Kritik zu „Roofman“: Channing Tatum als Hochstapler

Kritik von Michael Gasch

Channing Tatum als Der Hochstapler: Roofman von Derek Cianfrance

Das Filmgenre des Caper Movies (auch Heist Movie) blickt auf eine große Geschichte zurück. Klassiker sind dabei Jules Dassins Rififi (1955), Stanley Kubricks The Killing (1956), Jules Dassins Topkapi (1963), bis hin zu wegweisenden Klassikern der 70er Jahre wie Vier im roten Kreis von Jean Pierre Melville, Der Clou von George Roy Hill sowie Hundstage von Sidney Lumet. Im Zentrum steht dabei immer ein komplizierter Einbruch, ein Raub oder eine anderweitig gewiefte Betrügerei, gefolgt von unterschiedlichen narrativen Verläufen. Diverse Motive sind dabei auszumachen – sei es die Flucht vor dem Gesetz (Kriminologie), der Anfang eines neuen Lebens (Soziologie), bis hin zur Introspektion (Psychologie).

Neben diesen geisteswissenschaftlichen Anstrichen sah darin später besonders das amerikanische Kino eine Möglichkeit, echte Fälle – die nur in den USA passieren können – zu adaptieren. Schon Sidney Lumets Hundstage basierte lose auf einem Bankraub in Brooklyn aus dem Jahr 1972. Später kamen beispielsweise Steven Spielbergs Catch Me If You Can (2002) oder Martin Scorseses Finanz-Caper-Film The Wolf of Wall Street (2013) hinzu, die wahre Begebenheiten als Grundlage nahmen, um daraus eine abendfüllende Erzählung zu gestalten und den Menschen hinter dem Verbrechen zu ergründen. Immer wieder durchzieht diese Geschichten eine Faszination am Individuum – sei es in der schrulligen Eigenart oder, vor allem, in ihrer inneren Ambivalenz, wie man sie besonders bei Antihelden und moralisch handelnden Dieben findet. Zwei weitere aktuelle Filme schließen sich hier an: Gus Van Sants Dead Man’s Wire (demnächst im Kino) und Der Hochstapler – Roofman, der nun ab dem 27. November 2025 auf der großen Leinwand zu sehen ist.

Finanziell am Ende und ohne Plan B, beschließt Jeffrey Manchester (Channing Tatum), ehemals Offizier der Reserve der US-Armee, einen etwas unkonventionellen Weg zum Geld: Er klettert auf Dächer von McDonald’s und anderen US-Großketten, schneidet Löcher in die Decken, raubt die Läden erfolgreich aus und erhält von den Medien fortan den markanten Beinamen Roofman. Nachdem er geschnappt und zu 45 Jahren Freiheitsentzug verdonnert wird, bricht er aus dem Gefängnis aus und landet in dem wohl ungewöhnlichsten Fluchtversteck der Stadt: einem Toys “R” Us in Charlotte. Tag für Tag versteckt er sich dort fortan nicht nur vor der Polizei, sondern auch dem tyrannischen Filialleiter Mitch (Peter Dinklage) sowie der herzlichen Angestellten Leigh (Kirsten Dunst).

„What if I made different choices?“

Schon in dieser Ausgangssituation wird ein gewisses humoristisches Potenzial deutlich, vor allem wenn man Bilder aus alten Comicheften vor Augen hat, in denen Gefängnisbehörden und Verbrecher in einem spielerischen Katz-und-Maus-Verhältnis stehen. Regisseur Derek Cianfrance (Blue Valentine) entscheidet sich zuweilen auch für diese kindliche Karikaturhaftigkeit, beispielsweise wenn Jeffrey die erste Nacht im Spielzeuggeschäft landet und der Traum vieler Kinder eine bildliche Form erhält. Der große Unterschied: Während diese Objekte der Begierde die Leere (zumindest kurzweilig) im Kind stillen, kristallisiert sich beim erwachsenen Jeffrey das komplette Gegenteil heraus. Fast nichts kann das Vakuum in diesem gebrochenen Mann füllen, bis auf seine Familie.

Es folgt ein zeitloser Blick auf die USA, da bewusst auf jede Jahresangabe verzichtet wird – eine Entscheidung, die sich im Verlauf der Geschichte als eine der klügsten von Cianfrance erweist. Gezeigt wird eine Welt, die von Globalisierung und medialer Berichterstattung geprägt ist. McDonald’s steht dabei exemplarisch für zahlreiche Unternehmen, die nach dem Franchise-Prinzip arbeiten: Der Franchise-Geber – in diesem Fall die McDonald’s Corporation – vergibt Lizenzen an selbstständige Partner, die fortan Fast Food unter dem Markennamen McDonald’s verkaufen. Diverse Kriterien, die unbedingt eingehalten werden müssen, bilden hierbei das Rückgrat dieses Systems.

Von der Dicke des Fleischpatties, über die Inneneinrichtung, bis eben auch zur Decke inklusive Dachbalken, Isolierung und Installationen – alles muss dabei einer strengen Vorgabe entsprechen. Clever zeigt uns Cianfrance, dass die Globalisierung in Form dieser Vereinheitlichung dem Kriminellen sehr in die Karten spielt: Einmal eine Schwäche entdeckt, kann er dieses Wissen ausnutzen und auf jede weitere Filiale unmittelbar anwenden. Eben jene explorative Sicht auf die Welt – es heißt da an einer Stelle „You see shit people don’t see.“ – wird damit zum narrativen Motor. Zusätzlich spielt die mediale Aufmerksamkeit eine Rolle: „People get bored with last week’s news.“ heißt es an anderer Stelle, womit ein weiterer Blick auf das amerikanische Leben geworfen wird.

Immer wieder finden sich solche kleinen kulturellen Beobachtungen, die zwar nie beim Namen genannt werden – und doch die Geschichte am Rande formen. Gleichermaßen fasziniert an Mikro- und Makroebene vereint Cianfrance zwei gleichbedeutende Fragen. Einerseits: Welche Art Mensch verbirgt sich hinter dem Roofman, dessen Entscheidungen ihn im Leben immer wieder in die Bredouille manövrieren? Und andererseits: Wie sieht das System aus, dass diese Art von Kleinkriminellen hervorbringt? Psychologische und soziologische Aspekte – von Social Engineering über den Drang nach Zugehörigkeit bis hin zum Motiv der Familie – verleihen der zeitgemäßen Heist-Komödie eine wohltuende Tiefe und ein Herz am rechten Fleck. Weil all diese Elemente mit spürbarer Wärme erzählt sind, wirkt Der Hochstapler – Roofman trotz seiner bisweilen vorhersehbaren Dramaturgie durchgehend stimmig und unterhaltsam.

Kinostart: 27. November 2025
Regie: Derek Cianfrance
Darsteller:
u.a. mit Channing Tatum und Kirsten Dunst
FSK-Freigabe: ab 12
Verleih: LEONINE Studios
Laufzeit: 2 St. 06 Min.

★★★★★★☆☆

 

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