Kritik: Personal Shopper (FR 2016)

© Weltkino Filmverleih

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Du musst dich von Lewis befreien.

Die wenigsten Horrorfilme kommen ohne Rückgriffe auf ihre Vergangenheit aus. Das Böse, genauso wie das Gute, sind im klassischen Weltbild des Genres ursprüngliche Kräfte. So ursprünglich, dass ihre Existenz womöglich der Welt vorausgegangen sein muss. Etwas sehr altes erwacht. Vielleicht kann es auch gar nicht sterben und plagt nun die Lebenden? So sind die Figuren in diesen Filme oft gezwungen ihre gewohnte, zeitgenössische Umgebung zu verlassen und Orte der Vergangenheit zu besuchen, um das Böse, das an diesen Orten seit langer Zeit haust, schlussendlich zu vertreiben. Dieses sehr einfache Muster ist für den Geisterhorror seit jeher und bis heute mehr oder weniger die Blaupause geblieben. Immer wieder können die bösen Geister nur besiegt werden, wenn das Geheimnis ihrer Vergangenheit gelüftet wird. Ästhetisch fühlt sich der Geisterfilm in alten Villen und Häusern am ehesten wohl. Doch wie lassen sich solche Genre-Strukturen gänzlich in die Gegenwart übertragen?

Nichts geringeres versucht Olivier Assayas in seinem neuen Film umzusetzen. Schon der Titel sorgt für Irritationen, stört die Erwartungen, die vom Horrorkino sonst gehegt und gepflegt werden. Personal Shopper klingt nach Großstadt und „Chick-Flick“, aber nicht nach der Geschichte einer jungen Frau, die auf der Suche nach dem Geist ihres verstorbenen Zwillingsbruders ist. Schon im Vorspann führt uns dies Assayas vor Augen, der bewusst an einen klassischen Geisterfilm erinnert. Maureen (Kristen Stewart) wird von der Witwe ihres Bruders Lewis zur ehemalig bewohnten Villa auf dem herbstlich gefärbten, französischen Ländle geführt. Ein schweres Metalltor, welches das Grundstück bewacht, schließt sich und der Titel Personal Shopper wird groß eingeblendet. Personal Shopper beginnt gewohnt replikativ, nur um immer weiter von den gewöhnlichen Pfaden abzukommen.

Die klassische Dialektik, gut gegen böse, jung gegen alt, alltägliches und paranormales, greift hier ohnehin nicht. Assayas nutzt das Geistermotiv nicht nur narrativ, sondern auch deutlich metaphorisch. Es stellt sich für Maureen nämlich nicht nur die Frage, ob es ihr gelingt Kontakt zu ihrem Bruder aufzunehmen, was „beweisen“ würde, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, sondern auch, wie es ihr gelingen kann, mit dem Verlust und der resultierenden Einsamkeit umzugehen, die durch ihren Aufenthalt im fremden Paris und ihrer fast immer nur in Nachrichten mit ihr kommunizierenden Chefin (Nora von Waldstätten) noch verstärkt wird.

Die Wolken von Sils Maria war ein Film voller intensiver Zwiegespräche, vielen Dialogen, oft in friedvollen Naturräumen, in denen sich in Form von Social Media und Fame-Culture aufrührerisch die Gegenwart einschleuste. In Personal Shopper hat sie das Ruder übernommen. Maureen ist größtenteils allein. Wieder muss Stewarts Figur für einen Promi arbeiten, doch es gibt diesmal keine Intimität, noch nicht mal einen wirklichen Dialog zwischen ihnen. Nur beim mysteriösen Liebhaber ihrer Chefin, gewohnt sardonisch gespielt von Lars Eidinger, entsteht so etwas wie ein kurzer Moment zwischenmenschlicher Nähe, doch letztendlich wird alles von Lewis‘ Geist und somit von Maureens Trauer überschattet.

Natürlich korreliert die Geisterthematik auffällig mit der gegenwärtigen Mischwelt des Analog-Digitalen und Digital-Analogen. Jeder Mensch ist nicht nur Fleisch und Blut, sondern er ist auch Teil der gespenstischen Cloud. Maureen ist schließlich ein Medium. Ein Begriff, der vor hundert Jahren noch ganz selbstverständlich im Spiritismus sein Zuhause hatte. Heute haben wir dagegen die Neuen Medien mit ihrer grenzenlosen Kommunikation, durch die man allein sein kann, ohne sich so fühlen zu müssen. Jeder Mensch kann so zu einem digitalen Gespenst werden.

So eines scheint auch im Laufe des Films zu Maureen Kontakt aufzunehmen. Eine unbekannte Entität schickt ihr invasive SMS-Nachrichten, die implizieren, dass sie beobachtet wird. Ist es Lewis? Es entspinnt sich ein szenenumspannender SMS-Dialog, den Assayas sehr natürlich bebildert, der dafür umso intensiver in einem fantastischen und einem Horrorfilm wahrhaft angemessenen Spannungsmoment gipfelt. Verräterisch nachvollziehbar wie Maureen vorher nach außen verschlossen, analog unantastbar, bleibt, während sie sich dem Unbekannten medial schrittweise öffnet, ihre Ängste und Wünsche offenbart und sie auch beginnt auszuleben.

Die schönste Idee dieses ungemein präzisen und beispiellos modernen (Horror-)Films liegt wohl in seiner Offenlegung unseres kuriosen Verlangens, wie Geister in der Schattenwelt der Neuen Medien, uns ausleben zu können ohne dabei gesehen und zur Rechenschaft gezogen zu werden. Keine Konsequenzen: Wenn‘s hässlich wird, einfach den Verlauf löschen oder das Leben nach dem Tod genießen.