Kritik: The Revenant – Der Rückkehrer (USA 2015)

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© 20th Century Fox

God giveth, God taketh away.

Alejandro González Iñárritu war schon immer ein heißes Eisen im anspruchsvollen Weltkino, mit seiner inoffiziellen Todes-Trilogie „Amores Perros“, „21 Gramm“ und „Babel“ hat der mexikanische Autorenfilmer frühzeitig in bemerkenswerter Fasson unter Beweis gestellt, dass er in der Lage ist, dem Innenleben seiner Charaktere entschieden nachzuspüren und sich dabei keinesfalls vor Abgründen, aber ebenso wenig vor dem Silberstreif am Horizont zu verschließen. Sicherlich, ein Freund der großen Gesten war Iñárritu schon immer, die zermürbenden Schicksalsschläge türmte er zuweilen bis ins Unermessliche, und gerade in „Biutiful“ beschlich einen als Zuschauer doch ein deutliches Gefühl affektiver Übersättigung, wurde man doch Zeuge davon, welch Marter der von Javier Bardem gewohnt erstklassig verkörperte Uxbal zu durchleiden hatte. Seitdem Iñárritu für „Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“, seine herausragende intermediale Meditation über die Kunst und das Künstlerdasein höchstselbst, mit dem Oscar in den Kategorien Bester Film, Beste Regie und Bestes Originaldrehbuch bedacht wurde, verlieh ihm das den Persilschein dahingehend, ein Mammutprojekt wie „The Revenant – Der Rückkehrer“ nach seinen Vorstellungen zu realisieren.

Die durchsickernden Nachrichten über die Dreharbeiten, die nach und nach durch das Netz kursierten, gemahnten zuweilen schon an die Tage, in denen es noch einen Werner Herzog in die Tiefen des südamerikanischen Dschungels verschlagen hat: Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio („Departed – Unter Feinden“) selbst sprach von der Hölle auf Erden und sieht „The Revenant – Der Rückkehr“ weniger als Film per se, sondern vielmehr als einschneidendes Kapitel, welches den Verlauf seines weiteren Lebens nicht unwesentlich prägen wird. Tatsächlich sieht man dem fertigen Werk die großen Worte des Superstars durchgehend an: „The Revenant – Der Rückkehrer“ ist ein Kraftakt, der nicht nur die Energie von Cast und Crew absorbiert hat, sondern auch den Zuschauer in seinen intensivsten Momenten dermaßen (heraus-)fordert, dass sich das Seherlebnis mehr noch als Zerreißprobe beschreiben lässt. Alejandro González Iñárritu bestand darauf, einzig und allein auf natürliche Lichtquellen zu setzen, was rückwirkend bedeutet, dass sich die tägliche Drehzeit oftmals nur auf zwei Stunden belief, wenn das kostspielige Equipment nicht von den extremen Witterungsverhältnissen (-40°C) sabotiert wurde.

Ob all die Martern vonnöten gewesen wären, lässt sich nicht so einfach beantworten, über die Frage, ob sie umsonst gewesen sind, kann indes definitiv Aufschluss gegeben werden: Absolut nicht. „The Revenant – Der Rückkehrer“ ist noch pures, ungefiltertes Kino, so dreckig und erbarmungslos, als wäre es das erste Mal, dass wir uns den höheren Mächten der Natur ausgesetzt sehen. Als erfahrener Teil einer in Nordamerika operierenden Expeditionsgruppe ist Trapper Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) unter dem Kommando von Andrew Henry (Domhnall Gleeson, „Frank“) mit dafür verantwortlich, neue Territorien zu erschließen. Es dauert nur wenige Minuten, kaum mehr als fünf, bis sich bestätigen lässt, was freilich jeder erwartet hat: „The Revenant – Der Rückkehrer“ zehrt von einer sagenhaften formästhetischen Brillanz. Emmanuel Lubezki, der zuletzt für „Gravity“ und „Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit“) mit dem Goldjungen honoriert wurde, verdeutlicht mal wieder nachdrücklich, dass er der Meister der extravaganten Plansequenz ist: Seine Kamera wird zum Taktstock, zum narrativen Instrument, zum Wegweiser in die Ewigkeit.

Wie er sich den erschlagenden, in Kanada und Argentinien eingefangenen Naturimpressionen annimmt und aufsaugt, sie bestaunt und verabscheut, um gleich danach wieder den Kontakt zum Menschen zu suchen, zu den schmerzverzerrten Gesichtern, den schlammbesudelten Visagen, die immer wieder den gesamten Kader ausfüllen, zeugt von einer künstlerischen Intelligenz und Kompetenz, die womöglich nur eine Handvoll Kameramänner momentan vorzuweisen haben. „The Revenant – Der Rückkehrer“ jedenfalls besitzt Bilder und Einstellungen, die in ihrer naturalistischen Gewalt unvergesslich erscheinen; die in ihrer Erhabenheit gar musische Gedanken bemühen: Selten, wahrscheinlich nie in den letzten Jahren, waren Schneewüsten auslaugender, Stromschnellen reißerischer, Bärentatzen angsteinflößender, Fleischwunden klaffender, Speichelfäden endloser und die physische Entkräftigung greifbarer. „The Revenant – Der Rückkehrer“ ist so nah am Geschehen und der Tour de Force des erneut bestechend agierenden Leonardo DiCaprios, die motivische Verknüpfung von unberührter und menschlicher Natur so archaisch, dass man sich wohl den ganz dicken Rollkragenpullover überwerfen muss, um dieses Survival-Epos halbwegs unbeschadet zu überstehen.

Aber distanziert man sich erst einmal von der audiovisuellen Wucht, mit der „The Revenant – Der Rückkehrer“ auf den Zuschauer einwirkt, wird man sich auch eingestehen müssen, dass Alejandro González Iñárritu hier den Fehler begeht, seine Überlebensgeschichte mit unnötigen Nebensträngen aufzubauschen. Der Ursprung des Rache-Motivs selbst ist dramaturgisch ineffektiv und der rohen Wirkung des mitreißenden Films zuweilen (nur minimal) abträglich, wenn auch emotional selbstredend nicht unbegreiflich, weil „The Revenant – Der Rückkehrer“ nicht darauf setzt, die Vater-Sohn-Beziehung akkurat zu behandeln respektive zu grundieren. Stattdessen nutzt er diesen Aspekt, um sich prätentiöse Schlenker ins esoterische Niemandsland zu gönnen, in dem die kulturelle Zwienatur Hugh Glass dann durch bedeutungsvoll-surreale Traumsequenzen waten darf. Es fällt jedoch nicht schwer, über diese kakophonischen Zwischentöne hinwegzusehen, denn die zerstörerische Schönheit der Natur und der lange Atem der Bestie Mensch bestimmen das Opus in suggestiven Aufnahmen. Und mit absoluter Sicherheit: Die markerschütternden Schreie von Leonardo DiCaprio, als ihn der Grizzlybär in die Mangel nimmt, brennen sich jedem ins Gedächtnis.