Kritik von Michael Gasch – erstmals zu lesen am 27. Juli 2025

Was ist Liebe wert? – Materialists von Celine Song
Im Zeitgeist der Trump-Ära kommt man um einen Begriff kaum noch herum: Deals. Immer wieder heißt es da in der Politik „this is a bad deal“, doch was genau einen schlechten Deal ausmacht, bleibt meist vage. Celine Song, die sich mit Past Lives einen Namen gemacht hat, kontextualisiert in ihrem neuesten Film Was ist Liebe wert – Materialists eben jenes ökonomische Narrativ im Bereich des Datings und liefert einige Antworten. Obgleich Song für mehr steht als konventionelle Geschichten im Bereich RomCom, ist Materialists jedoch nicht immer so durchdacht, wie man es gern hätte.
Im Zentrum steht dabei Lucy (Dakota Johnson). Ihr Profil: Attraktiv, beruflich erfolgreich und selbst stolz darauf, in ihrem Beruf als Partnervermittlerin Menschen zusammenzubringen. Ihr Privatleben sieht bei den zwei Männern in ihrem Leben aber nicht minder komplex aus. John (Chris Evans): Ihr Ex-Partner, arm, miese Lebensverhältnisse, jedoch immer da, wenn sie in Problemen steckt. Harry Castillo (Pedro Pascal) hingegen: Stinkreich, charmant, Investmentberater, Deal-Maker, kalt. Eben jenes Ausgangsszenario, welches sich schon Jahrzehnte durch das Kino hinwegzieht, wird ein weiteres Mal zur Spielwiese für Gesellschaftskritik und Massenbespaßung.
Doch dort, wo sich Materialists modern gibt – etwa durch die überspitzte Profilerstellung im Datingprozess – fehlt es oft an Tiefgang. Es fängt damit an, dass es in dieser Welt nur „Bad deal“-Männer gibt, festgehalten in drei Sorten: (1) der treudoofe Versager; (2) der reiche Snob, der mal subtil, mal ganz offen und eiskalt die Ideologie verkörpert, Geld könne alle Probleme lösen; und (3) der Gewalttäter. Dazwischen gibt es nichts und wenn, dann nur auf dem Papier der Dating-Formulare. Die Konsequenzen für die Frauen: Unsicherheit und ständige Überforderung bei all diesen schlechten Deals.
Songs (Pro-Frauen)-Weltbild ist auf dieser Grundlage damit schnell umrissen: Die männergemachte Welt ist problematisch und Frauen müssen dies auslöffeln. Eben jene Kontextualisierungen wären nicht weiter schlimm, würde eine clevere Auseinandersetzung folgen. Mit Dialogen, die an wichtigen Stellen abgewürgt werden, konterkariert sich Song jedoch immer wieder selbst.

“Marriage is a business deal.”
Möchte man Songs Film näher kommen, sollten zwei zentrale Faktoren berücksichtigt werden. Obgleich Materialists als Rom-Com vermarktet wird – gewisse Zuschreibungen wie „charmant, locker und unterhaltend“ bieten sich an – ist doch ein klarer Wille Songs spürbar, über das Genre hinauszuwachsen. Immer wieder geht es dabei um kollidierende Lebensweisen und sogar eine Rückbesinnung, wie es um die Menschen und das zwischenmenschliche Leben im Steinzeitalter bestellt gewesen ist. Gerade durch jene genreuntypische Unkonventionalität gewinnt der Film immer mal wieder an Profil. Die besten Momente von Materialists sind eben jene Momente, wenn Song in Ansätzen schlaue Beobachtungen über die Welt macht und in ihrem Film verarbeitet.
Der Faktor, dass Song der Psychologie immer wieder dezent aus dem Weg gehen möchte, vervollständigt das Gesamtbild. Etwa dann, wenn die Idee, eine Beziehung sei ein Deal, mit der Gravitas einer tiefen Wahrheit vorgetragen wird. Allerdings würde wahrscheinlich niemand ernsthaft bestreiten, dass das Abwägen individueller Ressourcen zum Beziehungsalltag dazugehört. Befragt man einen der größten Forschungszweige der Soziologie im Bereich Identität, Kultur und Subjektivität, sollte man sogar recht viele Erkenntnisse bekommen, die man in einen solchen Film einfließen lassen könnte.
Stattdessen zeigt sich Song die meiste Zeit augenscheinlich unbeeindruckt von der schieren Menge wissenschaftlichen Materials – und zudem recht unwissend, wenn beispielsweise der Begriff „Unicorn“ fällt. Jener Begriff, bekannt aus dem viralen Video „Hot Crazy Matrix: A Man’s Guide to Women“ sowie möglicherweise ursprünglich aus einer Folge von How I Met Your Mother, bietet insbesondere im heutigen Klima der Sensibilisierung reichlich Angriffsfläche. Damals hat man das sicherlich noch mit einem Lächeln abgetan, doch heute ist nicht gestern.
Song entscheidet sich allerdings dafür, den Spieß umzudrehen und den Begriff von den Frauen auf die Männer anwenden zu lassen – dabei scheint der gegenwärtige Zeitgeist genau das Gegenteil zu fordern. Was will uns Song hier also verkaufen? Von einem durchdachten Gesamtbild kann nicht die Rede sein, vielmehr ist es eine unterhaltsame Skizze mit Ambitionen, aber ohne echte analytische Tiefe.
Immerhin ist Materialists in sich stimmig, wenn er seine Themen konsequent marktwirtschaftlich auflädt. Es heißt da beispielsweise „Goodlooking is a value“, unterstrichen von stilisierten Nahaufnahmen von Haarstyling und Make-up in den allerersten Minuten. Dass der Cast Dakota Johnson (Vogue schreibt über sie „girl-next-door beauty“), Pedro Pascal (The Internet’s Daddy) und Chris Evans (Sexiest Man Alive in 2022) umfasst, ist der Sache sicherlich dienlich. So verkauft man den Film und seine wankelmütige Ideologie immerhin etwas besser. So recht verzeihen kann man dem Film seine Schwächen, auch wenn der starke Cast das Ganze zumindest etwas abfedert, jedoch nicht.
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Kinostart: 21. August 2025
Heimkino-Release: 27. November 2025
Regie: Celine Song
Darsteller: u.a. mit Dakota Johnson, Pedro Pascal und Chris Evans
FSK-Freigabe: ab 6
Verleih: Sony Pictures / PLAION Pictures
Laufzeit: 1 St. 57 Min.
★★★★☆☆☆☆
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