Kritik zu „The Running Man“: Eine gelungene Neuverfilmung?

Kritik von Philippe Paturel

Eine gelungene Neuverfilmung: The Running Man von Edgar Wright

Die Zukunft des Fernsehens ist grausam: In der Show „The Running Man“ werden Menschen zu Spielfiguren in einem makabren Wettlauf ums Überleben. Profikiller jagen sie für den Nervenkitzel der Massen, und Millionen Zuschauer verfolgen jeden Schuss, jeden Schrei – live, ungefiltert und voller Begeisterung. Dafür wartet auf die Teilnehmer*innen am Ende der 30-tägigen Challenge ein stolzes Preisgeld. Die Krux an der Sache ist: Bisher hat noch niemand diese 30 Tage überlebt. Dieser dystopischen Welt nach Stephen King hat sich nun Edgar Wright angenommen, der damit nach Filmen wie Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt und Baby Driver erneut ein adrenalingetränktes Spektakel auffährt.

Zwischen den zwei kontrastierenden New Yorks – einer glitzernden Rich Side, in der nur schon das Herumlungern auf der Straße als Ungehorsam unter Strafe gestellt wird, und der heruntergekommenen, verarmten „Slumside“ – entfaltet sich eine Welt, die vollständig von einem einzigen, alles kontrollierenden Medienkonzern beherrscht wird, der auch die mörderische TV-Show produziert. Edgar Wright lässt diesen technokratischen Feudalismus – und das nicht nur dank heutiger technischer Möglichkeiten – weit glaubhafter aufleben als die 80er-Jahre-Verfilmung mit Arnold Schwarzenegger, die man sich aber trotzdem auch immer noch bestens ansehen kann. Das liegt auch daran, dass die Spieler*innen jetzt nicht mehr nur in einer isolierten Arena, sondern vorlagengetreu in ihrer realen Welt ausgesetzt werden. Dadurch können auch unbeteiligte Bürger unfreiwillig in die Show hineingezogen werden.

Unter den Teilnehmern der neuesten Staffel von „The Running Man“ ist auch Ben Richards (Glen Powell) – ein freier Mann mit Gewissen, aber durch seine Vergangenheit geprägt von tiefer Wut auf das System. Er hat sich für die TV-Show angemeldet, weil er keinen anderen Weg mehr sieht, um Geld für die Medikamente seiner kranken Tochter zu beschaffen. Durch diese persönliche Motivation gewinnt die Figur deutlich mehr an emotionaler Tiefe als in der Schwarzenegger-Interpretation. Wrights Film ist weniger comichaft, sondern realistischer und nicht nur deshalb noch offensichtlichere Systemkritik. Wright nutzt die Kulisse noch mehr als die Erstverfilmung, um die TV-Show als Propaganda-Maschine in Szene zu setzen – ein System, das selbstgemachte Wahrheit und Unterhaltung untrennbar miteinander verknüpft.

„STOP FILMING ME!“

Edgar Wright verwandelt Stephen Kings Roman in einen kurzweiligen, stilistisch elektrisierenden Rausch, der von Anfang bis Ende heftig pulsiert vor Adrenalin – nicht zuletzt dank Kameramann Chung-Hoon Chung (Oldboy, Last Night in Soho). Das Zitat „That’s bullshit.“ – „That’s showbiz.“ wird zum bitteren Kommentar über eine Gesellschaft, die (ihre eigene) Lügen als Spektakel konsumiert. Das Ergebnis ist eine in wuthafter Klarheit vorgetragene, immer noch hochaktuelle Parabel über Medienmacht und die Vermarktung menschlichen Leids. Der Film entwirft das Bild einer Welt, in der permanente Sichtbarkeit durch unterschiedliche Umstände nicht mehr freiwillig, sondern verpflichtend ist – und wir trotzdem glauben, aus freien Stücken zu handeln. Wie bei Ben Richards, der zwar die Wahl hat, an der Show teilzunehmen, dem aber in Wahrheit keine andere Option bleibt. Ihm wird eine Realität aufgezwungen, in der Medienkonzerne jeden einzelnen seiner Schritte überwachen und ihn unaufhörlich in die Arena der öffentlichen Aufmerksamkeit drängen. Und selbst wenn er es schafft, abzutauchen, gibt es Wege, ihn ausfindig zu machen. Edgar Wright trifft damit ziemlich genau unseren Zeitgeist, in dem für viele das einzige Ziel nur noch das Überleben im (digitalen) Hamsterrad ist.

Ganz ohne Abstriche kommt der Film dabei aber nicht aus: Die neuen, vermummten Jäger wirken im Vergleich zu Schwarzeneggers kultigen Gegnern fast wie gesichtslose Marionetten – auch wenn das beabsichtigt ist, ihre Bedrohung wirkt so niemals wirklich greifbar. Wo in der Erstverfilmung jeder Schritt der Jäger ein spürbares Gewicht, jede Geste ein Einschüchterungsmanöver war, sind sie nun eher Schatten am Rande der Leinwand, deren Potenzial sich kaum entfaltet. Dass der Film, der sich als kritische Abrechnung mit den Praktiken großer Medienkonzerne inszeniert, ausgerechnet von Paramount Pictures produziert wird – einem der mächtigsten Player der Branche – und gleichzeitig mit zahllosen Produktplatzierungen, unter anderem Puma und Johnnie Walker, aufwartet, wirkt geradezu selbstironisch.

Die Diskrepanz zwischen dem Anspruch, Medien- und Kapitalmacht zu kritisieren, und der eigenen Kommerzialität mag befremdlich wirken, ändert jedoch nichts daran, dass der Film einfach durchgehend grandios inszeniert ist und Spaß macht. Seine freche Energie hält der Film durchgehend aufrecht – vor allem dank zahlreicher brillanter Set Pieces, die nicht nur visuell einfallsreich sind, sondern auch den Humor und die Ironie des Films tragen. Wie wenn Michael Cera ein scheinbar idyllisches Landhaus in ein Fallen-Labyrinth verwandelt, in dem Wassergewehre, Treppen und Möbel zur tödlichen Herausforderung werden. Ein Paradebeispiel dafür, wie der Film seine verspielte Energie mit pointiertem komödiantischem Timing verbindet, ohne dabei Spannung und Ernsthaftigkeit zu verlieren. Rückblickend auf die Blockbuster dieses Jahres sticht The Running Man neben Ari Asters Pandemie-Satire Eddington deutlich hervor!

Kinostart: 13. November 2025
Regie: Edgar Wright
Darsteller:
u.a. mit Glen Powell und Josh Brolin
FSK-Freigabe: ab 16
Verleih: Paramount Pictures
Laufzeit: 2 St. 14 Min.

★★★★★★☆☆

 

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