Kritik von Michael Gasch

Stand-up-Comedy als Selbsttherapie: Is This Thing On? von Bradley Cooper
In den Regiearbeiten von Bradley Cooper sind stets zwei Symboliken erkennbar. Auf der einen Seite findet sich im gefeierten Regiedebut A Star Is Born als auch in dem Nachfolgewerk Maestro der „Funke“ im Menschen, der entweder hell leuchtet oder im Begriff ist, zu erlöschen. Das Symbol des Sterns, gleichermaßen ein Zeichen von Distanz, Größe und Projektion, steht dem kleinen Individuum dabei entgegen. In großer Distanz schwebend wird Bezug genommen auf Themen wie Leidenschaftlichkeit und den Drang, etwas Großes zu erschaffen. Passend heißt es da auch im Oscar-prämierten Song „Shallow“: Tell me something, girl. Are you happy in this modern world? Or do you need more? Is there something else you’re searchin’ for?
Das Nachfolgewerk Maestro führte diese Motive am Beispiel des großen Komponisten Leonard Bernstein fort. Klassischer fiel dabei die Dichotomie zwischen den zwei Sinnhaftigkeiten des Protagonisten – der Kunst und der Liebe – aus. Nun, in seinem neuesten Film Is This Thing On?, trägt er abermals diese Symboliken auf die große Leinwand und präsentiert ein gleichermaßen ernstes wie bittersüßes Portrait über menschliche Erfüllung.
Bereits der Titel fungiert als programmatische Setzung. „Funktioniert das Ding?“, so ließe es sich wohl am besten ins Deutsche übersetzen, lässt sich nicht nur auf zum Beispiel das Mikrofon einer Bühne beziehen, sondern entfaltet eine universelle Dimension. Die Frage zielt auf eine Funktionalitätsüberprüfung, anwendbar auf die unterschiedlichsten Kontexte: den eigenen Körper oder Psyche, den moralischen Kompass eines Menschen, eine Beziehung, auch wieder den „Funken“, woran Cooper erneut anknüpft. Protagonist Alex Novak (Will Arnett) stellt sich diese Frage auf einer Stand-up-Comedy-Bühne. Und genau da passt diese Frage vermutlich am allerbesten hin, verinnerlicht sie doch gleichermaßen tangierendes als auch humoristisches Potential. Es ist dabei eine Laune des Schicksals, die ihn in diesen Barkeller führt, wo er sich vor einem offenen Mikrofon und einer kleinen Zuhörerschaft sprachlich entblößt. Als weißer Mann einer mittelständischen Familie scheint er glücklich zu sein, doch der Schein trügt – und so wird die Bühne einmal mehr der Ort zur Selbsttherapie.
Auch narrativ weckt diese Konstellation Erinnerungen an A Star Is Born. Dient diese Bühne hier erneut als Sprungbrett, um dem grauen Alltag zu entkommen und ein weiteres Mal nach den Sternen zu greifen? Cooper unterläuft diese Erwartung bewusst. Obgleich die Geschichte lose auf dem Werdegang des britischen Comedians John Bishop basiert, versteht sich der Film als Reflexion einer globalisierten Kultur. Bereits in den 1920er-Jahren entwickelte sich die Stand-up-Comedy in den USA aus Unterhaltungstraditionen wie dem Vaudeville und dem Burlesque. Aus diesen Bühnenformen entstand eine neue, direktere Art des Humors, bei der einzelne Künstlerinnen und Künstler allein vor Publikum auftraten. Von dort aus verbreitete sich das Genre rasch international und wurde zu einer eigenständigen, weltweit erfolgreichen Kunstform. Heute findet man sie überall – in Bars, im Fernsehen, zur Genüge auch auf YouTube. Ganze Karrieren hat sie ermöglicht, wie es John Bishop mit seinen humorvollen Stories aus dem Alltag auf den Punkt bringt. Stand-up vereint damit Karrieremöglichkeit als auch kulturelle Praxis zwischen Selbstinszenierung, Therapie und sozialer Interaktion.

„I was unhappy in our marriage, I wasn’t unhappy with our marriage.“
Eine konsequente postironische Haltung durchzieht dabei gleichermaßen die Geschichten des Protagonisten als auch den gesamten Film. Nie lässt sich ganz sagen, wie viel Ironie oder genereller (schwarzer) Humor in diesen Erzählungen drinsteckt – oder besser gesagt wie viel Humor der Redner und Regisseur dem Gesagten zuspricht. Besonders interessant ist dabei die beiderseitige Symmetrie zwischen Redner und Publikum: Das Publikum erfährt Unterhaltung, Ablenkung und ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, während der Redner die Gelegenheit zu kreativem Ausdruck, persönlicher Reflexion und emotionaler Befreiung erhält. Selbst hier lässt sich eine Verbindung zum Titel herstellen: Funktioniert das Ding (die Stand-up-Comedy)? Vor diesem Hintergrund lässt sich sagen: Ohne Zweifel!
So vielschichtig das Motiv der Funktionalitätsüberprüfung auch erscheinen mag, es kann gegen Ende hin die Geschichte nicht zu einem krönenden Abschluss bringen. Denn da, wo Coopers Filme am Ende immer auf eine starke emotionale Wirkung setzten, zeigt sich sein neuer Film deutlich distanzierter, fast schon zu zurückhaltend. Das liegt auch daran, dass die großen Abstürze und existenziellen Tiefpunkte, die seine Dramen bislang kennzeichneten, weitgehend fehlen. Auf den ersten Blick kann man das durchaus wohlwollend sehen – schließlich stellt sich die Frage, wer in der Filmografie von Bradley Cooper wirklich noch ein drittes Mal diese überaus ernste, sentimentale Schwere benötigt?
Es lohnt sich abschließend über das Midlife-Crisis-Kino zu sprechen. Während etwa American Beauty, Lost in Translation oder Sideways ihre Männerfiguren in einem Spannungsfeld aus Selbsttäuschung, Sehnsucht und widersprüchlichen Impulsen verorten und innere Reflexionsphasen geduldig elaboriert werden, zeigt sich Coopers Film reduzierter. Die Krise wird weniger als offener Prozess, mehr als Station begriffen, die es erzählerisch möglichst effizient zu durchqueren gilt. Doch gerade hier stellt sich Cooper selbst ein Bein: Entwicklungen wirken gesetzt, nicht errungen, Einsichten eher behauptet als erarbeitet. So endet der Film mit einem überdeutlichen Blick auf seine Figuren, eigentlich typisch für Coopers Werke. Da, wo seine Figuren am Ende mit innerer Leere und Traumabewältigung konfrontiert werden, zeigt sich Is This Thing On? jedoch von einer anderen Seite. Geschichten sind auserzählt, Wunden fast schon wieder am heilen – und gerade deswegen hätte sich eine kulturelle Abstraktion angeboten, also eine stärkere Einbettung in die gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhänge, in denen die Figuren agieren. Funktioniert das Ding? – die Frage könnte man nun auch auf den gesamten Film beziehen. Ja, aber mit einigen Abstrichen.
Kinostart: 19. März 2026
Regie: Bradley Cooper
Darsteller: u.a. mit Will Arnett, Laura Dern und Bradley Cooper
FSK-Freigabe: unbekannt
Dt. Verleih: Walt Disney Germany
Laufzeit: 2 St. 04 Min.
★★★★★☆☆☆
Entdecke mehr von CinemaForever.net
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.