Kritik zu „Eddington“: Ari Asters Pandemie-Satire

Kritik von Philippe Paturel – erstmals zu lesen am 16. Mai 2025, gesehen im Rahmen des Wettbewerbs der 78. Internationalen Filmfestspiele von Cannes.

“It will value your life. You should think twice.”

Der Regisseur von Hereditary und Midsommar ist zurück – und mit Eddington liefert Ari Aster sein bisher kompromisslosestes Werk, das erstmals auch wirkliche politische Sprengkraft entfaltet. Inmitten der glamourösen Kulisse von Cannes 2025 sorgt der Film prompt beim Einsetzen der Credits für hitzige Debatten. Eddington ist ein wuchtiger, verstörender Abstieg in die Abgründe von Fanatismus, Macht, Manipulation und Ideologie – getragen von Asters unverkennbarem Gespür für psychologischen Terror und gesellschaftliche Zerrüttung. Wer dachte, Aster hätte mit Midsommar das Maximum an emotionalem Unbehagen erreicht, wird hier eines Besseren belehrt.

Eddington versetzt die Zuschauer ins Frühjahr 2020 zurück, in die Kleinstadt Eddington, New Mexico, wo zu Beginn der Corona-Pandemie ein lokaler Konflikt zwischen Sheriff (Joaquin Phoenix) und Bürgermeister (Pedro Pascal) eskaliert. Während die eine Seite fordert, dass alle Masken tragen müssen, lehnt sich die andere, angeführt vom Sheriff, strikt gegen die Anweisungen des Bürgermeisters auf. “I want to exercise my freedom of choice without publicly being shamed.” Zwischen Pflichtbewusstsein, Paranoia, dem Wunsch nach persönlicher Freiheit – also dem Recht, keine Maske zu tragen – und fanatischem Glauben gerät die Gemeinschaft Eddingtons zunehmend in einen Sog der Radikalisierung und Spaltung.

Eddington ist ein regelrechtes COVID-Déjà-vu – ein Film, den man sich insgeheim als Aufarbeitung der Corona-Jahre im Kino gewünscht, zugleich aber auch gefürchtet hat. Er lässt sich nicht einfach konsumieren, sondern ist eine bewusst unbehagliche Provokation. Ari Aster zerlegt in seiner neuesten Arbeit mit chirurgischer Präzision eine Gesellschaft, die sich längst in parallele Wirklichkeiten gespalten hat – politisch, sozial, digital. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund: Ganz gleich, ob Black-Lives-Matter-Aktivist, Antifa-Anhänger, Waffenbefürworter, Institution oder Politiker – hier bekommt jeder auf satirisch schärfste Weise sein Fett weg. Und damit wird Ari Aster sicherlich viele verärgern!

Die reale Pandemie ist zwar vorbei, doch die Muster, die sie geprägt hat – Kontrollwahn, Schuldzuweisungen, moralische Lagerbildungen, egozentrische Weltverbesserer – sind in der heutigen Gesellschaft und Politik immer noch genauso gegeben wie in Eddington. Ari Aster inszeniert die Geburt einer zutiefst amerikanischen Paranoia mit einem Unbehagen, das sich leise, aber beharrlich in die kollektive Psyche der erlebten 2020er Jahre eingeschlichen hat.

Mit sicherer Hand erschafft er einen filmischen Spiegel, der weder predigt noch schmeichelt, sondern eine Gesellschaft zeigt, die sich in Echtzeit selbst demontiert. Eddington ist zugleich grotesk überzeichnet und erschreckend treffsicher. Inmitten einer polarisierten Gegenwart tritt Aster nicht nur als Regisseur, sondern als kultureller Kartograf hervor – einer, der die emotionalen und ideologischen Bruchlinien eines zersplitterten Amerika vermisst. Das Ergebnis ist ein Kino, das Aufmerksamkeit fordert – von allen Seiten.

Daher passend zum Abschluss eine zentrale Frage, die sich jeder nach dem Kinobesuch stellen sollte: Können wir – als Individuum, als Gesellschaft, als gesamte Menschheit, endlich einmal damit beginnen nachhaltig dazuzulernen? Können wir in Zukunft endlich klüger, verantwortungsbewusster und mit mehr Weitblick handeln und uns nicht von Fanatikern sowie Ideologen blind steuern lassen, sondern wieder unseren eigenen(!) Menschenverstand einschalten? Oder laufen wir Gefahr, erneut immer wieder in überepochalen Endlosschleifen dieselben Fehler zu machen, dieselben destruktiven Muster zu wiederholen – bis die Eskalation, wie in Eddington, ihren unaufhaltbaren Lauf nimmt?

Kinostart: 20. November 2025
Regie: Ari Aster
Darsteller: u.a. mit Emma Stone, Pedro Pascal, Joaquin Phoenix und Austin Butler
FSK-Freigabe: ab 16
Dt. Verleih: LEONINE Studios
Laufzeit: 2 St. 25 Min.

★★★★★★★☆

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.