Cannes-Kritik: Mandy (USA 2018)

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Als Panos Cosmatos mit gekrümmten Rücken und bescheidenem Gestus bei der Cannes-Premiere seines Films Mandy auf die Bühne tritt, fiel es noch schwer, sich auszumalen, was für ein Film einen erwartet. Cosmatos erzählt, dass er damit u.a. den Tod seiner Eltern verarbeiten wollte. Zugegeben, Mandy ist kein leichtfüßiger, fröhlicher Film. Wenn man zudem mit Science-Fiction-, Horrorfilmen, Dungeons and Dragons und Heavy Metal groß geworden ist, werden die Umrisse des Films klarer. Letztendlich war aber niemand wirklich auf Mandy vorbereitet, was sich auf der einen Seite an den zahlreichen Rausläufern während der Vorführung und auf der anderen Seite an den frenetischen Standing Ovations nach dem Film zeigte.

1983, der Holzfäller Red (Nicolas Cage) lebt mit seiner großen Liebe, der Verkäuferin Mandy (Andrea Riseborough), zurückgezogen in der Wildnis der USA. Als eine Gruppe Sektenanhänger um den manischen Jeremiah (Linus Roache) mithilfe einer Bikergang aus missgestalteten LSD-Zombies Mandy entführt und bei lebendigem Leibe verbrennt, fackeln auch bei Red die Sicherungen durch. Mit selbstgeschmiedeter Waffe und Armbrust im Anschlag begibt er sich auf Rachefeldzug.

Auf seinen bloßen Inhalt herunter gebrochen, entlockt der Film bei den meisten wohl nur ein leises Gähnen, aber zum Glück entzieht sich Mandy ja den meisten Erwartungen. Ungewöhnlich ist, dass der Film mit bitterem Ernst durchzogen bleibt, obwohl er mit Versatzstücken aus Gothic-Kitsch, H.P. Lovecraft und Tobe Hoopers Texas Chainsaw Massacre spielt. Ob die Verlorenheit des Paares in den Wäldern oder die Schwermütigkeit Mandys, jedes Gefühl wird mit elegischer Breitarschigkeit möglichst in Zeitlupe und prallen Primärfarben aufgeblasen. Aus den Lautsprechern dröhnt, fast den ganzen Film über, ein Ambient-Metal-Teppich, der einem laufend versucht, das Herz zuzuschnüren – die letzte Arbeit des verstorbenen Jóhann Jóhannsson.

Stilistisch beschreibt bereits der Vorspann-Song von Prog-Rock-Legende King Crimson das kommende Spektakel, denn das oft dem Progressive Rock vorgeworfene prätentiöse Ausufern von Komposition und Arrangement strebt auch Mandy mit seinen zwei Stunden Laufzeit, trotz einsilbiger Rachegeschichte, an. So teilt sich der Film nicht nur in mehrere, durch fabulös gestaltete, typografische Einblendungen eingeführte, Kapitel, sondern changiert im Tonfall ebenfalls möglichst dynamisch. Auf den melancholischen Beginn, folgt ein Gewitter aus Gewalt, absurdem Humor und kernigen Onelinern. Das macht Laune. Letztendlich aber schwebt über allem das schwere Leichentuch von Reds Trauer, in das sich der gewohnt grandios und ebenso passend ausufernd spielende Nicolas Cage beschwingt einkuschelt.

Cages Spiel geht so weit, dass selbst die Form sich manchmal ihm nur noch dankend unterordnen kann. Dominieren zu Anfang noch minutiös gestaltete Kamerafahrten und Einstellungswechsel, übernimmt Cage spätestens nach Mandys Tod den Film. Im Badezimmer reinigt er sich unter höllischem Geschrei zuerst die äußeren wie auch die inneren Wunden mit Wodka, nur um dann wimmernd auf der Toilette zu versinken. Die Kamera kann diesem Spiel nur noch in der Totalen folgen. Eine kleine Ranfahrt, die an Zooms aus Hong-Sang-su-Filmen erinnert, dient nur noch dem bloßen Näherkommen an den Schauspieler.

In der martialischen zweiten Hälfte des Films, wenn Cage seine Interpretation eines späten Liam Neeson im Mad Max-Universum gibt, darf Cosmatos‘ Inszenierung auch mal wieder das Ruder übernehmen. Die Nummernrevue aus Kills wirkt in ihrer Reihenfolge und Ausführung allerdings manchmal etwas wahllos heruntergekurbelt. Überraschend bleibt es dennoch bis zum Schluss, (SPOILER AHOI >>>) wenn die verdorbene Kirche endlich niederbrennt und Mad-Cage auf seinem Quad feierlich aus dem Bild düst. Im Hintergrund brodelt derweil die deformierte Fantasy-Alternative der amerikanischen West-Pazifik-Landschaft mit drei gigantischen Monden, einem blutroten Himmel und vulkanischen Felskrallen, die den Horizont zerreißen. (<<< SPOILER VORBEI) Wann kommt eigentlich Mandy 2?

Der Film hat leider noch keinen deutschen Starttermin.

Gesehen im Rahmen des 71. Cannes International Film Festivals 2018