Kritik von Marc Trappendreher – erstmals zu lesen am 29. August 2025, gesehen im Rahmen der 82. Filmfestspiele von Venedig 2025.

Grauzonen des Überlebens: No Other Choice von Park Chan-wook
Mit No Other Choice legt Park Chan-wook eine Adaption des Romans “The Ax” von Donald Westlake vor. Im Mittelpunkt steht Man-soo (Lee Byung-hun, Star aus I Saw the Devil und Squid Game), ein entlassener Angestellter, der als Familienvater unter enormem Druck steht. Der Verlust seines Jobs zwingt ihn, den Arbeitsmarkt als gnadenlosen Konkurrenzkampf zu erleben, in dem die Grenzen zwischen fairer Bewerbung und rücksichtsloser Eliminierung verschwimmen. Was als nachvollziehbare Verzweiflung beginnt, entwickelt sich sukzessive zu einer Spirale der Gewalt, die Ausdruck einer grotesken Überlebenslogik ist – Park Chan-wook beschaut all dies mit harschem schwarzem Humor.
Ja, die ersten Bilder des idyllischen Familienvorgartens in voller Frühlingsblüte lassen erahnen: So harmonisch wird sich diese Erzählung bei Park Chan-wook nicht entfalten. Eine blutige Reise in die Abgründe menschlicher Triebe nimmt schon bald ihren Lauf. No Other Choice – der fatalistische Titel deutet einmal mehr die tragische Dimension dieses Films an – zeigt den Leistungsdruck einer südkoreanischen kapitalistischen Gesellschaft, die nicht nur bis tief ins Private eindringt, sondern auch das Selbstwertgefühl des Mannes bestimmt, dass es ihn auf kaum merkliche Art von innen zu zerfressen weiß. Bei Park Chan-wook erfährt der ökonomische Überlebenskampf eine groteske Zuspitzung: Konkurrenz wird zur tödlichen Rivalität – überformt zu einer blutigen Parabel. An deren Ende gewinnt wahrhaftig nur das System, der Mensch hat in Zeiten von Automatisierung und KI längst seinen Platz im wirtschaftlichen Getriebe der Welt verloren.

„Know what we say in Korea? Off with your head.“
No Other Choice reiht sich in Park Chan-wooks anhaltende Auseinandersetzung mit Figuren ein, die an der Schwelle zwischen Mitgefühl und Grausamkeit stehen. Schon seine „Rache-Trilogie“ (Sympathy for Mr. Vengeance, Oldboy, Lady Vengeance) lotete kurz nach der Jahrtausendwende die psychologischen Grauzonen von Täter und Opfer aus. In Die Taschendiebin drehte er diese Dynamik ins Erotische und Intrigante, wo Manipulation und echte Zuneigung kaum zu trennen waren. Die Frau im Nebel wiederum zeigte, wie tief er in das Spiel mit Begehren und Verrat einzudringen vermag, ohne eine eindeutige moralische Lesart zuzulassen.
Auch No Other Choice fügt sich in diese Linie. Hier steht der Überlebensinstinkt eines „gewöhnlichen“ Mannes im Zentrum. Park Chan-wook interessiert sich überhaupt nicht für eine klare Schuldfrage, sondern um den Ausnahmezustand, der vorherrscht, wenn der Riss im moralischen Kompass längst unüberbrückbar ist: Wie weit darf man gehen, um Familie und Existenz zu sichern? Wann schlägt Notwendigkeit in Rationalisierung um?
Darüber hinaus zeigt der Film Park Chan-wooks Fähigkeit, die Genregrenzen spielerisch zu überschreiten. Der Stoff könnte als klassischer Thriller erzählt werden, doch das koreanische Ass durchzieht ihn mit satirischen Spitzen und grotesken Momenten, die die Brutalität zugleich erträglich und noch verstörender machen. Gerade diese Balance von Ironie und Härte durchdringen auch diesen Film. Die Premiere im Wettbewerb von Venedig unterstreicht, dass Park Chan-wook schon längst nicht mehr nur als koreanischer Regisseur, sondern als globale Stimme wahrgenommen wird. Er bleibt ein Autor, der das Publikum mit raffinierten Konstruktionen herausfordert, und dabei immer die emotionalen und ethischen Grauzonen menschlichen Handelns auslotet. No Other Choice erweitert sein Werk um eine weitere Facette: als eine Parabel über den Arbeitsmarkt, erzählt als bitter-komische Tragödie, die das Kino einmal mehr als Spiegel gesellschaftlicher Härten und menschlicher Widersprüche begreift.
Kinostart: 5. Februar 2026
Regie: Park Chan-wook
Darsteller: u.a. mit Lee Byung-Hun und Ye-jin Son
FSK-Freigabe: ab 16
Dt. Verleih: Plaion Pictures
Laufzeit: 2 St. 19 Min.
★★★★★★★☆