"Fast & Furious 6” (USA 2013) Kritik – Schneller und wilder als jemals zuvor

Autor: Philippe Paturel

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„You don’t turn your back on family, even when they do.“

So schnell kann es also gehen. 12 Jahre nach dem Franchise-Auftakt „The Fast and the Furious“ startet nun bereits der sechste Teil der beliebten Car-Chase-Reihe in den Kinos. Nachdem Justin Lin mit den letzten beiden Teilen jedoch das Franchise wieder in Freude bringende Bahnen lenkte, ist „Fast & Furious 6“ nun wieder ein kleiner Rückschritt geworden, nicht minder unterhaltsam, aber mit 130 Minuten für einen Actionfilm deutlich zu lang geraten.

Eigentlich hatten sich Toretto (Vin Diesel) und O’Conner (Paul Walker) fest vorgeschrieben, ihre kriminelle Vergangenheit an den Nagel zu hängen. Doch wie es das Schicksal so will, erscheint FBI-Agent Luke Hobbs (Dwayne Johnson) bei Toretto. Mit dabei hat er ein Photo mit Torettos totgeglaubter Freundin Letty (Michelle Rodriguez), welches bei einem Überfall durch eine unbekannte Gang in Moskau aufgenommen wurde. Toretto ist damit sofort auf den Plan gerufen. Wie kann es sein, dass Letty noch am Leben ist? Hinter der Auflösung dieses Rätsels steckt viel mehr, als sich Toretto und Hobbs jemals hätten vorstellen können. Und so ruft Toretto sein ehemaliges Team, inklusive O’Conner, ein weiteres Mal zum Kampf auf.

Kaum zu glauben, dass sich Justin Lin nach sich überschlagenden Benzintrucks und Hochsicherheitssafes, die ganz Rio de Janeiro in Schutt und Asche versetzt haben, wieder so einiges hat einfallen lassen, um sich selbst in Sachen Action ein Denkmal zu setzen. Die waghalsigen Einlagen, die im neuesten „Fast & Furious“-Ableger bestaunt werden dürfen, würden sogar James Bond nur so vor Neid erblassen lassen. Denn selbst wenn wohl Anfangs niemand daran glauben wird, dass es nach einer spektakulären Autoverfolgung durch die Londoner Straßen nicht noch adrenalinreicher werden könnte, in London ist „Fast & Furious 6“ noch lange nicht am Höhepunkt der Absurdität angelangt.

Aber genau diese Absurdität ist es, welche „Fast & Furious 6“ so wohltuend von Genregurken wie „Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben“ oder „Parker“, die sich festen Genreregeln verschrieben haben, abhebt. Wenn Vin Diesel wie Spider-Man durch die Lüfte fliegt, Dwayne ‚The Rock‘ Johnson in bester Wrestlingmanier zum Showdown antritt und sich Rodriguez und Carano in einem mit Menschen überfluteten Londonder U-Bahnhof die Köpfe einschlagen, dann ist das das beste Beispiel dafür, wie sich Action abwechslungsreich gestalten lässt.

Bedauernswert ist am Ende eigentlich nur, dass der Film durchaus noch besser sein könnte, wenn er sich nicht so stur dem amerikanischen Familienpathos unterordnen und Figuren wieder ins Leben rufen würde, die eigentlich schon zwei Filme zuvor das Zeitliche gesegnet haben. Sicherlich ist manches davon eine logische Schlussfolgerung, damit sich auch „Fast & Furious 6“ unmittelbar im „Fast“-Universum einordnet. Einen faden Beigeschmack hinterlassen diese Entscheidungen aber trotzdem. Vor allem sorgt die Erklärung für Lettys Rückkehr wahrlich für Kopfschütteln, da diese Idee viel zu banal umgesetzt wird. Besonders in der Beziehung zwischen Letty und Toretto zeigt sich überdeutlich, dass zwischenmenschliche Momente keine von Lins Stärken sind. Zudem wissen die Handlungsorte nicht so sehr zu begeistern wie die der letzten Filme. London ist als Schauplatz für einen heißen Sommerblockbuster eben bei weitem nicht so gut geeignet wie Rio de Janeiro oder das mexikanische Grenzgebiet.

Fazit: Trotz seltsam anmutender dramaturgischer Durchhänger und einer deutlich zu langen Laufzeit ist auch „Fast & Furious 6“ wieder Adrenalinkino, wie es momentan nur Justin Lin inszenieren kann. Die unglaublichen Actionszenen der Vorgänger werden nochmals übertroffen, die Darsteller sorgen für Lacher auf beste Chuck-Norris-Art und physikalische Gesetze werden gewollt komplett ignoriert. Doch genau diese Eigenwilligkeit, Genregrenzen ad absurdum zu führen, macht den Film zu sehenswertem Unterhaltungskino, das so hirnverbrannt ist, dass eigentlich nur noch von gekonntem Unsinn die Rede sein kann – von Quatsch, der einfach zu gut präsentiert wird, als dass man dabei keinen Spaß haben könnte. Und der Abspann macht dann auch noch eines klar: Der Höhepunkt ist in diesem Franchise noch lange nicht erreicht.