur Regisseuren wie Alfred Hitchcock oder in der jüngeren Filmgeschichte David Lynch gelungen ist. Oder im Falle des Neo noir beispielsweise auch den Coen Brüdern mit The Man Who Wasn’t There (2001). Es erfordert vom Zuschauer einiges an Geduld und Vertrauen in die sehr gemähliche Auflösung der zahlreichen Handlungsknoten. Die Belohnung dafür ist am Ende ein ebenso emotional überwältigendes wie mehrdeutiges Finale.

Fazit: Einer der filmischen Höhepunkte des Jahres 2022. Park Chan-wook ist zurück und ich weine ebenso sehr wegen ihr, wie ich seine bittersüße, brillant erzählte moderne Detektiv-Romanze mit Tang Wei als Femme Fatale und Park Hae-il als Humphrey Bogart unserer Zeit feiere. Am liebsten hätte ich mir Decision to Leave direkt nach der Weltpremiere sofort ein zweites Mal angeschaut!

Decision to Leave startet am 8. Dezember 2022 bundesweit im Kino.

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