Kritik: Cloud Atlas (DE, HK, SG, US 2012)

Autor: Conrad Mildner

null

…from womb to tomb, our lives are not our own…

Wenn man bedenkt, dass „Cloud Atlas“ die bisher teuerste, deutsche Co-Produktion aller Zeiten ist, so war ich verwundert darüber wie unbekannt der Film selbst in filmaffinen Kreisen ist. Irgendwie läuft da etwas mit dem Marketing falsch. Man sieht zwar hier und da ein Poster oder einen Trailer, aber sobald man nur „Cloud Atlas“ sagt, weiß kaum einer worum es geht. Dabei hat solch ein megalomanisches Projekt diese Aufmerksamkeit nicht nur nötig, sondern auch verdient, denn wenn Deutschland mal nach Hollywood schielt, dann kommt meistens nur Schrott wie die „Resident Evil“-Reihe heraus. Die schwer fassbaren Stoffe, die überlangen Drehbücher, die haushohen Ambitionen sucht man hier ja ziemlich vergeblich.

So überraschte es auch nicht, dass sich Tom Tykwer für so ein wünschenswertes Projekt empfahl. Nach Filmen wie „The International“, „Das Parfüm“ und „Heaven“ konnte Tykwer sein Schuhwerk bereits auf dem großspurigen Hollywood-Parkett einlaufen. Die Babelsberg-Connection brachte dann auch die Wachowski-Geschwister und Tykwer zusammen, so hatte sich ein ungewöhnliches Regie-Trio gefunden, deren einzige Gemeinsamkeit der Hang zu aufwendigen Money-Shots zu sein schien.

An epischer Breite scheint es der recht unbekannten Vorlage in erster Linie nicht zu mangeln. Die Geschichten erstrecken sich über fünfhundert Jahre und sind überschwemmt mit Figuren, Querverweisen und Dopplungen, denn wie die Tagline des Films bereits verrät: „Alles ist verbunden.“ Genug Stoff für einen dreistündigen Film. Fatal ist nur, dass man nach dem Film die Lust verspürt das Buch zu lesen, nicht weil das Kinoerlebnis so anregend war, sondern weil man sich fragt, ob das jetzt schon alles war.

Aus der bloßen Masse an Handlung macht der Film nämlich herzlich wenig. Außer einer eigenartig gestrigen, aber dafür maximal prominenten A-Besetzung, verführt recht wenig zum Kauf der Kinokarte. Die großen Stars von Tom Hanks bis Halle Berry tauchen in den vielen Geschichten immer wieder mal in kleineren und größeren Rollen auf, die sich alle durch aufwendige Masken und Kostümierungen unterscheiden. Den irritierenden Gipfel erreicht dieser Karneval beim Asianfacing Keith Davids und Jim Sturgess, wobei die Regie-Intentionen klar ersichtlich bleiben. Alles ist halt miteinander verbunden.

Die Geschichte beginnt im Jahre 1846, wo ein amerikanischer Anwalt (Jim Sturgess) aufgrund der Freundschaft zu einem entflohenen Sklaven (David Gyasi) anfängt an der Sklaverei zu zweifeln. 1936 liest ein junger Komponist (Ben Whishaw) die Aufzeichnungen des amerikanischen Anwalts und fühlt sich dazu inspiriert ein Stück zu schreiben, dass ihm aber sein Lehrmeister (Jim Broadbent) versucht zu stehlen. All das beschreibt der Komponist leidenschaftlich in den Briefen an seinen Liebhaber (James D’Arcy), der in den 70er Jahren, als alter Mann, von einem Auftragskiller (Hugo Weaving) erschossen wird, weil er versuchte die dunklen Machenschaften eines Energiekonzerns aufzudecken. Zum Glück nimmt sich eine furchtlose Reporterin (Halle Berry) der Geschichte an. Im Jahr 2012 landet ein überschuldeter Verleger (Jim Broadbent) durch die Fehde seines Bruders im Altersheim und plant mit ein paar „Miteinsassen“ seinen Ausbruch. Das Neo-Seoul der Zukunft scheint dagegen ein viel größeres Gefängnis zu sein. Dort wird eine Klonin (Doona Bae) zum Messias der rebellischen Untergrundbewegung und steigt sogar zur Prophetin empor, derer man sich noch in der weit entfernten Zukunft erinnert. In einer Zeit, wo die Menschen wieder in Stämmen leben und ein Schafshirte (Tom Hanks) eine Reisende (Halle Berry) zum Berg des Teufels geleitet.

Das ist wirklich nur die kurze Kurzzusammenfassung und zwischenzeitlich kommt man schon ins Grübeln, ob drei Stunden hierfür wirklich ausreichen. Dem Film gelingt es diese Frage halbwegs aus der Welt zu schaffen, denn vor Spannung wird sich das Publikum nicht in den Kinosessel krallen. Die drei Stunden, sie sind spürbar, trotz der Menge an Geschichten und es bleibt das Gefühl nicht genug erzählt zu haben. Da wiederum einen sich das Kino Tykwers und der Wachowskis nochmals, denn ihre Inszenierung bleibt gerne an der Oberfläche hängen. Größe entsteht allerdings nicht nur, wenn die Handlung groß ist oder die Figuren viele kluge Dinge im Off-Kommentar sagen. Die Wachowskis und Tykwer türmen lieber einen Haufen Silikon und Seide auf, gleiten mit der Kamera durch CGI-Welten und garnieren ihre Show mit einem Haufen an Glückskeksweisheiten.

„Cloud Atlas“ erinnert nicht von ungefähr an einen gescheiterten „Tree of Life“. Er strebt nach ähnlicher Größe, ergeht sich dabei aber lieber im Ausbuchstabieren als im filmischen Erzählen. Statt zu erleben, betrachtet man nur. Die Regie nötigt förmlich zum staunenden Begaffen der immensen production values, doch wirklich lebendig werden weder die kostümierten Figuren, noch die Kulissen. Noch nicht mal das übergroße Neo-Seoul regt die Kinnlade zum Fallen an, da die Wachowskis eher am Nachstellen von „Blade Runner“ interessiert sind. Nichts erinnert mehr an die entsättigten und unterkühlten Zukunftsvisionen früherer Filme der Regie-Geschwister. Tom Tykwers Formalismus war dagegen schon immer etwas zurückhaltender und sowieso europäischer. Selbst so eine große Produktion wie „The International“ hatte immer noch etwas sehr intimes und ärmliches an sich. Mit den großen Geschützen kann Tykwer anscheinend dafür nicht ganz so gut umgehen.

So heben sich der dystopische Größenwahn der Wachowskis und die versöhnliche Bilderbastelei Tykwers gegenseitig auf und kreieren letztendlich ein lauwarmes Möchtegernepos voller halber Sachen, kitschiger Dialoge und postmodernem Recycling. Es ist beiweitem nicht die filmgewordene Rebellion die inhaltlich laut anklingt. Das Streben nach Veränderung, das Ausbrechen aus konservativen Strukturen, das bleibt uns „Cloud Atlas“ weitesgehend schuldig. Einzig ein Moment im Film verzaubert. In einer Montage, in der alle Geschichten in schnellen Schnitten miteinander vermengt werden, zerstört der junge Komponist zusammen mit seiner großen Liebe Porzellan in Ultra-Zeitlupe. Die Schönheit der Zerstörung als Sinnbild von Aufbruch und Veränderung, doch „Cloud Atlas“ schafft es nicht dieses Bild zu erhalten. Vieles bleibt Tapete.

Please follow and like us: