Kritik zu „Sentimental Value“: Ein Geniestreich von Joachim Trier

Kritik von Philippe Paturel – erstmals zu lesen am 25. Mai 2025, gesehen im Rahmen des Wettbewerbs der 78. Internationalen Filmfestspiele von Cannes.

Wenn der Lärm der Eltern verschwindet: Joachim Triers Familienchronik Sentimental Value

Die Kamera gleitet über die klare, kühle Schönheit der Osloer Skyline. Schnitt. Nun nähert sie sich einem idyllischen Haus, fährt langsam an dessen Fassaden entlang und zeigt schließlich vereinzelt Fragmente aus dem Leben einer vierköpfigen Familie: wie die Streitereien zwischen den Eltern, bevor der Vater schließlich seine Frau und die beiden Töchter für immer verlässt. Mit seinem Weggang kehrt zwar Ruhe ein, doch zugleich auch eine Leere, die das Haus erfüllt – und das Leben der Schwestern fortan prägen wird. Aus dieser Annäherung heraus entfaltet Joachim Triers neuer Film seine vielschichtig verwobene, eindringliche Erzählung.

Der norwegische Regisseur hat bisher mit jedem seiner Filme eine bemerkenswerte Weiterentwicklung gezeigt. Bereits die Coming-of-Age-Ode Oslo, 31. August oder das psychologische Horror-Drama Thelma haben mich tief berührt, und mit Der schlimmste Mensch der Welt, seinem feinsinnigen Blick auf Identität und Beziehungen, erreichte er für mich erstmals einen wahrhaft herausragenden Schaffenshöhepunkt. Mit Sentimental Value, der erneut im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes lief, und dort zu Recht die längsten Standing Ovations sowie den Grand Prix erhielt, setzt Joachim Trier seine Entwicklung als Regisseur und Drehbuchautor (wieder gemeinsam mit Eskil Vogt) konsequent fort.

Diesmal jedoch in einem familiäreren Kontext, denn während Der schlimmste Mensch der Welt die Selbstfindung einer jungen Frau in zwölf Kapiteln ausleuchtete, richtet Sentimental Value den Fokus auf die beiden mittlerweile erwachsenen Schwestern Nora und Agnes sowie ihren Vater Gustav, von dem sie entfremdet leben, seit er die Familie verlassen hat, um sich ganz seiner Karriere als Regisseur zu widmen. Zur Beerdigung ihrer Mutter taucht Gustav nun plötzlich wieder auf, und zwar mit dem Wunsch, im alten Familienhaus seinen neuen Film zu drehen, in dem Nora die Hauptrolle übernehmen soll: ‚Nur du kannst sie spielen.‘, sagt er zu ihr. Zugleich möchte er jetzt die zerbrochene Familie wieder zusammenzuführen.

Triers fein gezeichnete Fundamente wie Beziehungsdynamiken, Familienstrukturen oder Identitätskrisen, die schon seine bisherigen Filme getragen haben und somit im Kontext seiner Werke längst familiär wirken, entfalten sich auch in Sentimental Value nach und nach. Doch diesmal geht Trier einen, ja gleich mehrere Schritte weiter, wenn er jene möglichen Hintergründe ausleuchtet, die Gustav dazu bewegt haben, seiner Familie den Rücken zu kehren. Plötzlich schimmern in jeder Kameraeinstellung und in jeder Geste der Figuren ganze Sphären vergangener Zeiten auf, deren Echo unvermindert in die Gegenwart reicht – Traumata, die sich wie Risse durch Generationen ziehen. Was andere Filmemacher an dieser Stelle (vermutlich) scheitern lassen würde, entfaltet Trier zu einem bemerkenswert erzählten Drama, in dem sich Figurenentwicklung in der Gegenwart, Erfahrungen der Vergangenheit und die übergreifende Handlung gegenseitig durchdringen.

„My father is a really good director, but he’s a very difficult person. We can’t really talk.“

Sentimental Value macht die Mechanismen von Vergangenheits- und Gegenwartsbewältigung auf nahezu unbeschreibliche Weise erfahrbar. Auf mehreren, fein ineinandergreifenden Ebenen erzählt der Film von Selbstverwirklichung und familiärer Verantwortung, von Missverständnis und Verständnis, von Distanz und Nähe, vom Offensichtlichen und vom nur Angedeuteten. Diese komplexe Struktur verleiht dem Film eine besondere emotionale Intensität, die sowohl interpersonale als auch intrapersonale Dimensionen berührt. Doch selbst ohne all diese subtextuellen Schichten funktioniert Sentimental Value als berührendes Familiendrama, das nicht nur aufrütteln oder unterhalten möchte, sondern aktiv Wege der Annäherung, des Versöhnens und der Liebe erkundet – ganz ohne naiv zu wirken. Psychologisch wie auch emotional betrachtet, thematisiert der Film Spannungsfelder, die jeder Zuschauer auf einer sehr persönlichen Ebene nachvollziehen wird.

Beispielhaft deutlich wird dies in der Szene, in der Gustav zu seinen Töchtern sagt: ‚Ihr seid das Beste, was mir je passiert ist.‘ Nora antwortet darauf: ‚Warum warst Du dann nicht da?‘ Dieser Moment verdichtet die Ambivalenz menschlicher Beziehungen: Liebe kann tief empfunden, aber dennoch unvollständig oder ambivalent gelebt werden. Es ist genau diese emotionale Ehrlichkeit, die Sentimental Value so nachvollziehbar und gleichzeitig so aufwühlend macht.

Zur intimen, mit der Lässigkeit wahrer Größe erreichten Wirkung von Sentimental Value tragen auch die Darsteller*innen wesentlich bei: Die außergewöhnlich begabte Renate Reinsve als Nora, Inga Ibsdotter Lilleaas als Agnes, Elle Fanning in einer strahlenden Nebenrolle und Stellan Skarsgård als Gustav – der übrigens bei der Pressekonferenz in Cannes selbst charmant über die Herausforderung scherzte, Kinder und Schauspielkarriere zu vereinen (DVDs von Irreversible und Die Klavierspielerin hat er ihnen – anders als seinem Enkelkind im Film – jedoch hoffentlich nicht geschenkt). Mit ihrer einfühlsamen Schauspielkunst verleihen sie dem Film jene stille, aber durchdringende Intensität, die ihn nicht nur zu Triers bisher reifstem Werk macht, sondern auch zu einer Generationenstudie, deren familiäre Verflechtungen eine Sensibilität, Weisheit und Durchschlagkraft entfalten, die in die Fußstapfen von Ingmar Bergman, Liv Ullmann und Ingrid Bergman tritt.

Auf meinem Instagram-Kanal gibt es übrigens noch Eindrücke von der Weltpremiere von Sentimental Value in Cannes – darunter auch meine unvergesslichen Momente mit Elle Fanning, Renate Reinsve und Stellan Skarsgård. Die Pressekonferenz könnt ihr euch bei Interesse im Nachhinein weiter unten anschauen.

Kinostart: 4. Dezember 2025

Regie: Joachim Trier
Darsteller:
u.a. mit Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Inga Ibsdotter Lilleaas und Elle Fanning
Originaltitel: Affeksjonsverdi
FSK-Freigabe: ab 12
Verleih: Plaion Pictures
Laufzeit: 2 St. 13 Min.

★★★★★★★★

 

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